Alles Gute, Elli! - FALTER.maily #880

Eva Maria Konzett
Versendet am 23.08.2022

Kurt Beck greift dann zu Gedichten. Der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und frühere SPD-Vorsitzende liest sich abends mit Poesie in den Schlaf. Laut, damit er hört, wenn er die Betonungen nicht erwischt. So muss er sich auf den Text konzentrieren und kann das Tagesgeschehen vergessen. Das hat er in einem sehr schönen Text der Journalistin Khuê Phạm einmal erzählt. Der Artikel ist 2017 in der Hamburger Zeit erschienen.

Am Montag Abend wird immer die neue Falter-Ausgabe fertiggestellt. Auf eine Druckfahne wartend, habe ich gestern durch meinen Twitter-Feed gescrollt. Es trendete #Köstinger. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger wird nämlich bei einer FinTech-Quetschen des Investors Christian Baha angeheuern. Der Mann grast offenbar die ehemaligen türkisen Ministerstuben ab, Gernot Blümel ist ja bei Bahas Superfund gelandet.

Mir ist beim #Köstinger aber der Artikel mit Kurt Beck wieder eingefallen. Und eine Aussage darin: Die Gruppe, die am wenigstens schläft sind nicht Schichtarbeiter, Krankenschwestern oder Partyhasen, sondern ausgerechnet Spitzenpolitiker. Fast jeder dritte von ihnen ruht weniger als fünf Stunden pro Nacht. Das hat eine Studie herausgefunden. Zwar schon vor mehr als zehn Jahren und in Deutschland. Ich glaube trotzdem, dass man die Ergebnisse auf heute und auf Österreich umlegen kann.

Vor ein paar Wochen hat meine Kollegin Katharina Kropshofer mit einem Bürgermeister vom Land gesprochen: Reinsberg, Mostviertel, 1051 Einwohner. Der Mann heißt Franz Faschingleiter, er ist von der ÖVP. Faschingleiter hat Katharina erzählt, wie es früher war: Das erste Achterl kurz nach dem Frühstück, dann Bier zum Mittagessen, am Abend die Sitzungen im Wirtshaus mit Runden, und dann am Schluss noch einen Absacker am Tresen mit einem Wähler oder einer Wählerin. Das ist nicht das Trinkverhalten eines Alkoholikers, sondern das eines volksnahen Bürgermeisters. Faschingleiter wurde bekannt, als er damit Schluss machte.

Und dann war da noch der Cobra-Polizist, irgendwann im Frühjahr. Ein freundlicher, redseliger Mann, der davon berichtete, wie er einmal das Kind eines Spitzenpolitikers zu dessen ersten Date begleitet hatte. Personenschutz.

Wir wissen sehr wenig über den Alltag von Politikerinnen und Politikern. Wie man da so lebt. Darf man feiern? Nicht, wenn man eine Frau ist, siehe das Beispiel von Sanna Marin in Finnland. Darf man in St. Tropez urlauben? Nein, siehe Pamela Rendi-Wagner 2019. Darf man auf einer Insel heiraten? No-Go! Das weiß der deutsche Finanzminister Christian Lindner jetzt auch.

Darf man in die Privatwirtschaft wechseln? Nicht wenn man Elisabeth Köstinger heißt und auf Twitter hört. Dort war die Häme jedenfalls groß.

Elisabeth Köstinger war keine besonders gute Ministerin, sie war vor allem der türkisen ÖVP eine loyale Gefährtin. Wohl richtigerweise hat sie in den neuen Machtverhältnissen bei der Volkspartei für sich keine Zukunft gesehen.

Ihr neuer Arbeitgeber Mountain View macht irgendwas mit Finanzdaten. Davor hat Köstinger irgendwas mit Landwirtschaft gemacht.

Wir sollten ihr alles Gute wünschen.

Ihre Eva Maria Konzett

Wer ist eigentlich Tassilo Wallentin? Die Blauen wollten einen Verfassungsrichter aus ihm machen, flogen dann aber aus der Regierung. Die Kronen Zeitung räumte ihm eine Kolumne frei. Und jetzt will der Mann auch noch Bundespräsident werden, was ausgerechnet den Freiheitlichen weh tun wird. Josef Redl hat sich dem Phänomen Wallentin angenommen.

Jammern auf hohem Niveau: Sebastian Fasthuber stellt die Wiener Pop-Perlen Oehl und Anna Blenda vor. Wo Sanftmut herrscht. Und Nuscheln erlaubt ist.

Die angesagte Satirikerin Toxische Pommes wechselt von TikTok auf die Bühne und macht jetzt Kabarett. Die Falter:Woche hat mit der Künstlerin und Juristin gesprochen und sich ihr Solodebüt mit dem saftigen Titel „Ketchup, Mayo und Ajvar“ angesehen. Auf Seite 7 finden oder hier auf falter.at Sie einen Bericht über ein so buntes wie großangelegtes Festival: die KinderSommerSpiele auf Schloss Herzogenburg, die heuer ihr 50-Jahr-Jubiläum feiern. Und im Leuchtkasten sind einige Porträts aus der aktuellen Ausstellung „The Face – Von Avedon bis Newton“ in der Albertina Modern zu sehen, darunter Marc Chagall, Elton John und Mick Jagger.

Die Stürme der vergangenen Woche haben vor allem die steirischen Wälder verwüstet. 400.000 Festmeter Holz sind kaputt. Die Aufräumungsarbeiten werden Wochen dauern. Oft werden dafür rumänische Wanderarbeiter beauftragt. Nicht alle überleben den Auslandseinsatz, wie der Fall von Ioan V. und Nicolae C aus dem Jahr 2020 zeigt.

Utopisches Reisen

FALTER-Feuilleton-Chef Matthias Dusini stellt in Hotel Paradiso 13 Orte in Mitteleuropa vor, an denen Lebensreformer, Unternehmer, Künstler und Ingenieure versuchten, eine utopische Gegenwelt zu schaffen.

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