Die Kunst des Säuberns - FALTER.maily #808

Matthias Dusini
Versendet am 16.05.2022

Mit einem kleinen digitalen Donnerwetter ging die Eröffnung der Wiener Festwochen am vergangenen Freitag über die Bühne. Auf Twitter versammelten sich Kritiker:innen, um gegen den Auftritt des Donaustädter Rappers Yung Hurn zu protestieren. Dessen mitunter obszöne Texte wurden mit Gewalt gegen Frauen, gar Femiziden, in Verbindung gebracht. Außerhalb der Twitterblase war von dem Protest nichts zu spüren. Von Tausenden Sexismusopfern angekreischt, stellte der Musiker wieder einmal unter Beweis, dass er die derzeit stärkste Popfigur des Landes ist.

Der Shitstorm gegen Yung Hurn löst Kopfschütteln aus, zumal er auch von einer grünen Nationalratsabgeordneten angeschoben wurde. "Das wichtigste Kulturfestival der Stadt Wien wird mit Sexismus eröffnet? Geht's noch?", schrieb Meri Disoski. Die ehemalige Sportlerin Nicola Werdenigg, bekannt für ihren Kampf gegen sexuellen Missbrauch, schlug in dieselbe Kerbe: "Leute, die übelste sexistische Codes verbreiten, sollen das nur nicht auf öffentlich geförderten Events tun."

Die Diskussion über Hass im Hip Hop ist so alt wie das Genre selbst, und man muss kein Seminar über Literaturwissenschaft besucht haben, um das Dilemma zu begreifen. Die teilweise vor Homophobie, Pornoslang und Gewaltverherrlichung strotzenden Reime von Rap sind ein artifizielles Idiom, das nach der Devise "härter, brutaler" funktioniert. "Pop hatte stets auch mit Abgrenzung und Provokation zu tun. Nur ist die Gitarre als Waffe längst stumpf geworden. Die Drastik des Battlerap taugt hingegen noch zu moralischer Entrüstung", schrieb Kollege Gerhard Stöger 2018, als die Rapper Kollegah & Farid Bang am Pranger standen. Wenn nun Mädchenmassen einem "sexistischen" Idol zujubeln, haben sie das Gesetz der Poetik begriffen, die Trennung von Fantasie und Wirklichkeit. Die Lyrik über einen Frauenmörder machte den Dichter Oskar Kokoschka nicht zum Verbrecher.

Grüne Reinheitsfantasien haben Tradition. Im Jahr 2013 wollte die Wiener Band Die Hinichen im Gasometer auftreten. Das Konzert der dumpfen Blödelband wurde abgesagt. Der Grund dafür war eine Intervention des damaligen grünen Kultursprechers Klaus Werner-Lobo, der den Veranstalter darauf hinwies, die Texte der Band hätten in einer öffentlich geförderten Konzerthalle nichts verloren. Werner-Lobo löste damals einen Shitstorm aus, allerdings nicht gegen die Musiker, sondern gegen die grüne Partei. Bevor der Begriff des Cancelns en woke wurde, spürte die eigene Wählerschaft einen unguten Richtungswechsel. Eine Bewegung, die sich Toleranz und Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt, schwingt das moralische Rohrstaberl. Und war bereit, den obersten Grundsatz der Kulturförderung zu opfern: die Zurückhaltung der Politik.

Im Jahr 2017 machten die Schriftstellerinnen Stefanie Sargnagel und Lydia Haider eine Reise nach Marokko und veröffentlichten ein Tagebuch, in dem sie in satirischer Absicht über arabischen Sexismus, Kiffen und den Katzenhass von Vegetariern berichteten. Die Kronen-Zeitung empörte sich darüber, dass die beiden vom Kulturministerium ein Reisestipendium in der Höhe von jeweils 750 Euro bekommen hatten. "Mit 1500 Euro durften wir Steuerzahler also das zehntägige Besäufnis, das Haschen und das Katzentreten dieser Literatur-Ausflüglerinnen subventionieren", schrieb damals der damalige Krone-Journalist Richard Schmitt. Sargnagel bekam auf Facebook Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Die FPÖ applaudierte und rief zum Subventionsentzug auf.

Nun schenkte Sargnagel ihrem Kollegen Yung Hurn ein. "In seinen Texten spiegelt sich diesselbe Frauenfeindlichkeit wie bei einem Gabalier", schreibt Sargnagel. Tatsächlich führten die sozialen Medien zu einer Verrohung der Sprache, in der Gewaltfantasien mitunter Wirklichkeit werden. Was Frauen im Internet über sich ergehen lassen müssen, liest sich tatsächlich wie ein Zitat von Kollegah & Farid Bang. Die grüne Parlamentarierin Sigrid Maurer wurde 2018 von einem Mann übelst beschimpft, der später seine Lebensgefährtin tötet. Beim Urteil über Kunst sollte dennoch Vorsicht angebracht sein. Die Politisierung der Kulturförderung ist ein Tabu.

Ein auf Antisexismus, Antirassismus und Postkolonialismus spezialisiertes Kulturamt würde Yung Hurn wohl kein Geld mehr geben. Die Kulturpolitik folgte aber dann dem Beispiel der rechten Regierung in Ungarn, die die eigene Moral über die Ästhetik stülpt. Theater und Kunsthallen, die vom offiziellen Kurs abweichen, müssen zusperren. Eine aufmüpfige Autorin wie Stefanie Sargnagel stünde ganz oben auf der Streichliste. Und die Wiener Festwochen würden mit einer Blut- und Bodenballade der Südtiroler Band Freiwild eröffnet.

Matthias Dusini

"Wenn ihr wollt, kommt vorbei in die Oper. Ich hab noch Karten umsonst da", sang Yung Hurn 2015. Wer den Dichter ohne versaute Reime kennenlernen will, sollte auf "Opernsänger" zurückgreifen: leicht vernebelte Großstadtromantik mit Katersehnsucht.

Welche Stücke, Konzerte und Performances Sie jetzt nach der Eröffnung der Festwochen nicht verpassen sollten, haben Sara Schausberger und Martin Pesl in der FALTER:WOCHE für Sie zusammengefasst.

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Reden übers Reden: Im FALTER-Podcast hören Sie aktuell ein Interview mit dem Publizisten Peter Huemer über den Journalismus und die Kunst der Gesprächsführung damals und heute. Im Rahmen des Talkformats der "Wiener Stadtgespräche" übergibt er außerdem die Moderationsstaffel an FALTER-Journalistin Barbara Tóth.

Liebe FALTER.maily-Leser*innen,

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Das ganze Universum besteht zu einem Großteil aus Dunkelheit.

Ein fünfköpfiges Forschungsteam erforscht auf einer Expedition Mikroben in der Tiefsee, um Erkenntnisse über den Klimawandel zu gewinnen. Aber es kommt zu Zwischenfällen. Ist es Sabotage, versucht jemand die Forschungsergebnisse zu manipulieren oder sich gar unter den Nagel zu reißen?


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