Gender Trouble 1938 - FALTER.maily #839

Klaus Nüchtern
Versendet am 27.06.2022

In seinem sehr lesenswerten Essay „Zwei Enthüllungen über die Scham" setzt sich der Wiener Philosoph Robert Pfaller mit einem weitgehend negativ besetzten Affekt auseinander und entdeckt neue Facetten an diesem – ein Interview mit dem Autor finden sie hier. Die Scham, so Pfaller, sei nämlich „eine Ressource der Solidarität" insofern, als sie auch ein Diskretionsgebot enthalte, das die Angehörigen von „Schamkulturen" darauf verpflichtet, die Beschämung des anderen zu verhindern beziehungsweise diskret zu übersehen.

Als Beleg für ein solches Verhalten zitiert Pfaller in seinem Buch die „Torn Dress Scene" aus Howard Hawks Screwball Comedy „Bringing Up Baby" (1938). Nachdem Katherine Hepburn unabsichtlich Cary Grants Frack zerrissen hat, widerfährt ihr ein ähnliches, aber noch viel peinlicheres Missgeschick, das sie indes nicht bemerkt, – weswegen sie Grants hilflose Versuche, ihre Blöße mit seinem Zylinder zu bedecken, als Aufdringlichkeit empfindet. Diese produktive Kraft der Scham ist genau das Gegenteil jenes „Fremdschämens", das sich seit Jahren einer fragwürdigen Konjunktur erfreut.

Im Falle des Fremdschämens kann von Diskretion keine Rede sein, ganz im Gegenteil: Die Person, die sich „fremdschämt", posaunt die Beschämung des anderen in alle Welt hinaus und sichert sich dadurch auch noch den pharisäerhaften Distinktionsgewinn einer gleichsam stellvertretend erbrachten Schamleistung, da der tatsächlich Beschämte offenbar zu primitiv und zu unsensibel ist, sich überhaupt zu schämen.

Momente der Peinlichkeit und der Beschämung sind ein zentraler Bestandteil jenes Genres, das Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre für Höhepunkte der Filmkomödie sorgte, die seitdem kaum je wieder erreicht wurden: eben der Screwball Comedy. So wie auch die seit den 1990ern unschön ins Kraut schießende Romantic Comedy dreht sich die Screwball Comedy um das Verhältnis der Geschlechter. Vergleicht man die beiden, drängt sich allerdings selbst Menschen, die nicht zu kulturpessimistischen Verfallsnarrativen neigen, der Verdacht auf, dass alles den Bach runtergeht. Hollywood war in Sachen „Geschlechtergleichheit und -gerechtigkeit" jedenfalls in der Zeit der Great Depression um einiges progressiver und gewitzter als heute.

Die Leading Ladies der Screwball Comedy – neben Katherine Hepburn wären noch Jean Arthur, Claudette Colbert, Irene Dunne, Carol Lombard oder Barbara Stanwyck zu nennen – sind ihren männlichen Pendants zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Aus diesem Grund sei die Screwball Comedy auch eine „comedy of equality" befand der US-amerikanische Philosoph Stanley Cavell (1926–2018). Es eigne sie, so Cavell in seinem Buch „The Pursuit of Happiness", nämlich eine Struktur, „die uns stets darüber im Zweifel lässt, wer hier eigentlich der Held ist, der Mann oder die Frau, wer der aktive Partner, wer auf der Suche ist, und wer wem folgt". Nachzulesen ist das in dem Kapitel, in dem Cavell „Bringing Up Baby" analysiert; und tatsächlich besteht ein „running gag" des Films, darin – pun intended - dass sich Cary Grant beständig auf der Flucht vor Katherine Hepburn befindet und doch gezwungen ist, dieser zu folgen.

Das Wort, das Cavell verwendet lautet „quest" („which of them is in quest, who is following whom"). „Quest" ist freilich auch das Wort, das im mittelalterlichen Epos die Âventiure des Ritters bezeichnet, etwa die Suche nach dem Heiligen Gral. Und tatsächlich weist „The Hollywood Comedy of Remarriage", wie sie Cavell nennt, eine Strukturähnlichkeit mit den Artusromanen des 12. Jahrhunderts auf. Die Mediävistik verortet in diesen nämlich den sogenannten „Doppelten Kursus"; dieser verfügt, dass der Ritter, nachdem er Frau, Ruhm und Ehre erreicht hat, in eine Krise gerät, seinen Fehler wiedergutmachen und seine Abenteuer ein zweites Mal bestehen muss. Analog dazu könnte man sagen, dass sich der Mann in den „Screwball Comedies" die Frau erneut verdienen und dabei allerlei Peinlichkeiten und Erniedrigungen über sich ergehen lassen muss – exemplarisch vorgeführt in Preston Sturges fulminanter Wiederverehelichungskomödie „The Lady Eve" (1941).

In dieser Screwball Comedy verliebt sich der ebenso weltfremde wie reiche Brauerei-Erbe Charles Poncefort Pike, genannt „Hopsie" und dargestellt von Henry Fonda, in eine professionelle Kartenbetrügerin namens Jean Harrington (Barbara Stanwick). Das Spiel von Begehren, Betrug, Beschämung und Verrat gipfelt darin, dass Jean, nachdem sie vom gekränkten Charles verstoßen wurde, als deren vermeintliche Schwester, eben „The Lady Eve", auftritt, in die sich Charles nun erneut verliebt, allerdings schlicht nicht schnallt, dass es sich bei ihr um „positively the same dame" handelt.

Der umgekehrte Fall liegt in George Cukors „The Philadelphia Story" (1940) vor, wo erst Katherine Hepburn vom hohen moralischen Ross heruntergeholt werden und vom verdientermaßen mit einem Oscar ausgezeichneten Jimmy Stewart angeschmachtet werden muss, ehe sie Cary Grant zum zweiten Mal heiraten darf.

War der filmhistorisch etwas später einsetzende Film noir der düstere Ausdruck einer „Krise der Männlichkeit", so brachte die Screwball Comedy die Geschlechterverhältnisse auf ausgelassene Weise zum Tanzen. Der herausragende Mann des Genres, Cary Grant – Screwball-Protagonisten wie Gary Cooper oder Clark Gable teilen übrigens seine Initialen – lebte einige Jahre in einer vermutetermaßen nicht nur platonischen Wohngemeinschaft mit dem vor allem als Westerndarsteller bekannten Randolph Scott zusammen. In der Screwball Comedy „My Favorite Wife" (Garson Kanin, 1940) spielt Scott Grants Konkurrenten im amourösen Wettstreit um Irene Dunne.

Und die Neigung zum Crossdressing, die Grant privat an den Tag legte, hat auch seine Leinwand-Persona maßgeblich bestimmt. Immer wieder ist er – vor allem bei Howard Hawks (siehe etwa: „I Was a Male Warbride", 1949) – in Frauenkleidern zusehen. In einer der albernsten, des an albernen Szenen wahrlich nicht armen „Bringing Up Baby" sieht er sich von seiner Nemesis Katherine Hepburn um die Kleidung gebracht und dazu genötigt, einen Damenbademantel zu tragen. Auf die Frage von May Robson, die die Tante von Sue Vance (Hepburn) spielt, warum er diesen idiotischen Fummel trage, antwortet Grant: „because I just went gay all of a sudden!" Von dem Witz und der Leichtfüssigkeit, mit der Geschlechterverhältnisse vor rund achtzig Jahren in den Screwball Comedies verhandelt wurden, könnten sich heute einige eine schöne Scheibe abschneiden.

Klaus Nüchtern

Ich muss gestehen, dass ich Filme mit Nicolas Cage nicht aushalte. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich sagen, dass ich sein G’schau nicht ertrage. Cage hat gewiss einen Haufen zweit-, dritt- und viertklassiger Filme gedreht, aber selbst John Woos hochgelobter Actionfilm „Face/Off" hat mich nicht erreicht. Angesichts des aktuellen Kinoprogramms sehe ich mich allerdings genötigt, mein Urteil etwas zu revidieren. In dem Film, dessen Titel in voller Länge „The Unbearable Weight of Massive Talent" lautet, spielt Cage sich selbst und beweist, dass er über ein gerüttelt Maß an Selbstironie verfügt. Regie bei diesem vor allem in der ersten Hälfte sehr lustigen Film führte ein gewisser Tom Gormican, der nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat und über den auch in den auch auf IMDb next to nothing in Erfahrung zu bringen ist.

Wahrscheinlich bin ich einfach ein Medien-Nostalgiker. Ich sehe Filme am liebsten im Kino und ich lese lieber in Büchern als auf einem Display. Das liegt nicht nur an der haptischen und olfaktorischen Dimension des Lesens, sondern auch daran, dass ich gerne weiß, wo in einem Buch ich mich räumlich befinde. Auf dem Monitor oder einem Display ist man ja immer nur auf der ersten Seite. Dass ich kein rettungslos sentimentaler Kulturpessimist bin, bestätigt mir dankenswerterweise die aktuelle Titelgeschichte von Anna Goldenberg: „Verlernen wir das lesen?" Die Antwort auf die Frage fällt durchaus komplex aus, eins aber ist offenbar klar: Fürs Textverständnis ist Blättern besser als Scrollen. Yeah!

Gerne hätte ich Michael Omastas Würdigung des Schauspielers Ralph Bellamy den Untiefen des Archivs entborgen. Leider ist sie vor so vielen Jahren erschienen – unter dem schönen Titel „Ein Mann wie ein Opel"–, dass sie über keine digitale Repräsentation verfügt. Nur weil er dort Erwähnung findet, darf ich auf meine Kolumne aus dem Falter 38/09 zum Thema „Folgende Bandnamen sind frei verfügbar" verweisen. Warum mir Ralph Bellamy ausgerechnet jetzt wieder eingefallen ist? Weil er eine, once again, herrlich alberne Tanzszene in der Screwball Comedy „The Awful Truth" (Leo McCarey, 1937) hat. Und wenn jemand wissen möchte, was das englische Adjektiv „smug" bedeutet, möge er oder sie sich Cary Grants Grinser ansehen.

Der Roman „Bär" der kanadischen Autorin Marian Engel (1933-1985) ist so ziemlich das kühnste und komischste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Es handelt von einer Bibliothekarin, die sich in einen Bären verliebt – und zwar mit allen Konsequenzen. Etwas mehr werde ich Ihnen in der übernächsten FALTER-Ausgabe in unseren Tipps für die Urlaubslektüre verraten.

„High Society" (1956) ist nichts anderes als das Musical gewordene Remake von „The Philadelphia Story". Wenn man mich fragt, ist mir das Original in allen Besetzungen – Katherine Hepburn, Cary Grant, James Stewart – lieber als die tönende Neuauflage mit Grace Kelly, Bing Crosby und Frank Sinatra. Aber die champagnerlustige Verve von „Well, Did You Evah" ist natürlich erstklassig performt und, wie soll man sagen? – „of bubbly infectiousness".

Wo Wien wächst

11 Botanische Spaziergänge erkunden Wiens Stadtvegetation und ihre ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Ein mehrere hundert Jahre alter Baum im Zentrum spielt dabei ebenso eine Rolle wie das essbare Grün auf Wiens Märkten oder das hartnäckige Pflänzchen zwischen den Pflastersteinen.

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