Ira ist weg - FALTER.maily #843

Nina Brnada
Versendet am 01.07.2022

Journalistische Distanz zu den Menschen zu wahren, über die man berichtet, ist ein Gebot der publizistischen Professionalität, das ich sehr ernst nehme. Und dennoch sah ich mich Ende März unseren Kinderwagen, den mit dem Buggyboard, den wir nicht mehr verwenden und der im Fahrradraum verstaubte, über den Wiedner Gürtel schieben. Denn ich wollte ihn Ira geben.

Ira war wenige Tage davor mit ihren beiden Kindern und der Schwiegermutter aus der Ukraine nach Österreich geflüchtet. In zwei meiner Reportagen berichtete ich über sie. Nun ist sie gegangen, zurück in die Ukraine, ins Kriegsland, weil sie es in Österreich nicht mehr ausgehalten hat. Dass sie als zweifache Mutter keine Alternative sieht und in ein Kriegsland zurückkehrt, ist ein echtes Versagen der österreichischen Flüchtlingspolitik, die sich nicht dazu durchringen kann, diesen Menschen ein Existenzminimum zu ermöglichen. 

Es war der 18. März, fast schon Mitternacht, als ich Ira zum ersten Mal begegnet bin. Die 36-Jährige saß in der Sporthalle Engerthstraße in Wien-Leopoldstadt, dort ist bis heute das Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine. Ich hatte dort knapp 12 Stunden für eine Recherche verbracht. Als die Halle schon fast leer war, sah ich Ira an einem Tisch sitzen. Ihr älterer Sohn schlief auf ihrem Schoß, hinter ihr in der Babyschale ihr damals wenige Monate altes Baby, auch ein Bub.

Sie war gerade mit ihrer Schwiegermutter aus Bila Zerkwa angekommen, einer Stadt mit der Einwohnerzahl von Linz, 85 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Kiew. Wohin um diese Uhrzeit mit zwei kleinen Kindern? Sie wusste nicht, wo sie die Nacht verbringen würde. Gerade noch hatte sie ein normales Leben und plötzlich war sie eine Obdachlose. Ein Tiefpunkt, von dem es nicht weiter hinunter geht, dort, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. 

Sie bekam eine Unterkunft, zähe Tage vergingen, Wochen, wir hielten Kontakt. Ich besuchte sie zweimal, die Schwiegermutter und die Kinder, sie lebten in einer Herberge im vierten Bezirk, ein Raum mit drei Betten entlang der Wand aufgereiht, eine Kochnische. Ihnen ging es im Vergleich zu vielen anderen Vertriebenen aus der Ukraine in Österreich relativ gut, sie mussten keine Miete zahlen, hatten zumindest ein eigenes Zimmer und konnten sich etwas kochen.

Doch das Geld reichte nicht. Am Ende hatten sie und die Oma je 215 Euro Grundversorgung, für die Kinder noch je 100 Euro. So viel steht ihnen zu, mehr nicht, und das war zu wenig, und deswegen sind sie wieder zurück.

Ira war permanent unterwegs, klapperte sämtliche Hilfsorganisationen ab, stets auf der Suche nach Windeln, Babybrei, Sandalen für den Größeren, Duschgel. Jetzt hat es ihr gereicht. Sie ist zurück nach Bila Zerkwa. Dort verläuft zwar nicht die Front, aber es heulen permanent die Sirenen, wie sie mir schreibt. Es gibt keine Arbeit, alles sei teuer. 

Sie hatte es angekündigt, sie hatte gesagt, sie würde gehen. Ich hatte gehofft, dass sie es am Ende doch nicht macht. "Du musst den Kinderwagen irgendwie abholen", schrieb sie mir. Er wartet noch in einem Stiegenhaus, irgendwo auf der Wieden.

Seit heute hat Österreich mit Andreas Achrainer einen neuen Flüchtlingskoordinator, er folgt auf den erfolglosen Michael Takács, der zum Bundespolizeidirektor ernannt wurde. Achrainer ist als Geschäftsführer der Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) ein ausgewiesener Kenner der Problematik – hoffentlich auch jemand, dem echte Verbesserungen gelingen werden. Damit nicht noch mehr Iras Beispiel folgen.

Nina Brnada

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