It’s Pop Culture, stupid! - FALTER.maily #856

Lina Paulitsch
Versendet am 19.07.2022

Vergangenen Samstag gastierte Harry Styles in Wien. Harry Styles! Ich muss gestehen, selbst war ich nicht bei seinem Konzert in der Stadthalle, genoss aber einen privaten Live-Ticker, nämlich die Instagram-Story meiner 14-jährigen Cousine. Federboas, pinke Cowboy-Hüte und ein sehr junges Menschenmeer flimmerten über mein Smartphone. Und natürlich der britische Pop-Superstar selbst, der in die kreischende Menge hineinrief: „Be whoever and whatever you want to be!“ 

Als „Love Tour“ wurde die Konzertreise angekündigt, mit Akzeptanz und Diversität als zentralen Botschaften. Styles gilt als Unterstützer der LGBTQI-Bewegung und ist das, was man seit einigen Jahren „woke“ nennt: sensibel gegenüber Diskriminierung gesellschaftlicher Minderheiten, Gender-fluid, Sex-positive. „Woke“ heißt im englischen so viel wie „wach“ oder „erwacht“ und wird seit der Black-Lives-Matter-Bewegung nicht nur mit Anti-Rassismus, sondern auch mit progressiver Gender-Politik in Verbindung gebracht. Kurz: Identitätspolitik. 

Warum erzähle ich Ihnen das? „Woke“ ist längst zum Schimpfwort mutiert. Eindringlich wird in rechten Medien beschrieben, wie die „Gender-Ideologie“ unsere Kinder versaut und Mädchen zu Buben umerziehen will. Oder, um es in den Worten des Ex-Chefs der deutschen Bild-Zeitung, Julian Reichelt, zu formulieren: Die „anti-tolerante totalitäre Woke-Bewegung“ verbiete, „Dinge zu sagen, von denen wir wissen, dass sie wahr sind“, nämlich „Jungs sind Jungs, Mädchen sind Mädchen.“ 

Und auch am höchsten politischen Parkett setzt man sich nun mit der „Gefahr von links“ auseinander. In Frankreich spricht Emmanuel Macron in einem Interview besorgt davon, dass die woke Kultur die Gesellschaft rassistischer mache und in lauter kleine Subgruppen aufspalte. Der französische Präsident griff damit eine Mehrheitsmeinung auf: Wer ständig auf seinem Diskriminierungsvorwurf beharre, der exkludiere den nicht-betroffenen Rest der Gesellschaft.  

Um es kurz zu machen: Woke Identitätspolitik mag ihre Mängel haben. Soziale Fragen wie Steuergerechtigkeit macht sie kaum zum Thema, verstrickt Aktivist:innen in elitäre, sprachverliebte Debatten, von denen dann am Ende doch wieder der populistische, konservative Gegner profitiert. Aber: Sie ist Realität; und gekommen, um zu bleiben.

Für die junge Generation Z ist es selbstverständlich, dass Männer sich die Nägel lackieren, Pronomen geschlechtersensibel verwendet werden, Mädchen plötzlich Bubennamen tragen. Zu Schaden kommt bei dieser „totalitären“ Bewegung niemand und um Hormonbehandlungen oder Biologie geht es auch fast nie.

Woke, das sind ziemlich viele der jüngeren Generation, ohne es überhaupt groß zu reflektieren – als Teil der Pop- und Jugendkultur. Und die hat vor allem ein Ziel: es anders zu machen als die Eltern.

Beim Konzert von Harry Styles gab es übrigens einen Tränen-Moment. Eine junge Frau hatte ein Schild mit „Help me come out, please“ dabei. Der Popstar schritt sogleich zur Tat und verkündete „You’re out, Loni!“, schwenkte seine Regenbogenfahne und alle kreischten vor Glück. Ist doch schön. 

Einen woken Abend wünscht,

Lina Paulitsch

Meine Kollegin Katharina Kropshofer hat ein Interview mit der trans Person m Horvath geführt. Anlass war ein Interview mit der Grünen-Abgeordneten Faika El-Nagashi, das vergangene Woche im Falter erschien und viele innerhalb der Trans-Community erzürnt hatte. m Horvath erklärt, wieso es wichtig ist, Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen.

Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld eröffnete in den 1920er-Jahren das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Es wurde zur Zufluchts- und Forschungsstätte der LGBTQI-Community. Seine mehr als 100 Jahre alten Studien sind heute noch spannend zu lesen.

In der Politik widmet sich die aktuelle Ausgabe des FALTER dem Kanzler: Karl Nehammer stolpert von einem Fettnäpfchen ins nächste. Wie sich der Kanzler in Rekordzeit demontiert hat, lesen Sie hier.

„Die Hitze der Stadt ist im Sommer brutal / Da man fürchterlich matt ist, wird das Leben zur Qual“, erkannte Rainhard Fendrich vor 40 Jahren ganz richtig. Im nächsten Zweizeiler aber irrte der Austropop-Künstler: „Darum strömen die Blassen zu den städtischen Kassen“, heißt es da, „Weil die Frische, die hat man nur in einem Bad.“ Wir finden: Auch Wiener Ausstellungsräume können Frischeoasen sein! Wo Sie Abkühlung und Kunstgenuss dieser Tage besonders gut verbinden können, erzählt Ihnen Nicole Scheyerer in der Titelgeschichte unserer Kultur- und Programmbeilage. Einen Ausflug nach Krems zum Festival Glatt&Verkehrt empfiehlt Sebastian Fasthuber. Er hat mit der peruanischen Musiklegende Susana Baca gesprochen, die sich gerade als Artist in Residence dort aufhält. In Gmunden wiederum werden derzeit die Bilder gezeigt, die unsere Fotostrecke „Leuchtkasten“ zieren. Auch hier ließe sich Kunstgenuss (Gmunden.Photo) und Abkühlung (ein Sprung in den Traunsee) wunderbar verbinden.

Sommerfrische

Das Buch Wildbadeplätze zeigt, dass man auch in der Großstadt inmitten von Natur schwimmen kann und führt auch aufs Land zu friedlichen Flussbädern und zu Seen, in denen sich die Berge spiegeln. Nahezu alle der 100 Badestellen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad erreichbar.

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