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Eva Konzett
Versendet am 30.08.2022

Dieser Termin kam genau 72 Stunden zu spät. Am Mittag ist Bürgermeister Michael Ludwig nun doch vor die Kameras getreten und hat sich zur Wien Energie geäußert. Er sprach dann vor allem von einem EU-weiten Gasdeckel, von Gasspeichern in Wien und von "konstruktiven Gesprächen zwischen der Stadt und dem Bund" sprach er auch. Er betonte, dass die Wien Energie keine Spekulationsgeschäfte betrieben habe, und zum weiteren Vorgehen sagte er, dass es eine interne Aufarbeitung geben und der Stadtrechnungshof eine Sonderprüfung durchführen soll. Und auch ein externer Gutachter soll reinschauen dürfen in das Gebaren des größten Versorgers Österreich. Gut so!

Ludwig, der sonst so joviale Stadtvater, der nach innen seinen Laden streng führt, wollte nicht zugeben, was am Samstag den ersten Informierten, am Sonntag dann den politisch Interessierten und am Montag allen klar geworden war: Bei der Wien Energie, einer 100-prozentigen Tochter der Stadt Wien, ist einiges schief gelaufen. Die wirtschaftliche Dimension, der Schaden, ist noch nicht zu beziffern. Er wird maßgeblich davon abhängen, ob die Risiko-Trader der Wien Energie mit ihrer Wette auf fallende Strompreise doch recht behalten werden. In diesem Fall werden die nun mit Steuergeld belegten Kautionen vielleicht nicht fällig.

Der politische Schaden ist da: Die Stadt Wien als Eigentümerin hat sich zuerst zu spät an den Bund, dann zu spät an die Öffentlichkeit gewandt. Dass sie den Gemeinderat überhaupt nicht über zwei Tranchen an Hilfsgeldern zu je 700 Millionen Euro für die Wien Energie informierte, zeugt von einem Besitzanspruch der Sozialdemokraten gegenüber der Stadt, der längst aus der Zeit gefallen ist.

Der Rechnungshof will nun die Vorgänge in der Wien Energie prüfen. Von spekulativen Geschäften spricht Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP). 

Diplomatischer formuliert Walter Boltz: Die Wien Energie habe offenbar "Risiko in Kauf genommen, das für die Unternehmensgröße nicht proportional war", sagte der Energieexperte im ORF. Also: Die Summe der Geschäfte war einfach zu groß. Wäre die Wien Energie nicht ein so bedeutender Energieversorger, von dem zwei Millionen Menschen abhängen, wäre sie jetzt pleite. 

Aber too-big-to-fail, wie sie ist, wird nun die Republik einspringen.

Also wir alle.

Ihre Eva Konzett


Aus Dem Falter 1

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Aus Dem Falter 2

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Zum Nachdenken

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Zum Nachlesen

Der Streit um kulturelle Aneignung hat auch Karl Mays Winnetou erfasst. Die einen halten Mays Bücher für rassistischen Müll, die anderen verbinden mit dem Apachen-Chief Winnetou kindliche Romantik. Aber was denken Indigene darüber und wie können sie ihre Forderungen durchsetzen? Matthias Dusini setzt Ihnen die Debatte auseinander.


Falter Woche

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