„Ich konsumiere, also bin ich (frei)" - FALTER.maily #870

Klaus Nüchtern
Versendet am 08.08.2022

Dort, wo sich heute der Platz der Menschenrechte befindet, standen vor einigen Jahren zwei Würstelstände, die es durch ihren Infight in Sachen Konsumentenakquirierung zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hatten: Der Claim des einen, „Bei mir ist der Kunde König", war durch jenen des anderen nämlich pfiffig überboten worden: „Bei mir ist der Kunde Kaiser".

Die Vorstellung, dass der Konsument der eigentliche Souverän des Staates sei, hat insbesondere hierzulande eine lange, tatsächlich bis in die Tage Monarchie zurückreichende Geschichte, die der Ökonom und Politikwissenschaftler Philipp Lepenies in seinem aktuellen, sehr informativen und gut lesbaren Buch „Verbot zu Verzicht" aufrollt. Die Vordenker, Stichwortgeber und Apologeten des Neoliberalismus, zu denen auch die österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises (1881-1973) und Friedrich August von Hayek (1899-1992) zählen, haben maßgeblich an der Entstehung und Verfestigung eines heute wirkungsmächtigen Narrativs mitgewirkt, das Lepenies als „Illegitmacy Thesis" bezeichnet: der Auffassung nämlich, dass jegliche Versuche des Staates, durch Verbote oder Verzichtsimperative in das Konsumverhalten der Staatsbürger:innen einzugreifen, Manifestation eines ungerechtfertigten Zwangs und im Namen des höchsten ethischen Gutes, der Freiheit des Individuums, abzulehnen sei.

Dieser ebenso abstrakten wie ideologisch aufgeladenen Opposition von (individueller) Freiheit und (kollektivem) Zwang, der jeder Versuch, das Allgemeinwohl durch staatliche Interventionen oder korporatistische Aushandlungsprozesse zu befördern – Mindestlöhne, Mietpreisdeckelungen, allgemeine Krankenversicherung et al – als Baustein der Errichtung einer sozialistischen Diktatur gilt, basiert ihrerseits auf einer Überzeugung, die Hayek-Verehrerin Margaret Thatcher im September 1987 in einem notorisch gewordenenen, aber meist nicht ganz korrekt zitierten Interview mit dem Frauenmagazin Women’s Own zum Ausdruck gebracht hatte: „Ich denke, dass wir gerade eine Periode durchmachen, in der man zu vielen Kindern und Menschen zu verstehen gab: ,Ich habe ein Problem, und es ist die Aufgabe der Regierung, mit diesem fertig zu werden. […] ,Ich bin obdachlos, die Regierung muss mir ein Dach über den Kopf geben!‘, und so wälzen sie ihr Problem auf die Gesellschaft ab. And who is society? There is no such thing!"

Ganz auf der Linie von Hayek, der Freiheit im Wesentlichen mit Konsumfreiheit in eins setzt, hat der englische Ökonom Williamm H. Hutt (1899–1988) das Konzept der „consumer sovereignity" entwickelt. Die Macht im Staate fiele, so Hutt, den Staatsbürger:innen zu, solange diese nur über Konsumentscheidungen ausgeübt würde, anstatt sie an (notwendig autoritäre) staatliche Instanzen zu delegieren. Ikonografischen Ausdruck fand diese Auffassung auf dem Cover der zweiten, 1960 erschienenen Ausgabe des ursprünglich 1944 erschienenen Buches „How We Live" von Fred G. Clark und Richard S. Rimanoczy: Es zeigt eine mit „Costumer" beschriftete Krone und ein Szepter, auf dem „Power to Choose" steht. In dem von einer mehrteiligen TV-Serie begleiteten Bestseller „Free to Choose" hat es der monetaristische Ohrenbläser Ronald Reagans, Milton Friedman (1912-2006) – eines muss man dem Neoliberalismus lassen: Seine Apologeten erreichen alle ein nahezu biblisches Alter – wie folgt ausgedrückt: „Wenn man jeden Tag im Supermarkt wählen geht, kriegt man genau das, was man möchte."

Ich möchte mich hier nicht mit Kenntnissen ökonomischer Theorie brüsten, über die ich nicht verfüge. Aber der ideologische Aufwand, der seit vielen Jahrzehnten betrieben wird, um einen kompletten Bullshit wie das Dogma, allein der „freie Markt" sei in der Lage, alle bürgerlichen Freiheiten zu garantieren, muss alle, die ihre sieben Zwetschken noch einigermaßen beinander haben, in helles Erstaunen, ja grelles Entsetzen stürzen.

Ich selbst bin wahrlich kein konsumunfrohes Kerlchen und stimme seit Jahrzehnten ab. Was hat es mir genützt? Nichts! Brotsorten verschwinden aus den Regalen, Modelabels gehen ein, und auch der angeblich ubiquitären und omnipotenten Digitalisierung ist es nicht gelungen, die Furie des Verschwindens zu zähmen: Bücher lassen sich allenfalls noch antiquarisch auftreiben, Filme kommen gar nicht mehr ins Kino und werden erst recht nicht von Streamingdiensten angeboten. Weil Netflix und andere Institutionen der Geschichtsvergessenheit eben nur anbieten, was sie für massenhaft absetzbar halten und einen feuchten Dreck auf die Nachfrage von Menschen geben, die sich nicht nur für den Mainstream der letzten paar Jahre interessieren.

Klaus Nüchtern

Ein besonders bizarres Kapitel der Konsumgeschichte wird in „Frei", der autobiografischen Coming-of-Age-Geschichte – Untertitel: „Erwachsenwerden am Ende der Geschichte" – von Lea Ypi aufgeschlagen. Aufgewachsen noch unter dem Regime von „Onkel Enver" im Albanien der 1980er-Jahre erzählt die Autorin und Politikwissenschaftlerin, die heute Philosophie an der London School of Economics unterrichtet, aus der Perspektive ihres 11-jährigen Selbst auf naiv-gewitzte und mitunter nachgerade schelmenromanhafter Weise von der sakralen Aura, die leere Coca-Cola-Dosen und Kaugummipapierln für sie und ihresgleichen hatten. Eine Besprechung des im heurigen Frühjahr in deutscher Übersetzung erschienenen Buches können Sie hier nachlesen.

Die Aufzeichnung eines Gesprächs mit der Lea Ypi, das FALTER-Autorin Tessa Szyszkowitz im Rahmen des Kreisky Forums geführt hat, kann man hier nachhören und -schauen.

Die größten Gewinner des digitalen Zeitalters sind wohl die Katzen. Feierte das Getue um Felis catus schon in analogen Zeiten fröhliche Urständ, so hat die Katzenniedlichfinderei in der Social Media-Ära jegliches Maß und Ziel verloren. Aus Sicht des Falter-Vogerlwarts (FaVoWa) war es daher hoch an der Zeit, dass jemand wie die geschätzte Kollegin Katharina Kropshofer endlich auch einmal die Schattenseiten dieses verhätschelten Vierbeiners ausleuchtet und Anklage erhebt.

Einige meiner besten Freunde und Freundinnen sind Katzenbesitzer und -liebhaber. Weil sie aber auch Sinn für Humor haben, werden sie mir ein Zitat aus dem minoritären Winkel des Katzenkritizismus nachsehen (und vielleicht sogar darüber schmunzeln). Es stammt aus dem phantastischen Buch „Der Geschmack von Laub und Erde" („Being a Beast") des englischen Publizisten, Tierarztes, Philosophen und Juristen Charles A. Foster und geht so: „Um eine Katze zu mögen, muss man sie in etwas verwandeln, was sie nicht ist – und sie als Geliebte, Postamtsvorsteherin oder als alte Schulkameradin verkleiden. Katzen sind am besten in Händen wirklich miserabler Tierpräparatoren aufgehoben."

Ein Werk, dazu angetan, durch die ungerührten Hände des freien Marktes und der digitalen Bewahrungsanstalten zu rutschen, ist jenes des deutschen Filmemachers Peter Goedel. Umso verdienstvoller war es, dass „Das unbekannte Meisterwerk" vergangene Woche in einer Kooperation des Österreichischen Filmmuseums mit SYNEMA – Gesellschaft für Film & Medien mit ausgewählten Werken vorgestellt wurde. Meisterwerke in der Tat eines ebenso präzisen wie poetischen und Genreimperative souverän ignorierenden Filmemachers, der mir in Erinnerung gerufen hat, dass ich endlich wieder einmal Wolfgang Koeppen lesen sollte. Goedels ebenso ungewöhnliche wie kongeniale „Verfilmung" (1987) von Koeppens Roman „Das Treibhaus" (1953) ist auf DVD „derzeit nicht verfügbar", einen (visuell und urheberrechtlich fragwürdigen) Eindruck davon kann man sich hier verschaffen.

Im FALTER.maily vom Freitag ist uns ein kleiner Fehler unterlaufen. Zur Klarstellung: Um bei der Supermarkt-Initiative "Mila" mitzumachen, verpflichten sich Mitglieder dazu, zumindest drei Stunden im Monat selbst anzupacken – im Gegenzug können sie biologische und regionale Produkte zu einem günstigen Preis einkaufen. Mehr dazu hier.

Utopisches Reisen

FALTER-Feuilleton-Chef Matthias Dusini stellt in Hotel Paradiso 13 Orte in Mitteleuropa vor, an denen Lebensreformer, Unternehmer, Künstler und Ingenieure versuchten, eine utopische Gegenwelt zu schaffen.

Alle Destinationen lassen sich umweltschonend mit der Bahn erreichen.

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