Das Salz dieser Erde - FALTER.maily #803

Klaus Nüchtern
Versendet am 10.05.2022

Ich melde mich diesmal wieder einmal in meiner Funktion als Falter-Vogerlwart (FaVoWa) zu Wort, als welcher ich jeden Dienstag im FALTER.morgen einen "Vogel der Woche" (VdW) vorstelle. Die im Dezember des Vorjahres veröffentlichte Artenliste heimischer Vögel umfasst übrigens 443 Arten; und damit nicht immer nur apokalyptische Nachrichten verbreitet werden, sei darauf hingewiesen, das seit 2017 sechs neue dazugekommen sind, nämlich Jungfernkranich, Präriemöwe, Eleonorenfalke, Bergkalanderlerche, Wüstengrasmücke und Polarbirkenzeisig. Es sind alles keine sonderlich aussichtsreichen Kandidaten für den VdW, da dieser vom FaVoWa eigenäugig gesehen und eigenhändig geknipst worden sein muss.

Um mein Spektrum etwas zu erweitern, habe ich vergangene Woche ein paar Tage in Montenegro verbracht. Die Reise führte nach Rijeka Crnojević am gleichnamigen Fluss, der in den Skadarsee mündet, dem größten See des Balkans. Die Landschaften, die ich dort zu sehen bekam, sind spektakulär. Höhepunkt der Reise war allerdings der Besuch in einem Winkel des Landes, der aufs erste nicht sonderlich pittoresk anmutet, sondern eher an Andrej Tarkovskijs "Stalker" denken lässt: eine aufgelassene Saline bei Ulcinje, einer alte Piratenstadt im Süden des Landes, unweit der albanischen Grenze.

Die Geschichte der Saline von Ulcinj, die in Gregor Šubic’ kurzem und berührendem Dokumentarfilm "Der gefährdete Schatz von Ulcinj" erzählt wird, ist auch eine Geschichte menschlicher Wurschtig- und Verantwortungslosigkeit, die belegt, wie es einem Wirtschaftssystem, das den privaten Profiten Vorrang vor dem Allgemeinwohl einräumt, spielend gelingt, natürliche Ressourcen und Arbeitsplätze zu vernichten. Die Saline, in der einst vier-, fünfhundert Menschen beschäftigt waren und die sechzig Prozent des Salzbedarfs des ehemaligen Jugoslawien deckte, wurde 2003 privatisiert und nach dem Konkurs des Unternehmens zehn Jahre später geschlossen. Obwohl zum Schutzgebiet erklärt, hat die Regierung das Arreal 2008 als Bauland genehmigt, weil sich irgendjemand in den Kopf gesetzt hat, auf diesem Platz Luxusressorts zu errichten.

Passiert ist seit 2013 freilich gar nichts. Die Gebäude rotten vor sich hin, ein dreckiger Salzberg ragt als bizarres Gebirge in der Mitte einer verfallenen Halle empor. Das ist einerseits schlimm, andererseits noch ein Glück, denn zumindest wurde damit der Lebensraum von Millionen von Zugvögeln erhalten, die hier Jahr für Jahr ankommen. Der ehemalige Salzbauer Smail Kraja, der um Lohn und Pension gebracht wurde und im Film als Hauptzeuge des Niedergangs der Saline zu Wort kommt, vergleicht das Glück, einen Vogel zu sehen, mit dem Bewirten eines Gastes: "Der Vogel gründet hier eine Familie oder er bringt seine Familie in die Saline Ulcinj, so wie wir ans Meer fahren." Ein schöner Vergleich.

Für den vogelnarrischen Touristen aus Österreich, der hier erstmals einen Rallenreiher, einen Triel, eine Rotflügelbrachschwalbe, einen Zistensänger oder hunderte von Flamingos sehen wird, ist der Besuch der Saline ein ebenso faszinierendes wie eigenartiges Erlebnis. In anderen Ländern, allen voran im von Birdingnerds bevölkerten Großbritannien, gäbe es hier ein Info-Zentrum, in dem Birdwatching-Touren angeboten würden, samt Café und einem Shop, in dem man Ansichtskarten, Broschüren, Bücher, Plakate, Flamingo-Anhänger und anderes einschlägiges Merchandising kaufen könnte. In Ulcinj gibt es ein kleines Häuschen mit einem Mann, der die Namen der Besucher in eine Liste einträgt und diese dann in die reich strukturierte Landschaft entlässt, wo auf nur 15 Quadratkilometern über 250 Vogelarten beheimatet sind.

In dem erwähnten Film, den ich wärmstens empfehlen kann, ist nur ein Bruchteil davon zu sehen: Seidenreiher, Zwergseeschwalbe, Blauracke, Flamingo, Stelzenläufer, Bienenfresser, Braunkehlchen. Die Blauracke ist mir leider entgangen, alle anderen kann ich durch persönliche Sichtung bestätigen. Mein neuer Held aber ist der Zistensänger. Mehr zu ihm demnächst an anderer Stelle.

Klaus Nüchtern

250 Vogelarten auf einer Fläche von 15 Quadratkilometern. Das dürfte weltweit ziemlich einzigartig sein. Man muss sich diese Relation einmal vor Augen halten. Österreich verbaut jedes Jahr 42 Quadratkilometer, also fast das dreifache an Bodenfläche, die dann nicht mehr als Naturraum und zur landwirtschaftlichen Nutzung zur Verfügung steht. In seiner Covergeschichte über "Die betonierte Republik" leistet Benedikt Narodoslawsky eine deprimierende Bestandsaufnahme, wie unverantwortlich, sorg- und planlos hierzulande mit der Ressource Boden umgegangen wird.

Noch nie habe ich so viele Girlitze gehört und gesehen wie in Ulcinj. Hierzulande gilt die kleinste Finkenart als gefährdet und steht auf der Roten Liste – so wie auch das Braunkehlchen oder das Rebhuhn, dessen Bestand in den letzten zwanzig Jahren um 75 Prozent zurückgegangen ist. Der beängstigende Schwund des Vogelbestandes ist aber nur ein Indikator für unseren destruktiven Umgang mit der Natur und hängt unmittelbar mit dem Insektensterben zusammen. Der britische Biologe Dave Goulson hat darüber das vielbeachtete Buch "Stumme Erde" geschrieben. Eine Besprechung sowie ein Interview mit Goulson finden Sie hier.

"Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen." So kann man es in der Schöpfungsgeschichte (1. Kapitel, Vers 28) nachlesen. Heute stellt sich die Befolgung dieses Auftrags eher als furchtbares Missverständnis dar. Der Historiker und Publizist Philipp Blom hat sich im Rahmen der Wiener Vorlesungen mit den Folgen dieses Selbstmissverständnisses des Menschen als "Krone der Schöpfung" auseinandergesetzt. Eine Aufzeichnung der Vorlesung als FALTER-Podcast kann man hier nachhören.

In seiner posthum und als Fragment erschienenen "Ästhetischen Theorie" (1970) räumt der Philosoph Theodor W. Adorno seinen Reflexionen über den Begriff des "Naturschönen" breiten Raum ein. Das alles ist natürlich in dem typisch adornitischen Stil verfasst, den die einen adorieren und die anderen als haltlos manieriert ablehnen, aber ein paar Sätze davon seien dennoch zitiert: "Das Naturschöne verschwand aus der Ästhetik durch die sich ausbreitende Herrschaft der von Kant inaugurierten, konsequent erst von Schiller und Hegel in die Ästhetik transplantierten Begriffs von Freiheit und Menschenwürde, demzufolge nichts in der Welt zu achten sei, als was das autonome Subjekt sich selbst verdankt. […] Nirgends vielleicht ist das Ausdörren alles nicht vom Subjekt Durchherrschten, der finstere Schatten des Idealismus so eklatant wie in der Ästhetik. Machte man einen Revisionsprozeß ums Naturschöne anhängig, er träfe Würde als die Selbsterhöhung des Tiers Mensch über die Tierheit."

Apropos Adorno, apropos Frankfurter Schule. In seinem köstlichen Büchlein "Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte" erzählt Eckhard Henscheid von einem Wettbewerb, der die adornitische Idiosynkrasie der Postponierung des Reflexivums auf die Spitze treiben sollte. Mit dem Hinweis "Das hört sich gut an" scheidet Erich Fromm ansatzlos aus. Walter Benjamin bringt es mit "Der Marxismus muß mit dem Judentum sich verbrüdern!" schon etwas weiter, aber den Vogel schießt natürlich Adorno ab mit dem Satz: "Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barbarei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich."

Im heute neu erschienenen FALTER lesen Sie unter anderem über die dreifache Neuerfindung des Karl Nehammer, ein Gespräch zwischen Daniel Kehlmann und Florian Scheuba über Antifaschismus und Pazifismus sowie ein Porträt der umstrittenen Feministin Alice Schwarzer.

Im Natur-Ressort berichtet Clara Porák über den austrocknenden Neusiedlersee und Lukas Kapeller fragt im Stadtleben, wer in der (Post-)Pandemie eigentlich die Anliegen der Lehrlinge vertritt.

Am Freitag beginnen die Wiener Festwochen mit einer großen Eröffnungsparty auf dem Rathausplatz, live im ORF übertragen. Welche Produktionen Sie nicht verpassen sollten, wissen Martin Pesl und Sara Schausberger. Den perfekten Soundtrack zu den ersten sommerlichen Tagen des Jahres liefert der Wiener Musiker René Mühlberger alias Pressyes, Gerhard Stöger hat ihn porträtiert. Sebastian Fasthuber wiederum führte ein launiges Gespräch mit dem charismatischen Sänger der ostdeutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet – Monchi nutzte die Pandemie, um 50 Kilo abzunehmen und ein Buch darüber zu schreiben. Am 14. Mai stellt er "Niemals satt" im Rabenhof vor. Unsere wöchentliche Bildstrecke "Leuchtkasten" zeigt Arbeiten der nach Wien geflüchteten ukrainischen Modefotografin Viktoriya Khalabuzar.

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