Von Kindern und Schweinen - FALTER.maily #834

Florian Klenk
Versendet am 21.06.2022

Gestern hatte ich ein wirklich schönes Erlebnis. 200 Kinder der AHS Friesgasse kamen ins Wiener Apollo-Kino, um sich den Film "Der Bauer und der Bobo" anzusehen. Kurt Langbein hatte das Leben des Bergbauern Bachler und seine Freundschaft zum "Oberfalter", also mir, verfilmt. Der Film kreist nur am Rande um die Rettungsaktion von Bachlers Hof, eigentlich geht es darin um die großen Themen der Zeit: Tierwohl, Klimaschutz, Agrarwende und die soziale Frage auf dem Land, wo Männer vereinsamen und Regionen sterben.

Als die Kinder den Film gesehen hatte, durfte ich eine Stunde mit ihnen im Kino diskutieren. "Wart ihr alle schon einmal auf einem Bauernhof?". Ja, alle. Ausnahmslos.

Aber die zweite Frage machte die Kinder verlegen: "Habt ihr schon einmal einen Vollspaltenboden gesehen?"

Nein, niemand. Kein einziges Kind. Die Wahrheit ist also: Die Kinder kennen Bauernhöfe, aber sie kennen die echte Schweinefleischindustrie nicht. Wir sprachen also über die Alpenschweine von Bachler, die mit ihren feinen Nasen im Schlamm nach Fressbarem wühlen und in eine Ecke kacken, weil sie saubere Tiere sind und ihre Exkremente – so wie Hunde – nicht bei sich haben wollen.

Und dann sprachen wir über Vollspaltenböden, die hoffentlich bald verboten werden – und darüber, dass die Tiere unentwegt ihren Urin und ihren Kot einatmen müssen, dass sie Medikamente brauchen, dass sie am Beton liegen, sich die Schwänze abbeißen und dass ihr Fleisch, – nachdem sie in Co2-Gondeln betäubt und dann abgestochen werden – billiger verkauft wird als Kaugummi.

Es wurde still im Kinosaal. Was sollen wir tun, fragten die Kinder. Weniger Fleisch essen, sagte ich verlegen, dafür besseres. Aber insgesamt die Ernährung umstellen. Täglich Billig-Schnitzelsemmeln in der Schulkantine? Weg damit. Und die Arbeit der Bauern mehr wertschätzen, schob ich nach. Denn Bergbauern wie Bachler verdienen pro Monat gerade einmal 1000 Euro.

Die Kinder wurden ruhig. Danach kam ein Mädchen zu mir und fragte mich schüchtern, wo Leute mit wenig Einkommen fair produziertes Bio-Fleisch zu einem vernünftigen Preis einkaufen können. Die Frage überraschte mich, denn ich bin nicht arm, ich habe sie mir nicht gestellt. Ich stotterte herum: "Das wäre ein schönes Rechercheprojekt", gab ich zur Antwort. Ich freue mich über wertvolle Hinweise.

Florian Klenk

Wie lernen Kinder den Wert von Lebensmitteln? Was setzt man ihnen in Schulen vor? Und wieso ist diese Frage auch wichtig in der Debatte um Nahversorgung, Klimawandel und Raumordnung? Katharina Kropshofer und ich sind dieser Frage nachgegangen. Katharina hat sich die Verpflegung in Schulen angesehen. Ich habe mit dem Ex-Politiker und Haubenkoch Sepp Schellhorn über die Frage diskutiert, wie man Kinder kulinarisch erzieht.

Weil wir schon über Kinder reden: Im aktuellen FALTER treibt uns noch eine andere Zukunftsfrage um: Verlernen wir gerade das Lesen? E-Reader, Computer, Smartphones. Die digitalen Geräte lenken uns ab vom Lesen langer Texte und dicker Bücher. Anna Goldenberg ist der Frage nachgegangen, ob wir die wohl wichtigste Kulturtechnik der letzten 5000 Jahre verlieren. Ihre Antworten sind überraschend.

Apropos Lesen: Eine Frau, die seit Jahrzehnten liest – und darüber schreibt – ist Sigrid Löffler. Sie ist die wohl bekannteste österreichische Kulturjournalistin und feiert dieser Tage ihren 80. Geburtstag. Löffler wurde im profil berühmt, arbeitete für die ZEIT und erlangte ihre Prominenz als Mitglied des Literarischen Quartetts. Sie schreibt auch regelmäßig für den FALTER. Unser Literatur-Chef Klaus Nüchtern hat die Grande Dame der Literaturkritik in Berlin besucht. Seine Begegnung lesen Sie hier.

Die Seuche lauert als Spaßbremse zwar weiterhin im Hintergrund, bis auf Weiteres finden Kulturveranstaltungen hierzulande aber auch in ganz großem Stil ohne Einschränkungen statt. Das Wiener Donauinselfest etwa, Europas größte Gratis-Party, bespaßt von Freitag bis Sonntag die feierlustigen (und teils auch kultursinnigen) Massen. Das mannigfaltige Programm bedient fast jeden Geschmack, in der aktuellen Titelgeschichte unserer Kultur- und Programmbeilage finden Sie eine umfangreiche Vorschau. Auch die Open-Air-Kinosaison startet dieser Tage: Wann und wo sich das Filmschauen im Freien besonders lohnt, weiß Michael Omasta. Unsere Fotoserie Leuchtkasten führt diesmal ins Hochgebirge, und neben massenhaft Programmeinträgen zu allen Veranstaltungen der Woche finden Sie weiter hinten im Blatt wie immer Tipps, Kritiken und sonstige zweckdienliche Hinweise zum laufenden Kulturgeschehen.

Und jetzt noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache. Ich überlege mir oft, wie man die komplexen Korruptionsaffären, die wir im FALTER aufdecken, so erklären kann, dass sie auch wirklich jeder versteht. Ich glaube, es funktioniert am besten mit Humor. Am 22. Juni werde ich daher im Rahmen des Festivals "Stadt:Kultur im Park" im wunderbaren Kurpark Baden mit dem Kabarettisten Florian Scheuba über die jüngsten Entwicklungen in Österreich sprechen - im Schatten des Casino Baden (Restkarten gibt es hier).

Am sechsten Juli darf ich nochmal in Baden auftreten. Gemeinsam mit Christian Bachler spreche ich über unsere besondere "Bauer und Bobo"-Freundschaft, die Irrungen der Agrarpolitik und Bachlers Vision einer gerechteren Landwirtschaft (Tickets gibts hier). Schauen Sie vorbei!

Globale Gefahr

Warum ist das 21. Jahrhundert so gefährlich geworden? Der bekannte Journalist, Historiker und Buchautor Raimund Löw analysiert in Welt in Bewegung die aktuelle Lage und erklärt die Umwälzungen der internationalen Politik, die in die Zeitenwende des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 mündeten.

Erhältlich auf faltershop.at


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