Mit Claudia Schiffer unterm Regenbogen - FALTER.maily #842

Nina Horaczek
Versendet am 30.06.2022

Vor vielen, vielen Jahren hatte ich einen Schulfreund, der war unsterblich in Claudia Schiffer verliebt. So sehr, dass wir uns bei einem Auftritt des Supermodels in einer Parfümerie am Wiener Graben stundenlang anstellen mussten, damit er für wenige Sekunden ein blondes Haarbüschel seiner großen Liebe sehen konnte. Kurz nach der Matura outete er seine Liebe zur schönen Frau Schiffer als bloße Tarnung. Der Bursche war schwul – in der Schule hatte er sich das damals aber nicht zu sagen getraut.

Wenn die Schüler:innen der Mittelschule Anton-Sattler-Gasse in Englisch die past tense üben, steht auf dem Übungszettel auch einmal "Yesterday, Jake and his boyfriend ______ out for dinner." Dort unterrichtet Simeon Gazivoda. Er ist Teach for Austria-Lehrer und hat gemeinsam mit seinem Kollegen Bastian De Monte, der an der Fachmittelschule 20 in der Brigittenau unterrichtet, das Projekt "Proud School" gestartet:

Die Schule als sicherer Ort für Kinder und Jugendliche, die gerade bemerken, dass sie sich von Menschen ihres eigenen Geschlechts sexuell angezogen fühlen, trans oder non-binär sind. Wo sie wissen, es gibt Lehrer:innen, die nicht wegschauen, wenn sie wegen ihrer sexuellen Identität oder Orientierung beschimpft oder gehänselt werden. Wo ihr "anders" sein als normal akzeptiert ist.

Heute geht das Pride Month, das Monat des Respekts für gender- und sexuelle Vielfalt, zu Ende. Mittlerweile wehen in Wien an vielen Orten Regenbogenfahnen. Aber gerade in der Schule haben es LGBTIQ-Teens (die Abkürzung steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex und Queer) oft schwer. In einer von der EU-Grundrechteagentur durchgeführten Umfrage unter fast 140.000 LGBTIQ-Personen in Europa gaben sechzig Prozent der österreichischen Befragten an, dass sie sich in der Schule nicht geoutet hatten.

Nur fünf Prozent lebten schon als Schüler:in offen schwul oder lesbisch. Auf die Frage "Wurden Sie während Ihrer Schulzeit jemals verspottet, gehänselt, beleidigt oder bedroht, weil Sie LGBTI sind?" antworteten 47 Prozent der österreichischen Befragten mit Ja. Auch die Suizidrate ist bei queeren Jugendlichen bis heute viel höher als unter Hetero-Teens.

In den beiden Wiener Proud Schools hingen in diesem Monat nicht nur die Regenbogenfahnen. "Alle Klassen haben sich mit Themen wie Identität und unterschiedlichen Lebensformen auseinandergesetzt", erzählt Lehrer Gazivoda. Weil an beiden Schulen viele Jugendliche Migrationshintergrund haben, versuchten die Lehrer auch, eine Brücke von Rassismuserfahrungen zu Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung zu schlagen. Weil in den Schulbüchern keine gleichgeschlechtlichen Paare vorkommen, gestalteten die Lehrer einfach selbst Lernunterlagen.

Natürlich löst so ein Monat nicht alle Probleme. "Und natürlich haben manche gegrölt oder blöde Kommentare gemacht, als wir die Fahne aufgehängt haben", sagt De Monte. "Aber gewaltvolle Hate-Kommentare gab es zum Glück keine mehr – und das ist schon ein Erfolg." Seinen Lehrerkollegen Gazivoda fragen die Zweitklässler mittlerweile völlig unaufgeregt, wo er in den Sommerferien mit seinem Freund Urlaub mache.

Und mein Schulfreund von damals? Der wohnt heute in New York, out and proud.

Nina Horaczek

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Sommerfrische

Das Buch Wildbadeplätze zeigt, dass man auch in der Großstadt inmitten von Natur schwimmen kann und führt auch aufs Land zu friedlichen Flussbädern und zu Seen, in denen sich die Berge spiegeln. Nahezu alle der 100 Badestellen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad erreichbar.

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