Insel muss Insel bleiben - FALTER.maily #838

Lukas Matzinger
Versendet am 26.06.2022

Wie es immer war: Ein Orchester von Turbanträgern und ihre unerschütterliche Hoffnung, die 20 Jahre alten Austria-Memphis-Flaggen diesmal verkaufen zu können. Wahllos zu Medleys kombinierte Fast Food Hits (Schnitzel-Bowl, Langos-Pizza), und die immer aufs Neue verblüffende Vielfalt zu veräußernder Kopfbedeckungen. Wer beim Donauinselfest einen Fischerhut mit Frida-Kahlo-Print sucht, wird nach der Farbe gefragt.

Als würde es Covid, Krieg und Gaspreis nicht geben, läuft gerade das erste Wiener Inselfest seit 2019. Und schon der Freitag war so herrlich wienerisch. Bürgermeister Michael Ludwig ließ im Gewerkschaftscontainer Cholesterin bei sich messen (Puls24 übertrug live) und tätschelte beim Stand der Gewässerabteilung Erdkröten. Das Donauinselfest ist und bleibt der freudigste Anlass, sich über die Geschäftsfelder der Müllabfuhr und Pensionistenklubs zu erkundigen.

Würde die Zahl von einer Million täglicher Besucher stimmen, wäre dies das größte Gratismusikfestival der Welt. Und wohl die größte Parteiparty in einer Demokratie. Nirgendwo sonst zeigt die Wiener SPÖ der grünwählenden, vernissagegondelnden Innergürtelelite so eindrücklich, worauf die tribaltätowierte, hundeführerscheintragende und ganz sicher auch autofahrende Masse wirklich steht.

Auf der "Wien Energie/HITRADIO Ö3 Festbühne" erbringt die Dialektgruppe Edmund (nach Sackbauer) den für aussichtslos gehaltenen Beweis, dass zwischen Pizzera und Jaus und Seiler und Speer noch Platz für ein Austropopduo war. Bei der "Flughafen Wien/Radio Niederösterreich Schlager Bühne" steht die kärntner Helene Fischer (Melissa Naschenweng) auf Bergbauernbuam. Sie ächzt sich durch die Zeilen, am Samstag wird sie auf Empfehlung eines Arzts ihre Tour unterbrechen.

Exotik wird beim Donauinselfest noch als solche rezipiert: "Dein Name auf einem Reiskorn" verspricht der Stand, "in da Fruah derles i ned einmal die Kronen Zeitung!", sagt der Wiener und geht weiter. Einer aus dem Hutverkäuferheer dünkt allmählich, dass sie die 2.600 Euro Standgebühr an dem Wochenende eher nicht hereinwirtschaften wird. Sie liegt aber auch ungünstig in der Kurve.

FM4-Bühne gab es am Freitag keine, der ursprüngliche Jugendsender hat diesmal nur ein Sonntagsprogramm kuratiert. Der Auflauf beim Auftritt des Rappers Yung Hurn 2019 sei dem Sender Warnung gewesen – was das über die Strahlkraft des heutigen FM4-Bühnen-Headliners Jan Delay sagt, ist Ihrem Anbetracht überlassen.

Sollten Sie jetzt noch spontan auf die Insel fahren, lassen Sie bitte Vorsicht walten: Jedes Jahr verunglücken ein bis zwei Besucher bei Badeunfällen.

Lukas Matzinger

Im Mai vor 30 Jahren sind zwei der größten Bands der Welt auf der Wiener Donauinsel gelandet: Weil die Bühne für Guns n' Roses schon dastand, war für Sonntag gleich noch U2 geladen – bei der Gelegenheit haben Axl Rose und Bono Vox zum mutmaßlich einzigen Mal zusammen Knockin' on Heaven's Door gesungen. Der damalige Rapidtrainer Hans Krankl hat sich so auf das Konzertwochenende gefreut, dass er gar nicht mehr über Fußball reden wollte.

Wachsen lassen oder trimmen? Per Hand, mit der Maschine oder gar mit dem Roboter? Insektenhotel oder ebenmäßige Liegefläche? Rasen sind für viele ein emotionales Thema. Unsere Kolumnistin Doris Knecht tötet nach wie vor den Großteil ihres Rasens, wie sie sagt. Und liegt damit voll im Trend. Mehr zu Rasenmoden wie "No Mow May" und "Kill your lawn" lesen Sie in ihrer dieswöchigen Kolumne.

"Orwells '1984' ist voller Sehnsucht nach der Natur", sagt die US-Autorin Rebecca Solnit im FALTER-Interview mit Tessa Szyszkowitz. Solnit bricht in ihrem neuen Buch "Orwells Rosen" eine Lanze für die Gartenarbeit. Die Pandemie spielte dabei eine Rolle – sie zeigt aber auch, dass schon der passionierte Gärtner George Orwell Rosen für Intellektuelle salonfähig machte. 

Österreich hat eines der strengsten Staatsbürgerschaftsgesetze Europas. Viele Menschen, die hier leben, zur Schule gehen, arbeiten und Steuern zahlen, sind keine Staatsbürger und dadurch von Wahlen ausgeschlossen. Wie könnte ein besseres Staatsbürgerschaftsrecht Österreich demokratischer machen? Darüber diskutierten Ilkim Erdost (AK Wien), Martina Zandonella (SORA Institut), Alexander Pollak (SOS Mitmensch), Jeremias Stadlmair (Politikwissenschafter) und Anna Jandrisevits (Die Chefredaktion). Das Gespräch moderierte Nina Horaczek, jetzt ist die Diskussion auch im FALTER-Radio zu hören.

Die Austrian Airlines müssen wegen Covid-Infektionen in der Belegschaft zahlreiche Flüge canceln, viele europäische Flughäfen sind überlastet, Reisende müssen mit großen Unannehmlichkeiten, Verspätungen und Verschiebungen rechnen. Grund genug, daheimzubleiben. Wenn Sie auf Sandbuchten, Kieselstrände und eiskalte Erfrischung nicht verzichten wollen, können Sie sich in diesem Buch Inspiration holen: Wildbadeplätze von Marion und Natalie Großschädel versammelt die besten freien Badespots in Wien, Niederösterreich, der Steiermark und dem Burgenland.  

Die großartige Mezzosopranistin Joyce DiDonato setzt sich für eine bessere Welt ein – auch am 2.9. beim Grafenegg Festival. Im visionären Programm «Eden» macht sie sich die Magie des Theaters und die Kraft der Musik zunutze, um ein intensives Nachdenken über unser Verhältnis zur Natur anzuregen.

Unterstützt wird sie vom Ensemble Il pomo d'oro unter der Leitung von Maxim Emelyanychev. Der musikalische Bogen spannt sich von Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck bis zu Gustav Mahler. Karten ab 10 Euro.


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