Italopop - FALTER.maily #833

Matthias Dusini
Versendet am 20.06.2022

Vorletzte Freitagnacht campierten Fans im Schlafsack vor dem Circo Massimo in Rom, wo tags darauf ein Konzert von Vasco Rossi stattfinden sollte. Dort, wo die alten Römer Wagenrennen veranstalteten, trat Italiens beliebtester Rocksänger auf. Die Freiluftgäste wollten frühzeitig in den antiken Zirkus, um einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. 120.000 Menschen waren zum Tourneestart nach Trient gekommen, seither geht es von Stadion zu Stadion, alle seit dem Winter ausverkauft.

In Österreich ist der 70-jährige Cantautore kaum bekannt. Von plumpen Produzenten verdorbene Aufnahmen und Livemusiker mit nicht minder grober Rockklaue erschweren die Rezeption. Dennoch ist Vasco ein zu Recht verehrter Künstler.

1952 in einem kleinen Ort der Po-Ebene geboren, entdeckte Rossi in den Ausläufern der 68er-Bewegung die Musik für sich. In Bologna inskribierte er Wirtschaft und studierte außerhalb des Seminars DJ und Untergrundradio. Er steht für den existenziellen Teil der linken Revolte, also für jene, die sich weniger für Marx als für Drogen und Bob Dylan interessierten. Die Ende der 70er-Jahre nicht Richtung Brigate Rosse abbogen, sondern Bob Marley hörten und im Citroyen-DS zur Adria-Disco schaukelten, Dopewolken in den Sonnenuntergang blasend. Rossis von Selbstironie getragener menefregismo (Scheiß-drauf-Haltung) konterte dem Glamour des Schlagerfestivals in San Remo. Hier ein Auftritt von 1983.

"Siamo solo noi", heißt Vasco Rossi bestes Album, das 1981 erschienen ist. Der gleichnamige Song stieg zur Hymne einer kaputten Generation auf. "Es sind nur wir", singt Rossi mit kehliger Nikotinstimme meist am Ton vorbei. "Die nichts mehr zu sagen haben / Wir müssen nur noch kotzen / Siamo solo noi." Therapien und Rückzüge konnten seinem Freak-Image nichts anhaben. Feiert der Sänger gemeinsam mit Zehntausenden das schwarze Liedgut, schwingt die trotzige Verzweiflung jener Jahre mit – und die Melancholie nach einer Rauschnacht: "Es sind nur wir / Die früh morgens zu Bett gehen / Und mit Kopfweh aufwachen." Als Italien in den 80er-Jahren Konsum und Korruption feierte, blieb Vasco die erste Adresse für alle, die es nicht schaffen wollten. Regelmäßig spricht er Häftlingen Trost zu, Menschen in einer Welt, die er aufgrund von Drogendelikten persönlich kennenlernte.

In einer Gesellschaft, die die bella figura zum Ideal erklärt, wirkt Rossis Gebrochenheit authentisch. Und auch die Zärtlichkeit mancher Lieder. "Albachiara", die Verneigung vor einem Mädchen an der Bushaltestelle, gilt als inoffizielle Nationalhymne. Hier eine besondere Version: In Imola versammelten sich im Juni 2019 Tausende Fans zu einem Flashmob, um den Star zu einem Konzert in ihrer Stadt zu bewegen. Großzügig hört das Publikum darüber hinweg, dass in den letzten Versen von "Albachiara" ein inzwischen 70-Jähriger einen masturbierenden Teenager besingt.

Der Musiker füllt die Stadien mit mehreren Generationen, von der Hippie-Großmutter bis zum Millennial. Die Nation ist noch immer gespalten in einen reichen Norden und den armen Süden. Die "Vasco"-Rufe ertönen in Mailand und Neapel mit demselben Enthusiasmus. Ein Blick ins Publikum zeigt aber auch, dass das migrantische Italien, das Land der osteuropäischen, afrikanischen und südamerikanischen Zuwanderer, eher nicht vorkommt. In zehn Jahren, zur 80er-Tournee, wird Vasco Rossi, der Sänger des großen Wir, das vielleicht auch noch geschafft haben.

Matthias Dusini

Wenn Sie es zu keinem Rossi-Konzert geschafft haben, verzagen Sie nicht: Im FALTER-Kultursommer finden Sie zahllose Konzerte über den ganzen Sommer hinweg, zum Beispiel von Mavi Phoenix, Alt-J, Kings of Convenience oder Marina and the Cats.

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