Nur Nuancen - FALTER.maily #801

Armin Thurnher
Versendet am 08.05.2022

Es war nur ein Moment in einer Feierstunde. Im Kongresssaal des Kanzleramts gedachte man des Tages der Befreiung vom Nationalsozialismus. Der Historiker Stefan Karner hielt eine Haupt- und Staatsrede, in der es mich ein paarmal riss. Ein Zwischenschnitt in der ORF-Übertragung, die ich mir anschaute, zeigte kurz einen Heinz Fischer, dessen Hand seinen Oberschenkel nervös tätschelte, ein Ausdruck von Unbehagen, der bei diesem beherrschten Mann etwa das bedeutet, was bei mir einem Schlag mit einer Axt mittlerer Größe in einen groben Holzklotz gleichkäme.

Als Karner beispielsweise sagte, Karl Renner habe im Auftrag Stalins die Zweite Republik gegründet, aber nicht erwähnte, dass Renner selbst die Initiative ergriff und erst – nach kurzem Zögern Stalins – den Auftrag erhielt, da klang das doch in meinen stumpfen Ohren die Sache beinahe so, als habe Stalin die zweite Republik Österreich gegründet.

Und als Karner erwähnte, Bundeskanzler Franz Vranitzkys Bekenntnis, Österreich bekenne sich zu seiner Mitschuld an den Missetaten des Dritten Reichs, sei auch auf internationalen Druck zustande gekommen, dann unterschlug das, dass sämtliche Kanzler zuvor diesem Druck nicht nachgegeben hatten. Wenn Karner im gleichen Atemzug erwähnte, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel habe mit den Wiedergutmachungszahlungen ein weiteres wichtiges Kapitel der Auseinandersetzung mit Österreichs Vergangenheit geschrieben, und dabei nichts von internationalem Druck sagte, der in dieser Angelegenheit mindestens ebenso groß war wie vor Vranitzkys Erklärung, dann hörte ihr zwar schon leicht alterstauber Zeitzeuge doch die Nachtigall trapsen.

Auch Zungenschläge können harte Schläge sein. Andererseits ist es eben Österreich, wenn den offiziellen Historikern die parteiliche Sympathie beim Sakkotascherl herausschaut wie ein Stecktuch. Es ist ja auch nicht so wichtig. Es wurde nur live im Fernsehen übertragen.

Noch weniger wichtig war eine Begebenheit am Ende der Feierübertragung. Gespielt wurde das Larghetto aus Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenquintett K. 581, eines der größten Musikstücke und „von feinster Art“, wie der Musikwissenschaftler Alfred Einstein das ausdrückte. Die Regie des ORF erwies sich demgegenüber als musikalisch unfein, inkompetent oder unvorbereitet. Jedenfalls zeigte sie treffsicher jeweils jene Musikerinnen, die gerade musikalisch weniger Bedeutendes zu sagen hatten. Dann spielte sie den Abspann hinein, und kurz danach brach die Übertragung ab – mitten im Musikstück.

So etwas tut man nicht. Schon gar nicht als der öffentlich-rechtliche Sender einer Nation, die sich selbst als Kulturnation rühmt. Aber die Kultur haben sie eh ans Radio und an ORF III delegiert, es herrscht diesbezüglich Arbeitsteilung. Kulturlosigkeit in den Hauptsendern, Kultur als Spartenproblem. Wie bei der Gedenkfeier: zur Garnitur zwischendurch, als Zeitvertreib, bedeutungslos.

Man spielt im ORF übrigens meist auch nicht die Nachspänne von Filmen. Die kostbare Zeit wird für Werbung benötigt. Die gleiche Folge der Krimiserie "Tatort" im ORF unterscheidet sich von jener in der ARD dadurch, dass in Österreich der Nachspann abgeschnitten wird. Das ist keine kleinliche Meckerei. Der Nachspann von Filmen zeigt, wer mitgewirkt hat, er gibt in den Credits den Produzierenden Kredit. Es ist ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung, sich das anzusehen. Ich weiß, im Kino gilt es als altmodisch, man steht auf und beeilt sich, als erster zum Ausgang zu kommen; nur altmodische Cineasten bleiben hocken und sehen sich die ganze Namensliste an.

Diese Art von Respekt mag altmodisch sein; sie gehört zu jenen altmodischen Dingen wie das Bemühen um Äquidistanz, Überparteilichkeit und Genauigkeit, die man von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten kann und die ihn von einem privaten unterscheiden sollten wie eine Republik von einer Firma. Aber sie kennen mich ja, in diesen Dingen bin und bleibe ich kleinlich und verkniffen.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Ihr Armin Thurnher

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