Hitzewelle und Weltpolitik - FALTER.maily #861

Raimund Löw
Versendet am 26.07.2022

Der Klimawandel ist unfair. Die Hitzewelle, die Europa diesen Sommer überrollt, ist nach Ansicht der meisten Experten eine Folge der globalen Erderwärmung. Dabei sind die Europäer im internationalen Vergleich die Musterknaben beim Klimaschutz. Sie haben ihre Treibhausgasemissionen um vieles mehr herunter gefahren als die anderen entwickelten Wirtschaftsblöcke. Aber jetzt sind sie besonders stark betroffen.

Um 30 Prozent hat die EU ihre Treibhausgase seit 1990 reduziert. Australien, Kanada und die USA haben zugelegt, die USA nur wenige Prozent, zeigt eine Grafik in der New York Times.

Das klimafreundliche Vorgehen der Europäer war kein Schutz vor den Folgen des Klimawandels, denn Co2 kennt keine Grenzen, vermerkt David Leonhardt im Morgen-Newsletter der New York Times. Die Ungerechtigkeit ist noch viel extremer für Regionen des globalen Südens: Das Horn von Afrika kämpft mit Dürre, obwohl ganz Afrika nur wenige Prozent der Treibhausgasausstöße ausmacht.

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung, die nur durch internationale Zusammenarbeit der Regierungen begegnet werden kann. Aber in der Realität ist der Trend der Zeit, dass sich die Staaten voneinander abschotten. Auch die Klimabewegung ist vor der Versuchung zum Blick aufs Kleine nicht gefeit, wenn Reisen, traditionell etwas Völkerverbindendes, oder Welthandel per se verpönt sind.  

Der deutsche Soziologe Sighard Neckel hat sich im FALTER-Podcast mit Zahlen und Fakten gegen die Vorstellung gewandt, dass Klimaschutz über eine ökologische Lebensführung des Einzelnen möglich ist. Aufrufe zum persönlichen Verzicht sind eine Sackgasse, argumentiert Neckel, stattdessen sind ganz altmodisch staatliche Regeln erforderlich. Sighard Neckels Thesen können Sie hier nachhören.

Hinzuzufügen ist: Damit Klimaschutz wirkt, müssen diese Regeln international sein. Weil kein einzelnes Land, kein einziger Kontinent, die Erderwärmung stoppen kann, genauso wenig, wie das die individuellen Bürgerinnen und Bürger schaffen.

Die schlechte Nachricht: In den USA ist Präsident Biden dieser Tage mit seinem Klimapaket gescheitert. Senator Joe Manchin aus dem kohlelastigen Bundesstaat West Virginia, ein konservativer Demokrat, hat sein Veto eingelegt. Gestützt auf den klimaschutzfreundlichen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit muss Biden jetzt versuchen, die geplanten Maßnahmen in kleinen Häppchen durchzubringen.

Die gute Nachricht kommt aus Europa. Trotz der Angst vor einem kalten Winter wegen Problemen mit russischem Gas, hält Brüssel eisern an der europäischen Klimapolitik fest. Die kurzfristige Rückkehr zur Kohle soll durch den beschleunigten Ausbau von Wind- und Sonnenenergie und einen raschen Übergang zu Elektroautos ausgeglichen werden.

Allerdings: Europäische Alleingänge können gegen den Klimawandel nichts ausrichten. Internationale Diplomatie ist in Kriegszeiten, in denen jede Regierung Energie für die eigene Bevölkerung sichern will, besonders schwierig. Aber gute Alternativen zu einer globalen Klimapolitik gibt es nicht, fürchtet

Ihr Raimund Löw

Ob die Zeit der internationalen Zusammenarbeit beim Klimaschutz vorbei ist, fragen Korrespondentinnen und Korrespondenten im Podcast der New York Times. Wenn nationale Regierungen sich weniger um Klimaschutz kümmern, müssen Städte und Gemeinden einspringen, lautet ihre Schlussfolgerung.

Nach dem Sturz von Boris Johnson als Parteichef und Premierminister in Großbritannien suchen die Konservativen einen neuen Chef. Das Wahlprozedere ist interessant: Zuerst hat die Parlamentsfraktion in mehreren Durchgängen zwei Spitzenkandidaten ausgewählt. Wer gewinnt, bestimmen jetzt die Parteimitglieder. Die Siegerin (Liz Truss gilt als Favoritin) wird automatisch Regierungschefin. Die Konservativen haben ungefähr 160.000 Mitglieder. Zumeist älter und weiß. Dass die jetzt entscheiden, wer ein Land mit 67 Millionen Einwohner regiert, ist natürlich kurios. Aber auffällig ist, wie viele der konservativen Kandidaten aus Einwandererfamilien stammen. Rishi Sunaks Eltern kommen aus Indien und Kenia. Der stramme Konservative war Finanzminister unter Boris Johnson. Der Podcast des Guardian erklärt das Duell.

"Es gibt keinen Grund für Panik", versucht Arbeitsminister Martin Kocher im FALTER-Interview die Angst vor Krieg und Inflation zu beschwichtigen. Wie Österreich über den Winter kommen soll und ob die EU die Solidaritätsfeuerprobe bestehen wird, hat ihn Eva Konzett gefragt.

Durchaus Grund zur Panik gibt die heurige Hitzesaison in Europa. Welche Maßnahmen werden hierzulande gesetzt und was können Sie selbst tun, um sich zu schützen? Das lesen Sie hier!

Im FALTER-Feuilleton erinnert sich die feministische Historikerin Gisela Bock an Gerda Lerner, die austro-amerikanische Pionierin der "Women’s History". Und Helmut Neundlinger analysiert die Performance von Österreichs Frauen am Ball: Lesen Sie hier sein Resümee der Fußball-EM und einen Ausblick.

Alle Jahre wieder mutiert der Karlsplatz Ende Juli zu einer mehrtägigen Spielfläche für die österreichische Musikszene. Zuletzt streute ein gewisses Virus Sand ins Getriebe, von 28. bis 31. Juli findet das Popfest Wien nun wieder in der gewohnten Form als urbanes Gratisfestival mit dutzenden Konzerten statt. Was das Programm heuer bietet, erfahren Sie in der Titelgeschichte der Falter:Woche. Hermann Nitsch ist im April gestorben, das "6-Tage-Spiel" des Künstlers wird trotzdem aufgeführt, allerdings nur zweitägig. Was es damit auf sich hat, weiß unsere Kunstexpertin Nicole Scheyerer. Die Fotostrecke "Leuchtkasten" zeigt Arbeiten von Franzi Kreis und Lukas Beck, die derzeit im WAK ausgestellt werden. Dazu wie immer: alle Veranstaltungen der Woche, ergänzt um zweckdienliche Hinweise, Empfehlungen und Rezensionen.

Bye Bye Quarantine: Die Regierung will die häusliche Isolation von Corona-Infizierten abschaffen: Was dafür und was dagegen spricht, hat Paul Sonnberger im FALTER.morgen zusammengefasst. Unseren täglichen Wien-Newsletter können Sie – sollten Sie – hier kostenlos abonnieren!

Zug fährt ab!

Terranes Reisen, also die Fortbewegung zu Erden ganz ohne Flugzeug, ist der Urlaubstrend 2022. Othmar Pruckner ist mit seinem Buch Auf Schiene Trendsetter und versammelt neben 33 Bahnreisen in und um Österreich Wanderungen, Radtouren und Städtebesuchen.

Der Sommer kann kommen!

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