"Heisln" - FALTER.maily #818

Katharina Kropshofer
Versendet am 30.05.2022

"Heisl" bedeutet auf wienerisch "Haus" oder "Toilette", oder es meint einen ungeliebten Menschen. Zumindest verwendet der SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy das Dialektwort am Wiener Landesparteitag so: "Hier geht es darum, zu zeigen, ob wir als Sozialdemokratie in dieser Frage geschlossen sind, (...) und ob wir hinter unserem Bürgermeister stehen, der wochen- und monatelang von den Grünen und den ganzen anderen Heisln beleidigt und beschuldigt wird." Bürgermeister Michael Ludwig kicherte in der ersten Reihe. 

In Deutschland geht es weniger gemütlich zur Sache. Als Klimaaktivist:innen am vergangenen Freitag, am Katholikentag, eine Veranstaltung störten, fühlte sich der deutsche SPD-Chef Olaf Scholz an "eine Zeit erinnert, die lange zurückliegt", also offenbar an die Nazi-Zeit. Auch hier applaudierte das Parteivolk. 

Hasst die Sozialdemokratie Klimaaktivist:innen? Oder gehen diese wirklich zu weit mit ihren täglichen Blockaden, Protesten und Störungen? 

Florian Klenk und ich haben das Thema im Bezug auf die Stadtstraßen-Proteste schon am Freitag im FALTER.morgen diskutiert: Klenk nervt Ökopopulismus in Form der Fixierung auf die Stadtstraße, ich wiederum verstehe die Verzweiflung und bin mir sicher, dass das erst der Anfang der Proteste und eines zivilen Ungehorsams ist, der weg von angemeldeten Demonstrationen und hin zu unkonventionellen Aktionen geht. 

Hat man die Klimakrise einmal verstanden und das wissenschaftlich belegte Ausmaß dessen begriffen, was uns mit immer steigender Wahrscheinlichkeit bevorsteht, ist es schwierig, eine angemessene Reaktion zu finden: Wartet man ab, was die Politikerinnen und Politiker entscheiden?

Das ging bisher nicht schnell genug: Mit der aktuellen Politik steuern wir auf ein Plus von 2,7 Grad zu. Lagos, Miami, Rotterdam und Venedig wären vom Meer verschluckt, der afrikanische Kontinent kaum noch bewohnbar.

Läuft man also schreiend durch die Straße und verbreitet alarmistisch die Hiobs-Botschaften? Auch das scheint mir nicht angemessen. 

Manche der Aktivist:innen wählen daher eine nicht gesetzeskonforme Methode: Ziviler Ungehorsam meint jene Blockaden, Proteste und Aktionen, die über das brave Demonstrieren mit Schildern und Gesängen hinausgeht; das Festketten an Baggern, Ankleben auf blockierten Autobahneinfahrten, das Unterbrechen von Öl-Pipelines. 

Dürfen die das?

Dass die bisherigen "Fortschritte" der Klimapolitik nicht ausreichen, um uns vor dem schlimmsten zu bewahren, das wissen nicht nur die Aktivist:innen, sondern auch die Wissenschaft: Sechs von neun planetare Grenzen haben wir bereits überschritten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Nur was das wirklich heißt, das sagen uns die Politikerinnen und Politiker nicht. Vielleicht, weil sie es selbst nicht ganz verstanden haben.

Ein Argument dafür, wieso es Disruptionen durch Aktivist:innen braucht: Ohne eine Greta Thunberg wären wir dem Abgrund womöglich noch näher, ohne "nervige Störungen" würde das "Business as usual" noch weiter gehen.  

Doch stattdessen verunglimpft die Wiener SPÖ die Bewegung und vor allem ihre Forderungen, lacht ihnen ins Gesicht und macht sich so über ihre Verzweiflung, ihre Abwendung von der Politik, die in Klimasachen nicht genug weiterbringt, lustig.

Die Diskussion rund um die Stadtstraße klemmt wie der Ball, der beim Tischfußball zwischen den gegnerischen Stangen liegen bleibt: Jemand muss den Tisch kippen, den Ball wieder ins Rollen bringen. 

Die SPÖ muss sich eine neue Taktik überlegen, wie sie mit den zunehmenden Protesten, aber vor allem auch mit der Klimakrise an sich umgeht. Sich mit den Hinweisen beschäftigen, die aufzeigen, wo es bei dem Plan noch holpert, die Stadt bis 2040 co2-neutral zu machen. Vor allem, weil es die Kernwählerschaft bedient, weil die Klimakrise auch eine Frage der Privilegien ist: Ja, wir in Österreich können die Folgen großteils (noch) ignorieren. Aber spätestens wenn die nächsten Überflutungen kommen, die Hitze in der Stadt (noch) unerträglicher wird, und davon überdurchschnittlich oft ärmere Haushalte betroffen sein werden, wird die Sozialdemokratie in Erklärungsnot kommen.

Indem sie die Aktivist:innen plump abfertigt, zeigt die Stadtregierung, dass sie den Ernst der Lage nicht begriffen hat. Dass sie die Chance nicht begreift, die ein solcher Fokus bringen würde. Und auch, dass ihnen die Meinung vieler Wissenschafter und Wissenschafterinnen nicht allzu wichtig zu sein scheint:

23 Mitglieder der Scientists for Future, darunter Mobilitätsforscher, Raumplaner der TU Wien und auch Stadtplanungs-Guru Hermann Knoflacher hatten schon vor dem SPÖ-Parteitag einen Brief übermittelt und darin eine Mobilitätswende aufgezeigt. Die Stadt sollte Vordenkern wie Knoflacher dankbar sein: Nur wegen ihm ist die Innenstadt so verkehrsberuhigt – Touristenströme inklusive. Knoflacher weiß auch: Nur indem man einen Schritt vorausdenkt, autofreie Infrastruktur überhaupt erst ermöglicht, kann man den Bewohner:innen einer Großstadt wie Wien ein besseres Leben liefern.

Die Frage, wie wir auf sozial- und klimagerechte Weise mit den bereits spürbaren Folgen umgehen, sollte der Fokus einer funktionierenden Sozialdemokratie sein. Noch ist diese damit beschäftigt, fossile Infrastruktur auszubauen. 

Katharina Kropshofer

Wäre Hannah Arendt noch am Leben, würde sie wohl Social Media beforschen. Wie ihre Theorien mit rezenter Einsamkeit und Totalitarismus zusammenhängen, können Sie in diesem einstündigen Podcast von Vox Conversations nachhören (und überhaupt eine Arendt-Auffrischung bekommen). Lohnt sich!  

Erst vorletzte Woche endete am Wiener Landesgericht ein höchst ungewöhnlicher Mordprozess: 17 Jahre nach dem Verschwinden seiner Frau sollten zwei Säcke Trockenbeton, ein Leihtransporter und zwölf Zentimeter Blutlache den Witwer überführen. Lukas Matzinger hat einen kleinen Gerichtskrimi geschrieben - Empfehlung nicht nur für True Crime Fans. 

Seit fast drei Monaten sind wir zusätzlich zu unserer Arbeit für obdach- und wohnungslose Menschen auch für Flüchtende aus der Ukraine da – und für ihre Tiere. Unsere ehrenamtlichen Tierärzt*innen haben sich bereit erklärt, die Ordinationszeiten zu erweitern.

Dennoch ist die neunerhaus Tierärztliche Versorgung dringend auf Spenden angewiesen, um das Angebot offen zu halten.

Bitte helfen Sie uns und unterstützen Sie Menschen und Tiere, die in ihrer Heimat alles zurücklassen mussten.

Im FALTER.natur Newsletter dreht es sich oft um die Klimakrise. Diese Woche hat Newsletter-Verfasser Benedikt Narodoslawsky eine wichtige Frage aufgeworfen: Macht der Kulturbetrieb genug, um uns auf die großen ökologischen Krisen unserer Zeit vorzubereiten? Hier können Sie sich anmelden. Und wem gute Fiktion rund um die Klimakrise fehlt, die inspiriert, anregt, aufregt, dem sei "Das Ministerium für die Zukunft" von Kim Stanley Robinson ans Herz gelegt.

Parks, Grünräume und malerische Gärten; Geschichten aus den Grätzln, Infos zu Architektur, Geschichte und Gestaltung; und das ergänzt durch Bilder der Fotografin Charlotte Schwarz. Am Mittwoch, den 1.6. wird das neue Buch "Verlockende Oasen", erschienen im Falter Verlag in der Thalia-Filiale Wien-Mitte präsentiert. Ich darf moderieren. Kommen Sie vorbei! 


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!