Das Spiel der Tauben - FALTER.maily #806

Lina Paulitsch
Versendet am 13.05.2022

Gestern hat das internationale Dokumentarfilmfestival Ethnocineca gestartet, seit vielen Jahren im Wiener Votivkino beheimatet. Eröffnet wurde das Festival mit einem beeindruckenden Film, einer kleinen Entdeckung, die ich Ihnen heute vorstellen möchte.

"Kash Kash" ist eine anderthalbstündige Parabel auf den Libanon, ein Land am Abgrund. Der Film folgt drei jungen Männern und einem Mädchen, die sich ihre Zeit mit einem Spiel vertreiben. Sie züchten Tauben, hegen und pflegen ihren Schwarm und schicken ihn in die Lüfte, um dort gegen andere Vogelschwärme anzutreten. Ziel ist es, fremde Tauben anzulocken, um den eigenen Spielschwarm zu vergrößern. Wer einen neuen Vogel im Netz einfängt, macht ein "Kash". 

Regie führte die 27-jährige Lea Najjar, Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg. Najjar wuchs in Wien auf, ihre Mutter kommt aus Deutschland, der Vater aus dem Libanon. Als Lea zwölf Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Beirut, wo sie die prägenden Jugendjahre verbrachte. In dieser Zeit entstand die Idee zum Film und der Wunsch, das Land erzählerisch zu porträtieren. "Kash Kash" ist Najjars Langfilmdebüt.

Mit grobkörnigen, kontrastreichen Bildern erzählt sie von der Spieltradition "Kash Hamam". Eine Community an Spielern trifft sich über den Dächern Beiruts, sie lassen ihre Vögel hochfliegen, pfeifen sie zurück, schleudern Orangen in fremde Schwärme, um sie zu trennen. Fast magisch mutet es an, wenn die Tauben konzentrische Kreise ziehen, auf die pfeifenden Rufe ihres Herren hören und sich wieder auf der Terrasse niederlassen. Liebevoll wirken die Filmfiguren. Es sind junge Männer, die ihr ganzes Geld für Körner ausgeben, ihre Vögel mit bunten Ringen behängen und ihnen einen Verschlag zum Brüten zimmern. 

Die Spieler sind allesamt jung, ihr Leben am Boden der Realität aussichtslos. Najjar lässt sie selbst über ihre Hoffnungen und Wünsche erzählen, über das Taubenspiel als Beschäftigung, aber auch als spielerische Projektion eines besseren Lebens. Die extreme Inflation hat den Libanon in die Armut getrieben, wenn sie könnten, würden sie das Land verlassen. 

Über vier Jahre erstreckte sich der Dreh. Eine Zeit, in der eine Revolution ausbrach, der Hafen explodierte und Hunderte mit in den Tod riss. Damals zweifelte Najjar, ob ein Film über Taubenspieler die Drastik der Situation einzufangen vermöge. "Aber kurz nach der Explosion wurde wieder weitergespielt. Und wir dachten uns, wenn die Spieler weiterspielen, warum filmen wir sie dann nicht auch weiter?"

Es ist eine einfache, poetische Geschichte, die ein Land erfahrbar macht, ohne viel erklären zu müssen oder zu predigen. Ein großer Wurf des essayistischen Dokumentarfilms, noch einmal zu sehen am kommenden Dienstag im Kino De France. 

Einen schönen Abend wünscht

Lina Paulitsch

Die 16. Ausgabe des Ethnocineca-Filmfestivals läuft noch bis 19. Mai. Das detaillierte Programm finden Sie hier.

Den Politologen Gerhard Mangott kennt seit Beginn des russischen Kriegs plötzlich jeder. Wer ist der Mann? Meine Kollegin Nina Brnada hat mit ihm gesprochen.

Wenn man nur hinschaut, lehren Pflanzen in Asphaltritzen faszinierende Stadtgeschichte. Zwei Buchautorinnen haben unter Anderem über die Kraft des Löwenzahns geschrieben, meine Kollegin Katharina Kropshofer hat mit ihnen gesprochen. Hier können Sie ihr Buch "Botanische Spaziergänge" bestellen.

Eine kuriose Geschichte hatte Kollege Benedikt Narodoslawsky heute im FALTER.natur-Newsletter zu erzählen: 1975 gab es von der neuseeländischen Vogelart der Chathamschnäpper nur noch 7 Exemplare – zwei davon Weibchen –, die Art war praktisch ausgestorben. Als eines der beiden Weibchen, ihr Name war "Blue", zwei Eier legte, ging ein Artenschützer namens Don Merton hin, nahm die Eier heraus, jubelte sie anderen Vögeln unter und zerstörte das Nest.

Das Vogelweibchen musste von vorne anfangen: Sie baute ein neues Nest, legte wieder zwei Eier hinein. Und wieder kam Don Merton, stahl die Eier, legte sie ins Nest eines anderen Vogels und zerstörte das Nest. Und noch ein drittes Mal ging das so.

Er habe sich schäbig gefühlt, die mühselige Arbeit des Vogelweibchens wieder und wieder zunichtezumachen, erzählte der Artenschützer Don Merton im Nachhinein. Doch schlussendlich hatte das Weibchen sechs statt den üblichen zwei Küken zur Welt gebracht.

Und die Population der "Chathamschnäpper" schaffte es dank der unkonventionellen Methode des Artenschützers bis heute wieder auf 200 Exemplare! Leider kratzen nicht alle Arten die Kurve, hier lesen Sie mehr.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.