Das Recht auf Rosen und Wolken - FALTER.maily #853

Klaus Nüchtern
Versendet am 14.07.2022

Als ich vor vielen Jahren meinen Zivildienst ableistete, genossen wir auch eine Art „Grundausbildung" beim Arbeiter-Samariter-Bund, der damals „Am Hundsturm" in Margareten residierte. Unter den vielleicht zwei Dutzend junger Männer fand ich mich bald in einer Clique wieder, der auch der Thomas, der Walter und der Siegi angehörten. Letzterer war, wie man heute sagen würde, ein wenig „verpeilt"; ein paar Jahrhunderte davor hätte man ihn vielleicht ins Rollenfach „reiner Tor" einsortiert. Er wies jedenfalls ein unübersehbares Talent auf, sich in unmögliche Situationen zu manövrieren, die etwas weltgewandtere und weniger blauäugige Menschen zu vermeiden gewusst hätten.

Über die Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit der Welt vermochte sich Siegi immer wieder zu empören, vor allem, wenn diese sich gegen ihn persönlich richtete. So empfand er auch die Entlohnung der Zivildiener als eine Art Existenzminimum, die nur die schiere Selbsterhaltung gewährleistete und alle darüber hinaus gehenden Bedürfnisse ignorierte – etwa jenes, dass sich ein Zivildiener „vielleicht auch einmal eine Blume kaufen möchte".

Selbstverständlich fand Siegis Wortmeldung, die für Erheiterung und zumindest verhaltenen Spott sorgte, sofort Eingang in den von uns gehegten und bei Bedarf erweiterten Anekdotenschatz, der ansonsten aus Gewitzel über die Idiosynkrasien unserer Ausbildner und vor allem aus Schnurren bestand, die Angehörige der Feuerwehr über ihre „Kollegen" von der Polizei zum Besten gaben. Über die Spannungen zwischen diesen beiden Berufsgruppen wissend erkundigten wir uns bei den Referenten für Brandschutz- oder Strahlenschutz gezielt danach, worin denn der Hauptunterschied zwischen Polizei und Feuerwehr bestünde; eine Frage, die von einem Feuerwehrmann bündig mit: „Schauen Sie, wir sind dazu da, den Menschen zu helfen", beantwortet wurde.

Rückblickend kommt mir Siegis Blumen-Plädoyer gar nicht mehr so lächerlich, sondern eher als eine Version des Bibel-Wortes vor, demzufolge der Mensch „nicht von Brot allein" lebe. Die Pointe des Alten (Mose) bzw. Neuen Testaments (Matthäus und Lukas) geht natürlich nicht in Richtung „Blume", sondern zielt auf „das Wort Gottes". Wohingegen das Wort Siegis doch eher als Einspruch gegen den biblischen Transzendenz-Terror verstanden werden kann. So wie die berühmte, später auch Gedicht und Song gewordene Streik-Forderung nach „Bread and Roses" zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

So sieht es jedenfalls die US-amerikanische Essayistin Rebecca Solnit, die in ihrem soeben in deutscher Übersetzung erschienen Buch „Orwells Rosen" – ein Interview, das Tessa Szyszkowitz mit der Autorin geführt hat, finden Sie hier – dem Thema „Wir kämpfen auch für Rosen" ein eigenes Kapitel widmet. Der von der Sufragette Helen Todd popularisierte Slogan sei entschieden „säkular" zu verstehen und stehe „für den Gedanken, Religion durch die Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens in dieser statt in der nächsten Welt zu ersetzen". Eine hoch ironische, ja geradezu häretische Version dieses Einwurfs stellt „Das himmlische Leben" aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn" dar, das Gustav Mahler – „sehr behaglich" – als Finale seiner 4. Sinfonie – hier mit Edith Matis als Solistin und Leonard Bernstein am Pult – vertont hat. „Wir genießen die himmlischen Freuden, / D'rum tun wir das Irdische meiden", beginnt das Volkslied, um sich erst recht zu einer schlaraffenlandartigen Apotheose irdischer Genüsse aufzuschwingen: „Sankt Lucas den Ochsen tät schlachten / Ohn' einig's Bedenken und Achten. / Der Wein kost' kein Heller /
Im himmlischen Keller; / Die Englein, die backen das Brot".

Solnit, die mit ihrem Buch „Men Explain Things to Me" („Wenn Männer mir die Welt erklären") den Begriff des „Mansplaining" initiiert hat, nimmt die – für viele vielleicht überraschende – Passion George Orwells für das Pflanzen von Rosen, für Gartenarbeit, die English Countryside und die Natur ganz generell zum Anlass nicht nur um den Autor von „Animal Farm" und „1984" aus der Ecke des hellsichtigen, aber auch etwas angestaubten Polit-Romanciers zu holen, sondern auch, um in ihrem mäandernden, aber keineswegs ziellosen Essay über den Zusammenhang von Ethik und Ästhetik sowie das politische und utopische Potential unseres Umgangs mit der Natur nachzudenken.

Das klingt vielleicht verdächtig nach Esoterik oder der (zu Unrecht) Martin Luther zugeschriebenen Passion für Apfelbäumchen, ist tatsächlich aber ein berührendes Porträt eines der integersten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus ein Plädoyer für das Recht auf Schönheit, das die oft bittere Realität – etwa die „Blumenfabriken" in Bogotá – aber nie aus den Augen verliert.

Leser:innen von „Orwells Rosen" werden immer wieder auf zugleich erhellende und anmutige Sätze stoßen. Viele davon sind Zitate – oder Zitate von Zitaten. So referiert Solnit einen Auseinandersetzung zwischen der Fotografin Zoe Leonard und dem Künstler und Aktivisten David Wojnarowicz. Leonard hatte sich selbstkritisch über die Fragwürdigkeit schöner Bilder in Zeiten von Aids geäußert – und referierte den Disput mit ihrem Kollegen wie folgt: „Ich bin mir wie ein Arschloch vorgekommen mit diesen Wolkenbildern, aber David hatte recht. ,Man kämpft ja nicht, weil man unbedingt kämpfen will, sondern weil man als Mensch etwas erreichen möchte. Um eine Welt zu schaffen, in der man herumsitzen und Wolken betrachten kann. Dieses Recht haben wir Menschen."

Klaus Nüchtern

Die dienstälteste Rockband der Welt, die Rolling Stones, haben morgen bekanntlich ihren – vermutetermaßen – letzten Live-Auftritt in Wien. Der Falter-Pop-Wart Gerhard Stöger, der eindeutig im Lager der Beatles steht, hätte das bis vor Kurzem noch müde abgenickt. Aber dann ist ihm Mick Jagger im Traum erschienen und erwies sich als gscheit, cool und dermaßen sexy, dass sich Stöger veranlasst sah, sein bislang gelebtes Begehren zu hinterfragen. Seine ganz persönliche Stones-Würdigung finden Sie hier.

Auch mir, ebenfalls ganz klar Team Beatles, ist Mick Jagger schon einmal erschienen. Allerdings nicht im Traum, sondern in echt. Ich befand mich gerade auf Urlaub in St. Petersburg und spazierte auf der Mauer der Peter-und-Paul-Festung, als ich zwei sehr große und attraktive Frauen – augenscheinlich Mutter und Tochter – und neben ihnen einen sehr kleinen Mann gewahrte. „Diese Lippen kenne ich doch", dachte ich. Ich wäre ohnedies nicht auf die Idee gekommen, Mick Jagger um ein Autogramm oder ein Selfie zu bitten – die Stones gaben damals ein Konzert im Winterpalast –, aber nachdem die Augen seines Bodyguard wie ein Laserpointer auf mich gerichtet waren, hätte ich es wohl auch unterlassen, wäre ich der größte Jagger-Fan der Welt.

Dass Mick Jagger nicht auf den Kopf und auf’s Maul gefallen ist, habe ich übrigens schon gewusst. In der Doku „Charlie Is My Darling" rund um einen Auftritt der Stones in Dublin im September 1965, in dem das Publikum der Band sehr, sehr nahe kam, fragt der Reporter Mick Jagger nach dem Geheimnis der Stones. Und was antwortet das gerade mal 22jährige Früchterl? „There is no mystery, it’s all pretty obvious." Ganz große Klappe!

Wer Rebecca Solnits „Orwells Rosen" liest oder sich auch nur ein bisschen mit Werk und Leben des im Alter von 46 Jahren an den Folgen seiner Lungentuberkulose verstorbenen Schriftsteller befasst hat, wird diesem nur den höchsten Respekt zollen können. Eine Würdigung von Orwells Roman „1984" finden sie hier.


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