Pinas Impulse - FALTER.maily #849

Lina Paulitsch
Versendet am 08.07.2022

Eine große Wasserlache benetzte gestern bei der Eröffnung des Impulstanz-Festivals die Bühne des Burgtheaters, das von 7.7. bis 7.8. in Wien stattfindet. Zwölf Tänzer:innen und ein Felsbrocken gaben ein bombastisches Spektakel, mit Bühnenregen und fliegenden Körpern. „Vollmond“ ist eine österreichische Erstaufführung und ein Impulstanz-Highlight, immerhin gehört das Tanztheater Wuppertal zu den bekanntesten Kompanien der Welt. Von Pina Bausch, dessen Choreographin und Legende, möchte ich Ihnen heute erzählen. 

"Nicht wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt", interessiere sie, hat Pina Bausch einmal gesagt. Wie kaum jemand gilt die 1940 geborene Deutsche als Revolutionärin der Kunstform Tanz. In den 1970er-Jahren trieb sie in Wuppertal die Entwicklung des sogenannten Tanztheaters voran, als neue Ausdrucks- und Erzählform auf der Bühne. Vor allem in ihren frühen Choreografien wurde weniger getanzt als gerannt, geschrien, auf den Boden getrommelt. 

Berühmt wurde Pina Bauschs Fragetechnik zur Kreation der Stücke. Ihre Kompanie wurde mit Themen konfrontiert und sollte intuitiv und tänzerisch antworten. „Ich frage selten etwas direkt. Ich frage immer nur um Ecken rum“, erzählt Bausch in einem Porträt, das Alice Schwarzer einmal von ihr geschrieben hatte. „Denn wenn die Fragen plump sind, können die Antworten auch nur plump sein.“ Aus den Improvisationen ihrer Tänzer:innen baute sie eine Choreographie, rezitierte deren Lebensgeschichten und ließ sie vergangene Gefühle szenisch durchleben.

Als Pina Bausch im Jahr 2009 völlig unerwartet verstarb, stürzte ihre Kompanie in den freien Fall. Mit einem Schlag fehlte nicht nur die Mentorin, sondern die Schöpferin ihres Tanzstils selbst. Heute fungiert das Tanztheater Wuppertal als körperlich-lebendiges Archiv. Mehr als 40 Bausch-Choreographien werden im Original weiter zur Aufführung gebracht und an die nächste Generation weitergegeben. 

Die Krux: 13 Jahre später hat nur mehr rund die Hälfte der Kompanie mit Pina Bausch selbst zusammen gearbeitet, der Rest braucht Videoaufnahmen. Diese Schwierigkeit spürt man auch bei der Impulstanz-Wiederaufnahme von Bauschs „Vollmond“. In zweienhalb Stunden spektakulären Wasserspiels hängt die Choreographie zwischen den Epochen, ist nicht antiquiert, aber auch nicht revolutionär. Wenn auf der Bühne ältere Frauen mit jüngeren Männern spielerisch tanzen und sie erotisch necken, ist man fast an Samantha aus Sex and The City erinnert, also an Sujets der 90er.

Einem breiten Publikum bekannt gemacht hatte Pina Bausch übrigens ein Film von Wim Wenders, den dieser nach ihrem Tod realisierte. „Pina“ (2011) ist eine filmische Hommage, deren Sprache sich über tanzende Körper übersetzt. Wer es nicht zur Impulstanz-Aufführung heute, morgen oder übermorgen schafft, dem sei dieses Ersatzprogramm wärmstens ans Herz gelegt. 

Einen schönen Abend wünscht

Ihre Lina Paulitsch

Nochmal zur Erinnerung: Meine Kollegen Sara Schausberger und Martin Pesl sind Impulstanz-Expert:innen und haben einen kleinen Überblick über die wichtigsten Performances hier zusammengestellt.

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