Was wäre gewesen, wenn... - FALTER.maily #810

Barbara Tóth
Versendet am 18.05.2022

Was wäre gewesen, wenn ...

... meine Eltern im Jahr 1969 nicht aus der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei nach Österreich geflüchtet wären? Ich wäre dann vielleicht in Budweis auf die Welt gekommen, zum Fall des Eisernen Vorhanges im Jahr 1989 wäre ich ein Teenager gewesen. Wäre ich in meiner Heimat geblieben? Oder weggegangen? Solche Fragen haben mich immer beschäftigt, nachdem in der eigenen Familiengeschichte der Ort der Geburt ein glücklicher Zufall war, keine über Generationen erlebte Gewissheit.

Deswegen schrieb ich mein erstes Buch über eine Klasse, die im Jahr 1989 maturierte. Ich besuchte fast alle Schulkolleg:innen und erzählte ihre Biografien. Viele blieben in der Tschechischen Republik, einige wanderten in die USA aus.

Für die Covergeschichte des aktuellen FALTER habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die nicht geflüchtet ist: Yaryna Arieva. Vielleicht haben Sie sie wiedererkannt? Anfang März, – Russlands Präsident Wladimir Putin hatte kurz zuvor wider Erwarten vieler seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen, – coverten wir mit einem Bild von ihr und ihrem Mann Sviatoslav Fursin. In Winterjacken und mit Kalaschnikow. Die beiden hatten am Tag des Kriegsbeginns geheiratet und wollten nun zur Volkswehr. Das Foto und ihre Story machte weltweit Schlagzeilen. Ein Kiewer Hipster-Pärchen im Krieg.

Es war ein erschreckend gutes Bild, stimmig und verstörend, dem heftige Debatten folgten. Auch in der Redaktion. Ich fand, die Darstellung romantisiere diesen Krieg und falsch verstandenes Heldentum. Mir war das zu nahe dran an der Inszenierung der ukrainischen Regierung. Damals ging kaum jemand davon aus, dass die Kiew diesen Krieg "gewinnen" kann, inzwischen, dank massiver westlicher Unterstützung und geschickter Kriegsführung, schaut es anders aus.

Wenn man sich über etwas ärgert oder aufregt als Journalistin, ist es immer am besten, wenn man die Sache recherchiert. Also habe ich Yaryna kontaktiert (der Fotograf, der das Bild gemacht hat, gab mir ihre Nummer weiter) und sie interviewt.

Was wäre gewesen, wenn? Diese Perspektive gibt es in ihrem Leben nicht. Für sie war klar, dass sie in Kiew bleibt. Was sie zu erzählen hat und warum es kein Zufall ist, dass gerade sie und ihr Mann so berühmt wurden, können Sie hier lesen.

Barbara Tóth

Für den Fall, dass Sie sie noch nicht gelesen haben, möchten wir Ihnen noch mal die Ukraine-Tagebücher aus dem aktuellen FALTER ans Herz legen. Ganz normale Leute – Mütter, Söhne, Lehrerinnen, IT-Techniker – erzählen dort, wie sie den Überfall auf ihr Land erleben. Und ganz besonders spannend: Die KollegInnen Konzett, Kropshofer und Staudinger haben für diese berührende Dokumentation auch mit Russinnen und Russen darüber gesprochen, wie sie und ihr Umfeld den Krieg erleben.

Auch im FALTER-Podcast sind aktuell einige Stimmen aus den "Ukraine-Tagebüchern" zu hören: Neben Erfahrungsberichten der oben erwähnten Yaryna Arieva aus Kiew, hören Sie etwa die Lehrerin Karina Beigelzimer aus Odessa im Gespräch mit FALTER.morgen-Chef Martin Staudinger.

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Florian Klenk bekam gestern die Auszeichnung zum "Journalist des Jahres 2021" und zum "Chefredakteur des Jahres 2021" verliehen!

Gemeinsam mit Armin Wolf ("Journalist des Jahres 2020") nahm er am Dienstagabend am Küniglberg seinen Preis entgegen. Cathrin Kahlweit beschrieb die Preisträger in ihrer Laudatio mit den Worten: "Sie regen an, regen auf und geben Denkhilfen".

Aber damit nicht genug aus dem Hause FALTER: Ausgezeichnet wurden auch Heribert Corn als "Fotojournalist des Jahres", Melisa Erkurt als "Kolumnistin des Jahres" und Lukas Matzinger als "Local Hero - Wien". Nina Horaczek belegte Platz drei in der Kategorie "Investigativjournalist:in des Jahres". Herzlichen Glückwunsch an alle Ausgezeichneten!

Mittmachtheater wird ja schnell unangenehm bis peinlich. Nicht so bei Nesterval: Seit rund zehn Jahren involviert die bunte Wiener Truppe ihr Publikum, wobei aber niemand genötigt wird, gegen seinen Willen zu agieren. Vielmehr geht es darum, die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben und durch neuartige Settings und körperliche Nähe zu den Darsteller:innen ein anderes Theatererlebnis zu schaffen. Die aktuelle Produktion "Sex, Drugs and Budd’n’brooks" findet im Prater statt, Sara Schausberger porträtiert Nesterval in der Titelgeschichte der FALTER:WOCHE.

Die Musikerin und Künstlerin Rosa Anschütz stellt Ihnen ebendort Sebastian Fasthuber vor; die Wien-affine Berlinerin spielt am Wochenende beim Festival Hyperreality. Unsere Fotostrecke Leuchtkasten ist der Ausstellung "Augenblick! Straßenfotografie in Wien" im Wien Museum Musa gewidmet; weiter hinten im Heft finden Sie wie immer Empfehlungen und Rezensionen zum aktuellen Kulturgeschehen in Wien und darüber hinaus.

Im FALTER-Buchclub auf Facebook startet dieser Tage das 9. Lesekränzchen, diesmal mit der Kurzkrimi-Sammlung "Radieschen von unten" von Rotraut Schöberl, erschienen im Residenz Verlag. Und so funktioniert's: Im FALTER-Buchclub auf Facebook werden 15 Leseexemplare verlost, die dann über zwei Wochen hinweg gemeinsam gelesen werden. Wenn Sie mit dabei sein wollen, schauen Sie einfach im Buchclub vorbei und hinterlassen Sie uns einen Kommentar unter dem entsprechenden Posting! Wir freuen uns aufs gemeinsame Lesen!

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