Ferrara-Feeling in Innsbruck - FALTER.maily #811

Nina Horaczek
Versendet am 19.05.2022

Begleitet von den letzten warmen Herbstsonnenstrahlen des Jahres 2019, als Corona für die allermeisten von uns noch eine harmlose Biermarke war, besuchte ich das Journalismusfestival "Internazionale a Ferrara". Jedes Jahr verwandelt sich diese 130.000 Einwohnerstadt in der Emilia-Romagna für drei Tage in eine riesige Journalismus-Diskussions- und Reflexionszone.

Jedes Kino, jeder Theatersaal, jede Ausstellungsfläche wird bei diesem Journalismusfestival, ausgerichtet von der Wochenzeitung Internazionale, mit Medienthemen bespielt. In Workshops, Diskussionen, Vorträgen, Filmen und vielem mehr geht es drei Tage lang um Information und Pressefreiheit, mit neuen Trends im Journalismus und um zentrale Fragen, die uns Journalistinnen und Journalisten, aber auch unsere Leserinnen und Leser beschäftigen. Alles kostenlos und für alle Interessierten offen.

Ich habe dort in einem Kinosaal das erste Mal "Ear Hustle" gehört, einen beeindruckenden Podcast über das Alltagsleben der Insassen im San Quentin-Gefängnis in Kalifornien. Präsentiert wurde dieser Kinovormittag von Earlonne Woods, einem der Begründer dieses Gefängnispodcasts. Er war selbst mehr als zwanzig Jahre in San Quentin eingesperrt.

Ich habe mir in Ferrara angehört, wie Qualitätsjournalismus für Kinder aussehen kann, habe der nigerianischen Umweltjournalistin Tina Armstrong zugehört, die berichtete, welche Auswirkungen die Erderwärmung auf ihr Land und ihre Berichterstattung hat.

Vergangenes Wochenende gab es erstmals in Österreich Ferrara-Feeling pur. Beeindruckt vom italienischen Festival beschlossen die Tiroler Journalisten Markus Schennach und Benedikt Sauer, den Spirit von Ferrara nach Innsbruck zu importieren. Das erste österreichische Journalismusfest war kleiner, aber auch sehr international und mindestens so spannend.

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, die beiden Panama Papers und Ibiza-Aufdecker Bastian Obermaier und Frederik Obermayer zu interviewen und durfte mit Kollegen aus Ungarn, Tschechien und Rumänien über die Pressefreiheit in ihren Ländern und ihre Arbeitsbedingungen sprechen. Beides werden Sie im nächsten FALTER nachlesen beziehungsweise als Podcast nachhören können.

Journalismus, der glaubwürdig bleiben will, braucht Orte, wo wir unsere Arbeit kritisch hinterfragen können. Und es braucht Festivals wie Ferrara und Innsbruck, damit wir Journalistinnen und Journalisten den Menschen erklären können, wie wir arbeiten und warum Qualitätsmedien wichtig sind für eine funktionierende Demokratie.

Deshalb freue ich mich schon auf das zweite Journalismusfest in Innsbruck von 12. bis 14. Mai 2023. Um die Wartezeit zu verkürzen, empfehle ich eine Zugreise nach Italien. Ende September ist wieder "Internazionale a Ferrara".

Nina Horaczek

Kritische Introspektion finden Sie auch in der neu erschienen Episode des FALTER-Podcasts: "Was ist faul im Staate Österreich?", fragt Moderator und Sendungsgestalter Raimund Löw seine Gäste Stephanie Krisper (Neos), Cathrin Kahlweit (Süddeutsche Zeitung), Richard Grasl (Kurier) und FALTER-Politikchefin Eva Konzett.

"Hätte Selenskyj vor einem Jahr so geredet, hätten wir es pathetisch und lächerlich gefunden", sagt die österreichische Journalistin Solmaz Khorsand im FALTER-Interview mit Klaus Nüchtern. Zeiten des Krieges, so sagt sie, seien immer auch Zeiten des Pathos. Warum sie diesem zutiefst misstraut und findet, dass man auch einfach mal die Klappe halten kann, lesen Sie hier.

Dass es über eine Frau wie Elizabeth T. Spira, – legendäre Fernsehjournalistin und Sendungsverantwortliche der "Liebesg'schichten und Heiratssachen" – bislang keine Biografie gab, ist unglaublich, aber wahr. Zum Glück hat FALTER-Kollegin Stefanie Panzenböck das nun geändert: Hier finden Sie einen Vorabdruck ihres Buches "Die Spira", hier können Sie ein druckfrisches Exemplar vorbestellen.

In der neuen Folge des FALTER-Buchpodcasts ist der Autor Jens Eisel mit seinem Roman "Cooper" zu Gast. Im Buch greift er den realen Stoff einer Flugzeugentführung in den USA der 1970er-Jahre auf und verwandelt ihn in einen mitreißenden Kriminalroman. Mit Petra Hartlieb spricht der Autor über eine längst vergessene Zeit, in der man ohne jegliche Sicherheitskontrolle ein Flugzeug boarden konnte und über die Faszination von unaufgeklärten Verbrechen. 

Auch heute gibt es wieder frohe Kunde aus dem Hause FALTER: Lukas Matzinger, Ihnen vertrauter Maily-Schreiber und Leiter des Stadtleben-Ressorts, erhält die Gatterer-Auszeichnung für hervorragenden Journalismus, unter anderem für diese Reportage. Wir freuen uns für Lukas und gratulieren ganz herzlich zu dieser tollen Auszeichnung! Für Interessierte: Hier können Sie die Begründung der Jury nachlesen.

Verteilt auf verschiedene Orte in der Stadt bespricht die Vortragsreihe „Homosexualität und Nationalsozialismus“ des Zentrums QWIEN unterschiedliche Fragen des Strafrechts und der Verfolgung, der Täter*innenschaft sowie der Schicksale der Opfer in Wien 1938-1945. Weitere Termine ab Herbst.

Mehr unter qwien.at


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