Alarmsignal aus dem Seewinkel - FALTER.maily #860

Barbara Tóth
Versendet am 25.07.2022

Wenn Sie mir schon länger folgen, wissen Sie es vielleicht: Ich bin passionierte Pannonierin. So oft ich kann, fahre ich an den Neusiedler See zum Segeln, Windsurfen, Wingen, Paddeln, Entspannen und auch zum Schreiben. Vergangenes Wochenende war ich wieder dort und es war dystopisch.

Nein, zum Zicksee bin ich nicht mehr gefahren, um mir die Fisch-Kadaver im ausgetrockneten Schlamm anzuschauen, die die Fischer nicht mehr rechtzeitig retten konnten. Der See - er war mehr eine große Lacke - ist ausgetrocknet, nachdem die Gemeinde St. Andrä am Zicksee ihm kein Wasser mehr zuführen konnte, weil der Grundwasserspiegel zu niedrig war.

Es treiben auch schon im Neusiedler See genug Fischleichen herum und es stinkt. Der Wasserstand im Neusiedler See ist so niedrig wie noch nie, Segelboote müssen ohne Schwert fahren und das Ruder schrammt im Schlamm. Noch schlimmer ist, dass sich der See zuletzt so erhitzt hat, dass den Fischen der Sauerstoff zum Atmen fehlte. In den Strandbädern sammeln Gemeindehelfer frühmorgens die Fischleichen ein, damit die Urlauber vom Drama nichts mitkriegen. Jetzt sollen die Uferzonen und Häfen ausgebaggert werden, damit das Segel- und Badevergnügen nicht versiegt. Noch so eine Ad-hoc-Aktion, die nur Symptome lindert, aber das Problem nicht löst.

Wer also Lust auf eine lehrreiche Schreckens-Safari in die heiße Zukunft unseres Landes hat, sollte zum Neusiedler See fahren. Dort zeigen sich die Folgen der Erderhitzung schon heute. Und dort lässt sich auch nachvollziehen, dass es nicht den einen Hebel, die Wunder-Maßnahme gibt, die uns rettet. Sondern dass alle zusammen mithelfen müssen – mit Umlernen und Verzicht.

Politik, Tourismus, Landwirtschaft, Naturschutz – alle Lobbies würden am liebsten so weitermachen wir bisher. Zielkonflikte tun sich schon lange auf. Das Land Burgenland plant eine Wasserzufuhr zum Neusiedler See. Umweltschützer protestieren, weil damit in die Natur und den Chemismus des Sees eingegriffen würde.

Aber das ist kein gutes Argument, genauso wie das Öko-Aktivisten-Dogma, der Schilfgürtel dürfe nicht gestutzt werden. Denn die Region ist seit je her vom Menschen mitgemacht, die Naturidylle eine künstlich optimierte. Mal wurde dem See Wasser entzogen, mal wird es ihm zugeführt.

Wasser zuleiten, macht grundsätzlich Sinn, aber nur dann, wenn es nicht dazu führt, dass sich alle anderen zurücklehnen und so weitermachen wie immer. Die Landwirtschaft etwa, die bei Hitzewellen ihre Felder mit Fontänen feucht hält, während gleichzeitig am Zicksee das Grundwasser fehlt. Der Tourismus und Immobilienagenten, die ein Mega-Hotel- oder Ferienwohnungsprojekt nach dem anderen in die begehrten Schilfzonen klotzen. Oder Bürgermeister, die vor den Strandbädern immer größere Parkplätze asphaltieren und dafür Schatten spendende Bäume fällen, wie zuletzt in Weiden am See (wo ich am Wochenende am liebsten bin).

Da braucht es mehr als eine Vollbremsung: einen Bau- und Investitionsstopp. Und dann ein Umdenken, – denn Tourismus und Landwirtschaft können gerade am Neusiedler See auch ressourcenschonend und nachhaltig reüssieren. Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil (SPÖ) gibt gerne den Macher, den Vorreiter. Bei der sozialen Frage hat er schon bewiesen, was möglich ist. Etwa, in dem er einen Mindestlohn von 1700 Euro netto in Landesunternehmen eingeführt hat. Viele burgenländische Leitbetriebe ziehen nach. Jetzt könnte er zeigen, dass er nicht nur als Sozial- sondern auch als Ökofighter taugt. Viel Zeit dafür bleibt uns nicht mehr.

Barbara Tóth

Zum See fahren zum Schwimmen, wo geht das derzeit noch? Ich empfehle die Badewiese in Jois. Zum einen, weil das Wasser dort tief und daher sauber und frisch ist. Zum anderen, weil es in der "Seejungfrau", die ein wenig ausschaut wie eine griechische Taverne, besten Kaffee gibt. Und beim Food-Truck auf der Badewiese am Wochenende feinen Steckerlfisch vom Saibling und der Forelle. Pro-Tipp: Sonnenschirm/-segel/-zelt mitnehmen! Die Badewiese ist sehr hübsch, hat aber keine schattenspendenden Bäume.

Und sonst? Beim Radausflug Richtung Illmitz unbedingt beim Heurigen "Zur Hölle" im Nationalpark stehenbleiben, bester Blick auf den Sonnenuntergang. Ein Hauch von Côte d'Azur mit Hafenstimmung bietet "Das Fritz" in Weiden. 

Und wer Burger und eine Mega-Auswahl an Naturweinen aus der Region und International schätzt, wird im neuen "NeuNeusiedler" gleich auf der Hauptstrasse in Neusiedl fündig. Im frisch übernommenen Lokal steht Baptist Niessl am Grill, Lena Mattson kümmert sich ums Weinregal. Sehr erfolgreiche Kombination!

Seit mehr als einem Jahr gibt es im FALTER das Natur-Ressort, in dem spezialisierte Redakteurinnen und Redakteure die gesamte thematische Bandbreite rund um die Klimakrise covern: Nachhaltigkeit, Landwirtschaft, Bodenversiegelung, aber auch faszinierende Geschichten über Tiere und Pflanzen.

Bereits im Mai hat sich meine Kollegin Clara Porák in diesem Artikel ausführlich mit dem austrocknenden Neusiedler See beschäftigt und mit den unterschiedlichen Versuchen, ihn zu retten.

Zwei Jahre zuvor habe ich mir die Lage vor Ort angeschaut - und in den historischen Archiven nach Berichten aus dem Jahr 1965 gesucht, als der See zum letzten Mal ausgetrocknet war. 2016 und 2019 habe ich mich mit den umstrittenen Immobilienprojekten am See auseinandergesetzt. Sie merken schon: der Falter beobachtet das Schicksal des Neusiedler Sees besonders genau, schließlich ist er ja das "Meer der Wienerinnen und Wiener".

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Energiekrise und Inflation drohen die Klimakatastrophe von der Agenda zu drängen – die Diskussionen um die Wiedereröffnung von Kohlekraftwerken oder die Verzögerung des Atomausstiegs europäischer Länder verdeutlichen diese riskante Dynamik. Wird es der Klimabewegung gelingen, ihren Argumenten auch innerhalb der Mehrfachkrise Raum zu verschaffen? Das Buch "Inside Fridays for Future" von Benedikt Narodoslawsky beleuchtet die unglaubliche Geschichte der Jugendbewegung – und gibt Anhaltspunkte für eine mögliche Weiterentwicklung der "Fridays".

"Man muss kein Grüner sein, um Grüne Politik zu machen", sagt der scheidende Bezirksvorsteher des 15. Bezirks, Gerhard Zatlokal (SPÖ), im FALTER.morgen-Interview mit Soraya Pechtl. Er spricht wohlwollend von der Zusammenarbeit mit den Grünen und zeigt sich einigermaßen verbittert über Bremser bei klimafreundlichen Projekten in der eigenen Partei. Das ganze Interview lesen Sie hier, hier können Sie sich für den FALTER.morgen anmelden.

Im FALTER-Podcast hören Sie aktuell ein Gespräch über die weltweite Zuspitzung von Konflikten: Raimund Löw spricht mit dem Außenpolitik-Chef der Presse, Christian Ultsch, über sein neues Buch "Welt in Bewegung. Warum das 21. Jahrhundert so gefährlich geworden ist", über Putin und Trump und den Aufstieg Chinas.

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