Zwischen Aufklärung und Homophobie - FALTER.maily #872

Katharina Kropshofer
Versendet am 10.08.2022

Niemand klickt sich gerne durch Fotogalerien aus Pusteln und golfballgroße Lymphknoten. Doch der Grund, wieso Affenpocken bisher eher wenig durch Schlagzeilen geisterten, hat andere Gründe als Ekel. Vielleicht ist es unterbewusste Angst, vielleicht die fehlende mentale Kapazität, sich schon mit der nächsten potentiellen Pandemie zu beschäftigen. 

Zuerst wurde der Ausbruch verharmlost (es gibt immerhin bei Weitem weniger Todesfälle als durch das Coronavirus), dann trotz Fällen in 75 Ländern und riesigen Schmerzen für Betroffene ignoriert. Nun gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO für Europa die höchste Alarmstufe aus.

Doch es gibt noch eine weitere, etwas böse Vermutung, wieso das Thema bisher eher eine Randmeldung geblieben ist: Der momentane Ausbruch der Affenpocken zirkuliert in einer bestimmten, manchmal übersehenen und oft stigmatisierten Gruppe. 98 Prozent der Fälle betreffen Männer, die Sex mit Männern haben. Ein Cluster könnte auf die Pride Parade in Gran Canaria rückführbar sein. 80.000 Menschen feierten dort im Mai ihre sexuelle Identität. 

Affenpocken sind nicht per se eine “Schwulenkrankheit”. Beim Kuscheln, beim Schmusen, beim Tanzen im Club, auch durch gemeinsam benutzte Handtücher oder Sexspielzeuge kann die Krankheit übertragen werden. 

Das zu wissen, ist nicht nur wichtig, um sich richtig zu schützen, zu wissen, auf welche Symptome man achten muss. Es ist auch wichtig, um Stigmatisierung zu vermeiden, homophobe Tendenzen zu erkennen.

Auch das weckt Erinnerungen: Als vor zwei Jahren das Coronavirus in der chinesischen Provinz Hubei ausbrach, spürten es nicht nur die Bewohner:innen vor Ort; Asiat:innen weltweit wurden beschimpft, Besitzer:innen von Chinarestaurants sahen weniger Gäste. 

Die LGBTQ+ Community war von der Coronapandemie auch überdurchschnittlich stark betroffen. Das US-amerikanische "Movement Advancement Project" fand heraus, dass LGBTQ+ Haushalte eher Jobverluste, finanzielle Probleme, und solche mit der Gesundheitsversorgung oder Kinderbetreuung erfahren haben.

Vertreter:innen aus der LGBTQ+ Community sind deshalb wütend: Seit Wochen wollen sie sich über Affenpocken informieren und gegen sie schützen. Sie sind es leid, sich für ihre Sexualität entschuldigen oder rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig sind sie Risikogruppe. Eigentlich gibt es auch wirksame Impfungen, doch momentan bekommen die nur bestimmte Gesundheitsmitarbeiter:innen und Personen, die von einem positiven Kontakt wissen. Seit Monaten bekommt etwa der Dermatologe Gerold Felician Lang Anfragen von impfbereiten Menschen. Die Erklärung aus dem Gesundheitsministerium: Aus Solidarität beschränke man sich auf die EU-weit verteilten Dosen, schließlich gibt es im Moment weltweit nur einen Anbieter des Impfstoffes. 

In ganz Wien gibt es aktuell nur 500 Dosen. Dabei sei es wichtig, eben vor dem großen Ausbruch zu impfen, meint der Arzt Lang. 

In der Zwischenzeit kümmere sich die Community um sich selbst, wie etwa Ann-Sophie Otte, Sprecherin der Homosexuellen Initiative HOSI. Die Aids Hilfe Wien hat Infomaterialien ausgearbeitet, die Queer Base diese auf mehrere Sprachen übersetzt. Die queere Dating-Plattform Grindr warnte, man solle auf ungewöhnliche Ausschläge achten. Und der Berliner Sexclub Lab.oratory listete auf seiner Homepage Symptome. 

Mehr über den Umgang der LGBTQ+ Community mit dem Virus lesen Sie in der aktuellen FALTER-Ausgabe.

Katharina Kropshofer

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