Weltändern verschoben - FALTER.maily #813

Armin Thurnher
Versendet am 22.05.2022

Am Montag, dem 23. Mai beginnt wieder einmal das World Economic Forum, das Weltwirtschaftsforum Davos. In Indien habe ich stets mit Vergnügen die Berichte aus Davos gelesen; ich war dort gern im Jänner, und das Vergnügen bestand nicht nur darin, mir vorzustellen, wie Davos im Schnee aussah, während ich über Palmenhaine auf die Malabar-Küste der Arabischen See hinunterschaute.

Es machte auch Freude, die lokalpatriotische Perspektive einmal aus der Sicht des Südens zu lesen; Inder interessieren sich vor allem für Inder (allerdings nie ganz ohne globale Perspektive), und so ging es bei Davos-Berichten vorzugsweise um Herrn Modi, während man in Österreich doch am Wichtigsten fand, welche Promis die Zukunft der österreichischen Wirtschaft auf diesem Gipfel vertreten.

Davos ist kein wirklicher Gipfel, es ist die Erfindung eines Mannes, Klaus Schwab, der es geschafft hat, die Mächtigen der Erde in den Schweizer Bergen zu versammeln, die dort in Teils öffentlicher, teils geheimer Rede beratschlagen, was zu tun ist. Nicht, dass alle dieser Mächtigen dann die Ratschläge beherzigen, aber es ist doch eine Art ökonomischer Weltöffentlichkeit, bei der Trends gesetzt oder besprochen werden.

Nach der Corona-bedingten Pause findet Davos heuer im Sommer statt; und es steht im Zeichen des Ukraine-Kriegs. Selbstverständlich, möchte man sagen, wird Wolodymyr Selenskyj dort eine Rede halten.

Die Frage aber, die sich schon nach Corona stellte, als man eine neue Weltordnung erwartete, hat sich nun verschärft. Klaus Schwab hat 2020 in einem Aufsatz mit dem Titel "The Great Reset" gesagt, er erwarte nach den "massiven sozialen Turbulenzen" der Pandemie nun "eine Periode massiver Umverteilung von den Reichen zu den Armen und vom Kapital zur Arbeit". Die Ära des Neoliberalismus schien offiziell beendet.

Die Vierfachkrise der ausgehöhlten Demokratie, des entgrenzten Kapitalismus, der Pandemie(n) und der Klimakatastrophe wird durch Putins Überfall auf die Ukraine weiter verschärft, und selbstverständlich steht das Thema des Neuaufbaus der Ukraine in Davos im Vordergrund. Zugleich sind aber überall die Versuche zu beobachten, diese Krisen zum Vorwand zu nehmen, zur alten sogenannten Sparpolitik zurückzukehren.

Vergessen ist das "koste es, was es wolle", nun werden die Krisen wieder als Vorwand genutzt, den Status quo zu erhalten. Atomkraft, Ausbau der Rüstungsindustrie, Ausbau des Fracking, Industrialisierung der Landwirtschaft kehren zurück, und demnächst wird es heißen, wir alle (?) werden den Gürtel enger schnallen müssen. Beendigung einer Ära abgesagt?

Scheint, als würden wir die Rückwertung der Werte erleben: Leute wie Elon Musk bezeichnen die Versuche von ESG (Environment, Social, Governance, also soziales und umweltverantwortliches Wirtschaften) als "Schwindel", nachdem die Tesla-Aktie aus dem ESG-Index von Standard & Poors gestrichen wurde.

Ja, es sieht derzeit nicht mehr besonders gut aus für einen Wandel der Welt und die "dringend nötige Periode massiver Umverteilung von oben nach unten". Aber Davos ist ja nicht der Platz, die Welt zu ändern. Er ist nur, wie Klaus Schwab sagt, ein Ort, sie in ihrer systemischen Komplexität zu verstehen. Oder, um es simpel und mit Nestroy auszudrücken:

Die Welt steht bestimmt nimmer lang.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Ihr Armin Thurnher

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