Warten auf Godot - FALTER.maily #888

Katharina Kropshofer
Versendet am 01.09.2022

Fast wäre das Thema, das noch vor wenigen Monaten alle Titelseiten, Dossiers und News Ticker bestimmt hat, in Vergessenheit geraten. Das Corona-Dashboard nur noch eine beliebige Aneinanderreihung von Zahlen, die Erinnerung an die Gecko-Kommission so blass wie das Bekenntnis Tiroler Politiker zu ihrer Verantwortung im Pandemiegeschehen. 

Doch dann, Mittwochnachmittag, die überraschende Nachricht: Das nationale Impfgremium empfiehlt nun also einen vierten Stich für alle ab 12. Je nach Alter vier bis sechs Monate nach der letzten Grundimmunisierung, sprich der dritten Impfung. "Bevor die Infektionszahlen im Herbst wieder steigen", betont Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne).

Dass die Impfung generell wirkt - bei Jung und Alt und der Omikron-Variante zumindest vor schweren Verläufen – muss an dieser Stelle nicht mehr erklärt werden, weil die Zahlen für sich sprechen.

Studienergebnisse zeigen, "dass das höchste Maß an neutralisierender Kapazität gegen die neuen Omikron-Varianten durch eine hybride Immunität erreicht wird", schreibt der Epidemiologe Robert Zangerle in der heutigen Seuchenkolumne. Hybrid, das heißt Impfung (insbesondere eine Auffrischungsdosis) kombiniert mit einer kürzlich überstandenen Infektion.

Aber und trotz alledem kam die Ankündigung für Informierte etwas überraschend: In anderen Ländern empfehlen die Impfgremien den vierten Stich für Immunschwache und für über 60-Jährige, so wie bisher auch bei uns. Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach sagt heute, Donnerstag, im ARD-Morgenmagazin, es mache Sinn, auf angepasste Corona-Impfstoffe zu warten. Und der Virologe Christoph Steininger von der MedUni Wien argumentiert im STANDARD, dass man eher Impflücken schließen solle, also jene Leute zum Impfen bringen, die sich bisher noch gar keinen oder nur unzureichenden Impfschutz geholt haben. 

Seit heute empfiehlt die Europäische Arzneimittelbehörde eine Impfung mit dem angepassten Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer und Moderna. Nur: Dieser wurde vorrangig auf Basis der Variante BA1 entwickelt, mittlerweile ist das Virus schon vielfach mutiert, die neuen Omikron-Varianten BA4 und BA5 haben aktuell Überhand, wurden in der Entwicklung aber kaum berücksichtigt. Jene Varianten, die uns womöglich im Herbst bevorstehen, sowieso nicht. Wahrsagerei und Wissenschaft verstehen sich bekanntlich schlecht.

Was also tun? 

Eine Auffrischungsimpfung, ein vierter Stich schadet nicht. Doch wie viel er wirklich bringt, ist momentan auch nicht klar. Nur, dass die angepasste Impfung gegen BA1 wohl auch gegen BA4 und BA5 ein wenig besser wirken als der ganz ursprüngliche, bisher eingesetzte Impfstoff. Eine neue Anpassung auf BA4 und BA5 ist schon im Gange, Lauterbach spricht davon, dass diese nur wenige Wochen später als der Erstangepasste zur Verfügung stehen werden. Die EMA spricht vage von "Herbst".

Österreich hat wieder mal einen sturen Sonderweg gewählt. Während Quarantäne- und Maskenpflicht großflächig ausgesetzt werden, gleichzeitig aber nicht zwangsläufig zielführende Impfempfehlungen ausgesprochen werden, greifen sich viele an den Kopf: Wer soll denn hier noch durchblicken? Auf eine klare Begründung für die überraschende Empfehlung warten wir wohl noch so lange wie auf den weiter angepassten Impfstoff.

Hoffen wir, dass uns das Virus bis dahin nicht wieder einen Schritt voraus ist.

Katharina Kropshofer

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