Was Yücel sagt - FALTER.maily #847

Florian Klenk
Versendet am 06.07.2022

Ich bin ein Bewunderer des Journalisten Deniz Yücel. Wenn ich ein journalistisches Vorbild nennen müsste, er wäre es. Ich habe für ihn in Wien bei einem Auto-Corso demonstriert, als er in der Türkei in Einzelhaft saß. Er ist das Feindbild türkischer Nationalisten und er sprengte kürzlich den alten deutschen Pen-Club, den er als „Bratwurstbude“ bezeichnete, weil dort lauter Wichtigtuer den einst so wichtigen Verein kaputt quatschen. Ich verschlinge seine Texte nicht auch zuletzt deshalb, weil er mit Hirn und Humor auch jenem sektiererischen linken Milieu Paroli bietet, das sich fortschrittlich wähnt, aber in Wahrheit autoritär agiert.

Als einmal an einer Uni eine Lesung von Texten Martin Luther Kings gecrasht wurde, weil dort das N-Wort ausgesprochen worden war, schrieb er in der TAZ diesen wirklich lesenswerten Text. Ich reiche ihn gerne weiter, wenn es darum geht, auch mal den Kontext zu erfassen, in denen verpönte Wörter ausgesprochen werden.

Kürzlich machte Yücel via Twitter über einen Fall von Cancel-Culture (ja, die gibts) an der Berliner Humboldt Uni aufmerksam. Yücel formulierte es so elegant, dass ich seinen Twitter-Thread hier im Maily in Gänze veröffentlichen möchte. 

Er schrieb: „In einer Welt aus Willen und Vorstellung, in der sich jeder Student mithilfe von giftgrünem Nagellack und Fantasiepronomen zur 'non-binären' Person erklären kann und jede Redakteurin mit schneewitchenblasser Haut und einem Onkel in Slowenien zur 'Person of Color', mag ein evolutionsbiologischer Vortrag über Sex und Gender als Zumutung erscheinen. Das ist okay. Queerdenker dürfen dagegen protestieren, ebenso wie z.B. Querdenker gegen einen epidemiologischen Vortrag über Covid-19. Die vorgetragenen Thesen können wissenschaftlich kontrovers sein, wie Kritik nicht immer als gepflegter Disput unter C4-Professoren stattfinden muss. Cancel Culture wird nicht dadurch vom Kampfwort zur Realität, weil Jana aus Kassel oder Momo aus Berlin (vormals: Bodo aus Ulm) oder wer auch immer im Internet oder auf der Straße gegen was auch immer demonstriert, sondern durch die Unfähigkeit von Institutionen aller Art, Kritik und Empörung auszuhalten.Die Absage des Vortrags von Marie-Luise Vollbrecht durch die Humboldt Uni (vormals: Friedrich-Wilhelms-Universität) ist erbärmlich feige; die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit inakzeptabel.“

Ich würde mir diesen Tweet gerne laminieren und an alle Diskursteilnehmer in der Transgender-Debatte verteilen. Weil er genau das auf den Punkt bringt, was eine im schnellen und gereizten Web sozialisierte „woke“ Generation immer weniger versteht. Wir müssen die anderen aushalten.

Wir leben in einer Welt, in der Männer ziemlich offensiv Zutritt in jene Schutzräume einfordern, die sich Frauen erkämpft haben. Und zwar deshalb, weil es ja angeblich gar kein fixes biologisches Geschlecht gibt, sondern auch ein Mensch mit Penis eine Frau sein kann, sofern er das von sich behauptet und dann „weiblich gelesen“ wird.

Das sind Forderungen, die man willkommen heißen oder die man für sich persönlich nicht so überzeugend finden darf - etwa weil man der Meinung ist, dass es weiterhin Schutzräume für Frauen geben muss, etwa in Spitälern, Gefängnissen, Pflegeheimen, Frauencamps oder Frauenhäusern. 

Aber auch die Redefreiheit ist ein Menschenrecht, so wie die Wissenschaftsfreiheit und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Manchmal habe ich den Eindruck, ein ganz bestimmtes linkes Milieu versteht das nicht. Das sollten wir nicht verharmlosen.

Florian Klenk

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