Wiener Zuckermelone - FALTER.maily #869

Nina Horaczek
Versendet am 05.08.2022

Haben Sie schon einmal in eine echte Wiener Zuckermelone gebissen? Diese knappe Ein-Kilo-Kugel duftet schon vor dem Aufschneiden so gut wie ein Sommer in Süditalien. Heute habe ich mir eine im Mila gekauft, einem Lebensmittelgeschäft in Wien-Ottakring, gegründet von Menschen, die sich nicht damit abfinden wollten, dass qualitätsvolle Lebensmittel für Menschen mit wenig Geld kaum leistbar sind. Und die nicht damit einverstanden sind, dass die Produzentinnen und Produzenten unserer Lebensmittel oft nicht fair bezahlt werden.

Bei Mila sind die Mitglieder gleichzeitig Mit-Entscheiderinnen und -Entscheider. Sie bestimmen gemeinsam, was in die Regale kommt. Wer mitmachen will, verpflichtet sich dazu, Stunden im Monat selbst anzupacken. Man schlichtet Waren in die Regale, steht an der Kassa und tut, was an Arbeit in einem Mini-Supermarkt anfällt. Dafür können viele Lebensmittel günstiger als im konventionellen Supermarkt verkauft werden. Die duftende Bio-Zuckermelone aus der Donaustadt hat zum Beispiel nur 3,80 Euro gekostet. Neben vielen Gemüse-Raritäten gibt es dort auch Boku-Bier (€ 1,65), Tirola Kola (€ 1,30) oder Kichererbsen aus Oberösterreich (€ 3,40) – also Köstlichkeiten, die man im "normalen" Supermarkt nicht findet.

Mila ist auch ein Statement gegen die massive Lebensmittelverschwendung. Weltweit landen jedes Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel in der Mülltonne. Diese Lebensmittelmüllberge verursachen laut "Food Waste Index Report" der Vereinten Nationen 3,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, das in die Atmosphäre gelangt und so die Erderhitzung beschleunigt. Auf unglaublichen 28 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche auf der Welt werden derzeit Lebensmittel angebaut, die wir wegschmeißen.

Wollen wir die akuten Probleme der Erderwärmung und der Lebensmittelknappheit lösen, müssen wir unseren Umgang mit Lebensmitteln radikal verbessern – als Einzelpersonen, aber auch als Gesellschaft. Denn auch in Österreich flogen laut einem Bericht des Rechnungshofs im vergangenen Jahr etwa 790.790 Tonnen Lebensmittel in den Mist. 1,4 Milliarden Hektar Land – das sind 28 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf der Welt – werden für die Produktion von Nahrungsmitteln verwendet, die verschwendet werden.

Wie kommen wir da raus? Einige kreative Beispiele gibt es dazu auch in Wien. Bei Mila gibt es zum Beispiel jede Woche einen Abverkaufstag, wo Lebensmittel kurz vor dem Ablaufen günstiger gekauft werden können. Der kleine Wiener Betrieb Unverschwendet macht aus gerettetem Obst und Gemüse Konfitüren, Sirupe und Chutneys. Es gibt die Brotpilot:innen, die Backwaren vor dem Wegschmeißen retten. Oder die Foodpoints, die Überproduktionen und auch Obst und Gemüse, das nicht der Norm entspricht, zum Unkostenpreis abgibt.

Um nachhaltig etwas zu verändern, muss aber an größeren Schrauben gedreht werden. Zwei Beispiele: In Großbritannien schafft die britische Supermarktkette Waitrose im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung die Mindesthaltbarkeitsdaten auf hunderten Produkten ab. In San Francisco gibt es bereits seit 2009 eine gesetzliche Kompostierpflicht, die für Privathaushalte, aber auch für Restaurants gilt. Plastik- und Styroporpackungen sind verboten, die Recyclingquote liegt bei 90 Prozent.

In Österreich fehlt eine breite öffentliche Debatte über unseren Umgang mit Lebensmitteln. Aber vielleicht treffen wir einander ja einmal beim Zuckermelonen-Einkauf im Mila. Die Wiener Mini-Wassermelone, ebenfalls aus Transdanubien, schmeckt übrigens auch sehr gut.

Nina Horaczek

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Die besten Lokale und Gastro-Neueröffnungen der Stadt kennt Florian Holzer. Diese Woche hat er sich allerdings freigenommen und Stadtleben-Chef Lukas Matzinger an seiner statt auf die Jagd nach den kulinarischen Vergnügungen Wiens geschickt. Mission gescheitert, muss man fast sagen, hier finden Sie die magere Lokal-Ausbeute im Grätzel rund ums Kongressbad. 

Viel besser ist da das Bad selbst. Das skandinavisch anmutende Freibad ist seit 94 Jahren Symbol des Roten Wien und bietet den Anwohnerinnen und Anwohnern der umliegenden Gemeindebauten Schutz vor hochsommerlicher Hitze. Felix Mährenbach hat das Kongressbad für Sie getestet und kann es durchaus empfehlen. Zum Beispiel dieses Wochenende, denn es bleibt, – wenn auch nicht heiß – doch angenehm warm. 

Keine Lektüre würde sich für ein Wochenende im Freibad besser eignen als "Die Spira", die Biografie der Journalistin, Fernsehikone und Kupplerin der Nation, Elizabeth T. Spira, zu Papier gebracht von FALTER-Kollegin Stefanie Panzenböck. Das Buch können Sie hier bestellen.

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