Kein Fußbreit den Leih-E-Scootern! - FALTER.maily #852

Lukas Matzinger
Versendet am 13.07.2022

Das Alte Testament kennt sehr spezifische Plagen wie die der Schwarzen Blattern, die der Frösche und des Todes aller Erstgeborenen. Aber die Landplage der Leih-E-Scooter hat nicht einmal Mose kommen sehen.

Nach den Mund-Nasen-Masken hat in den vergangenen Jahren nichts das Stadtbild so penetrant verändert wie die tausenden vereinnahmenden E-Scooter (die genaue Zahl ist unbekannt) von mittlerweile fünf Anbietern (alle mit vier Buchstaben).

Von Oslo bis Porto gerät die werksmäßige Fortbewegungsweise des Menschen (aufrechter Gang) immer mehr in Verruf: zu langsam, zu unsmart, zu mühselig, zu kreatürlich. Also App runterladen, Roller besteigen, nach Gebrauch abstellen und ein bisschen was zahlen. Welche smarte und spaßige Art moderner Mobilität.

Das Geschäftsmodell Leihroller ließe sich auch anders anschauen: Seit einigen Jahren nehmen einige Start-Ups für ihren Bilanzerfolg fast den kompletten öffentlichen Raum in Europas Großstädten in Beschlag. Weil die meisten Anbieter auf dezidierte Rückgabestellen verzichten, wird die ganze Stadt zu ihrem Betriebsgelände.

In Wien kann man also heute kaum mehr außer Haus gehen, ohne über ein liegengelassenes Kleinstfahrzeug zu knöcheln. Neben der Vermüllung der Städte verärgern das (verbotene) Fahren auf Gehsteigen, die gewaltige Unfallgefahr durch Raserei und Rücksichtslosigkeit und das achtlose Entsorgen der Roller in der Natur oder in Flüssen.

Jetzt ist mir nicht entgangen, dass Städte keine Safe Spaces sind, sondern man beim täglichen Verhandeln der Gepflogenheiten Egoismen der Individuen aushalten muss: Balkongriller, Autotuner, Lautsprecher-Spazierer. Aber beim E-Scooter ist meine Widerstandsgrenze erreicht. Der ästhetische, gesundheitliche und raumordnerische Preis des Kollektivs für etwas schneller zurückgelegte Wegstrecken des Einzelnen ist einfach zu hoch.

Der einzige vorstellbare Grund, warum die meisten Städte Europas ihre Rollergeschwader noch dulden, ist ihr guter Klimaleumund dank Elektroantrieb und Sharingprinzip. Wie gut Leih-E-Scooter auf der Gewessler-Skala wirklich liegen, wäre eine Frage für umsichtige Verkehrsforscher. Zumal die Dinger nur selten böse Autofahrten ersetzen, sondern eher Alternative für andere umweltschonende Transportarten wie Fahrrad oder U-Bahn sind.

Und ehe man sich's versieht, erobert schon die nächste Egoismus-Evolutionsstufe die Wiener Radwege und Gehsteige. Sie ist noch produktionsaufwändiger und noch verkehrsunsicherer als die nun ausführlich Beklagten: die technisch-rechtlich zum E-Bike erklärten Elektromopeds, mit denen immer mehr Lieferservice-Start-Ups ihre Ware ausführen lassen. Ich geh dann mal.

Lukas Matzinger

Vor dreieinhalb Jahren – kurz vor Weihnachten 2018 – protestierte Klara Butz unter der Reiterstatute von Prinz Eugen auf dem Wiener Heldenplatz auf der ersten Fridays-for-Future-Demo in Österreich für mehr Klimaschutz. Drei Jahre lang hat sich Butz im Aktivismus aufgerieben, sie hat fürs Klima organisiert, demonstriert, lobbyiert. Ihre Hoffnung in die Politik schwindet und die Klimaaktivistin versucht nun über einen anderen Weg, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen - über jenen der Gerichte. Butz ist Klimaklägerin und geht gegen die Republik juristisch vor. Sie ist nicht die einzige. Kollege Benedikt Narodoslawsky hat die Geschichte hier für Sie aufgeschrieben.

Vor ziemlich genau einem Jahr erklärte der Schriftsteller Matthias Politycki in einem Beitrag für die FAZ seinen "Abschied aus Deutschland". Zermürbt von den Vorgaben eines "politisch korrekten" Sprachgebrauchs, mit denen nun auch noch "die Störchin" Einzug ins Radiodeutsch gefunden hatte, sah er sich jeder Freude an seinem ureigenen Handwerk beraubt und erklärte, an einen Ort auszuweichen, "der noch sprachliberal ist: Wien". Lina Paulitsch und Klaus Nüchtern fragen ihn: Ist er gut angekommen? Hier lesen Sie das Interview.

20 Mio. Euro verteilt die Regierung über die RTR an private Fernsehsender. Gefördert werden soll die mediale Vielfalt, insbesondere ein "vielfältiges, hochwertiges und innovatives Programmangebot". So steht es in den Richtlinien der RTR. Aber nach welchen Kriterien? Ein geheimes Sitzungsprotokoll, das uns vorliegt, zeigt es. Hier können Sie Barbara Tóths Text nachlesen.

Sommerfrische

Das Buch Wildbadeplätze zeigt, dass man auch in der Großstadt inmitten von Natur schwimmen kann und führt auch aufs Land zu friedlichen Flussbädern und zu Seen, in denen sich die Berge spiegeln. Nahezu alle der 100 Badestellen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad erreichbar.

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