Kunst und Demokratie - FALTER.maily #874

Matthias Dusini
Versendet am 12.08.2022

Kunst ist nicht nur ein Bild, das eine Kuratorin an die Wand hängt, sondern kann auch eine gesellschaftliche Veränderung anstoßen. Daher liegt die Relevanz von Werken oft nicht nur in der mehr oder weniger gelungenen Zeichnung oder Farbwahl, sondern in den Diskussionen, die sie auslösen.

So beschäftigt seit Monaten ein nur wenige Tage gezeigtes Banner der indonesischen Gruppe Taring Padi die Öffentlichkeit. Das Kollektiv hatte auf der Documenta fifteen in Kassel ein Bild gezeigt, das gegen die Verbrechen des Suharto-Regimes gerichtet war. Die Künstler:innen packten auch einige antisemitische Karikaturen hinein, was zu einer heftigen Kontroverse über das Verhältnis des Globalen Südens zu Israel führte. Hier finden Sie meinen Überblick über die Debatte.

Aus Innsbruck wird ein weiteres Beispiel gemeldet. Da suchte die Tiroler Landesregierung nach einem Kunstwerk, das sich kritisch mit der Geschichte des Landhauses auseinandersetzt. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten die Nationalsozialisten das Gebäude als Propagandabau und Sitz des Gauleiters errichtet. Um die Ausschreibung möglichst offen zu halten, wurde ein zweistufiger Wettbewerb ausgeschrieben.

Der Entwurf des in Wien lebenden Bildhauers Franz Wassermann war an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Wassermann schlägt vor, auf die Stirnseite der Fassade am Haupteingang des Neuen Tiroler Landhauses folgenden Satz zu schreiben: "Wir haften für unsere Geschichte." Der einfache Eingriff an dem brachial-klassizistischen Monumentalbau überzeugt, denn er bringt den erinnerungspolitischen Auftrag des Antifaschismus auf den Punkt: "Niemals vergessen!"

War den Auftraggebern die Botschaft vielleicht zu direkt? Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) ruderte zurück und setzte sich über die Entscheidung der Wettbewerbsjury hinweg. Palfrader gab der Wiener Künstlerin und Secessionspräsidentin Ramesch Daha samt Architekturkollektiv AKT den Zuschlag. (Ramesch Dahas dezentere Installation "Balkensturz" beschäftigt sich mit verschwundenen NS-Symbolen im Zimmer des Gauleiters.)

Auch das österreichische Parlament beschäftigt sich derzeit mit der Frage, wie sich die zeitgenössische Kunst in die Politik einmischen kann. Es geht um das Gebäude des Nationalrats, das derzeit mit großem Aufwand saniert wird. Anders als die Tiroler Kollegenschaft entschied Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) von vorneherein im Alleingang. Er zog keine Expertenjury zurate und rief auch keinen Wettbewerb aus, sondern beauftragte Hans-Peter Wipplinger, den Direktor des Leopold Museums, damit, eine Liste mit Künstler:innen zusammenzustellen.

Das 1,8 Millionen teure Projekt wirft Fragen auf. Warum wurde das Projekt erst so spät, also lang nach dem Beginn der Sanierungsarbeiten, auf Schiene gebracht? Die gezeigten Arbeiten sollen sich mit dem "Wertekanon demokratischer Strukturen auseinandersetzen", haben aber selbst einen wenig demokratisch agierenden Auftraggeber. Auch die Auswahl Wipplingers provoziert Widerspruch.

Denn der Museumsmann wählte fast ausschließlich arrivierte Künstlerinnen und Künstler wie Peter Kogler, Eva Schlegel oder Heimo Zobernig aus, seit den 1980er-Jahren Profis in Kunst-am-Bau-Projekten. Eine etwas weniger homogene Gruppe hätte vielleicht kritischer auf die Versäumnisse des demokratischen Systems geblickt. "Es ist, als wäre der Diversitäts- aber auch der Partizipationsdiskurs der letzten Jahre an dieser Entscheidung völlig spurlos vorübergegangen", schreibt der sozialdemokratische Autor Michael Wimmer in einem Facebook-Kommentar.

Die neue Kunst fand im Parlament bisher hinter geschlossenen Türen statt, als würde es sich um die Liebhaberei eines Fürsten handeln. Die Zeit ist reif für eine breitere Debatte: damit aus Sobotkas Hobby noch richtig gute Politkunst wird.

Matthias Dusini

Literaturkritiker Klaus Nüchtern kritisiert im aktuellen FALTER die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises an die Schriftstellerin Anna Baar. Das Nahverhältnis des Präsidenten des Kunstsenats Josef Winkler zu Baar könnte eine bedeutendere Rolle gespielt haben als ästhetische Kriterien, mutmaßt Nüchtern.

Die Schriftstellerin Eva Menasse äußert sich im FALTER zur Auseinandersetzung über den Antisemitismus auf der Documenta in Kassel. Das Interview lesen Sie hier.

Westliche Politiker und Militärs sind alarmiert angesichts Wladimir Putins Einfluss auf dem Balkan und der Sympathie, die ihm dort entgegengebracht wird - vor allem bei den Serben. Birgt die Situation Potenzial für neue Konflikte? Nina Brnada hat Putins Griff nach dem Balkan in der aktuellen FALTER-Ausgabe analysiert.

Benedikt Narodoslawsky treibt seit dem Beschluss des historischen Klimapakets in den USA folgende Frage um: Dürfen wir auch in Österreich politisch hart errungene Kompromisse als Erfolge feiern, in Zeiten, in denen wir eigentlich kompromisslose Umweltpolitik bräuchten? Seine persönliche Antwort finden Sie hier.

In der heutigen Seuchenkolumne beschreibt Armin Thurnher den unangenehmen Wandel, den Menschen durchmachen, wenn Sie sich hinter das Lenkrad, auf die Straße, in den Autoverkehr begeben. Wenn auch Sie genug davon haben, gönnen Sie sich eines dieser Bücher über das Reisen mit dem Zug aus dem Falter Verlag: Hotel Paradiso, für die europäische Perspektive oder auch diese 33 Bahnreisen durch Österreich.

Das nächste Maily erhalten Sie am Dienstag den 16. August, da der Montag ein Feiertag ist. Wir wünschen ein erholsames langes Wochenende! Veranstaltungstipps für Kinder sowie Empfehlungen für Kino, Konzerte und Theater finden Sie wie immer in der FALTER:WOCHE!

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