Alpen-Macronismus - FALTER.maily #841

Barbara Tóth
Versendet am 29.06.2022

Ich weiß, es ist drückend heiß, aber lassen Sie mich trotzdem kurz politisch werden. So überhitzt wie in der Stadt ist es derzeit auch in der innenpolitischen Gerüchteküche. Eine honorige Herrenrunde bastle an der Gründung einer neuen Partei, wird kolportiert. Ex-Kanzler Christian Kern könnte der Spitzenkandidat sein.

Einer der Promotoren ist der – ja, wie nenne ich ihn am besten? Satiriker? Influenzer? Ich-AG? – ist jedenfalls der sehr selbstbewusste und auch nicht gerade schlecht vernetzte Rudi Fußi. Und weil sonst nicht wahnsinnig viel Spannendes los ist, fragen Meinungsforschungsinstitute ab, wie viele Menschen eine neue Partei wählen würden und ob Kern als Spitzenkandidat sexy genug wäre.

Die Dynamiken in Österreichs Innenpolitik sind recht berechenbar, noch dazu, wenn man miteinkalkuliert, dass sich viele in der Innenpolitik-Journalismus-Bubble nach einigen Jahren im Dienst ein wenig zu langweilen beginnen und deshalb Spekulationen über ganz was Neues lieber aufgreifen (ich nehme mich da nicht aus!), als sich zum x-ten Mal durch die schreckliche Matrix des alpenländischen Gesundheits- oder Schulwesens zu wühlen.

Sie merken schon: Ich gebe wenig auf diese Tropennacht-Gerüchte. Ich halte Fußi zwar für einen talentierten Selbstdarsteller, aber für keinen Parteigründer- oder gar Manager. Comeback-Geschichten waren, selbst wenn sie um einen Charismatiker wie Kern kreisen, in der österreichischen Politik-Kultur noch nie erfolgreich.

Mehr noch, ich halte solche Neugründungsphantasien sogar für demokratiepolitisch höchst bedenklich. Ja, ja, wir mögen klassische Parteien alle satt haben. Sie sind strukturell korrupt, wenn sie zu lange an der Macht sind (ÖVP wie SPÖ), intellektuell ausgelaugt und behäbig. Gleichzeitig sind es diese breit aufgestellten, traditionellen Volksparteien, die uns vorm Abdriften ins Antidemokratische schützen, vorausgesetzt, die internen Checks & Balances funktionieren und sie geben sich nicht – wie die Konservativen in den USA oder Ungarn – einem radikalen Führer hin.

Was ich damit sagen will: Liebe Fußis, Kerns und wer sonst noch aller Politik machen will in diesem Land (Ja, Herr Dominik Wlazny alias Marco Pogo, da denke ich auch an Sie): Engagieren Sie sich in Ihren Gesinnungsgemeinschaften, reformieren Sie sie, geben Sie sich die Mühen im Kampf durch deren Bürokratien. Das lohnt sich mehr, als als politische Sternschnuppe in die Zeitgeschichte einzugehen.

Barbara Tóth

Dazu passend empfehle ich Ihnen die Analyse der US-Autorin Susan Faludi aus der New York Times dieser Woche, in der sie über den faustischen Pakt schreibt, den der Feminismus mit der Celebrity Culture geschlossen hat. Ihre These: Eh super, wenn sich Stars zum Feminismus bekennen und Influencerinnen damit Likes generieren. Aber während wir diesen Popkultur-Feminismus angefeuert haben, haben die Konservativen Schritt für Schritt ihrer Macht gefestigt. Sie sind den mühsamen Weg durch die Institutionen gegangen. Am Ende steht der Beschluss, das Recht auf Abtreibung für Frauen in den USA zu kippen. Es wäre wohl besser gewesen, feministische Selbstinszenierung in den sozialen Medien als moderne Bewusstseinsarbeit zu betreiben UND gleichzeitig politische Basisarbeit zu machen, ganz oldschool-mäßig, meint Faludi.

Über den großen Rückschritt, – die Abschaffung des verfassungsmäßigen Rechts auf Abtreibung in den USA – und wie die Aufhebung durch den Surpreme Court schon jetzt das Land verändert hat, sprechen im FALTER-Podcast der US-Historiker Mitchell Ash, Ex-Washington Botschafterin Eva Nowotny und Raimund Löw.

Heuer war es wieder so weit: Nachdem wir im Jahr 2021 den Titel der lebenswertesten Stadt der Welt an die neuseeländische Hafenstadt Auckland verloren hatten, kürte der britische Economist Wien 2022 wieder zum "place to be". Aber gilt das für alle Bewohner:innen? Melisa Erkurt erinnert in ihrer Kolumne an einen unterbeleuchteten Aspekt solcher Feel-Good-Meldungen.

Lange wurde darüber geredet, gestritten, gekämpft. Jetzt ist es so weit: Die letzten ORF-Radioredaktionen ziehen aus dem innerstädtischen Funkhaus auf in den multimedialen Newsroom am Küniglberg. Für die einen ist das der Weg in die trimediale Zukunft, für die anderen eine Bedrohung für die redaktionelle Unabhängigkeit des Informationssenders Ö1. Lina Paulitsch über ein einschneidendes Ereignis österreichischer Mediengeschichte.

Am Samstag, den 2. Juli, geht der Ö1-Funkhaustag 24 Stunden lang auf Sendung – den Abgesang auf eine Ära können Sie hier live mitverfolgen.

Die RTR ist die finanzielle Drehscheibe der heimischen Medienpolitik und als solche wohl die wichtigste Medienbehörde des Landes. Umso mehr sollten wir darüber reden, dass das Kanzleramt den RTR-Chefsessel mit seinem bürgerlichen Wunschkandidaten besetzt hat – mittels zugeschnittener Ausschreibung.

Patti Smith, Rolling Stones, Alt-J, Ed Sheeran, Nick Cave, Bilderbuch: Diesen Sommer gibt es in Wien einiges auf die Ohren. Gerhard Stöger hat die besten Konzerte für Sie zusammengetragen.

Wer's gern intimer mag: Der Kultursommer Wien macht kleinere Konzerte an kleineren Locations in Wiens Grätzeln, vielfach getragen von lokalen Artists.

Queer-feministischer Glam in der Kunsthalle Wien

Am Donnerstag 30. Juni um 19 Uhr eröffnet in der Kunsthalle Wien Museumsquartier die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Katrina Daschner mit Frinks und Djs. In BURN & GLOOM! GLOW & MOON! Thousand Years of Troubled Genders zeigt Daschner ihre multimedialen Arbeiten in denen weiße, patriarchale Heteronormativität Stück für Stück ebenso schmerzvoll wie freudig demontiert wird.


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