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Armin Thurnher
Versendet am 04.09.2022

Da ich wieder einmal das Wort zum Sonntag an Sie richten darf, möchte ich aus Gründen der Erbaulichkeit mit Donald Trump beginnen. Es war 2004. In einem Interview, er war noch nicht Präsident, wurde er gefragt, was er von der Lügenpropaganda der Republikanischen Partei hielte. Der Reporter sprach ihn auf George W. Bushs kommenden Vizepräsidenten Dick Cheney an, der behauptete, wer Bushs Konkurrenten John Kerry wähle, würde damit die USA zum Angriffsobjekt von Terroristen machen. Trump antwortet cool: „Nun ja, das ist eine schreckliche Aussage – es sei denn, er kommt damit durch.“

Die abseitigsten Politiker sprechen oft gelassen die größten Worte aus; wir erinnern uns an H. C. Straches Analyse der österreichischen Politik, die jede Prof-Filzmaier-Analyse an knackiger Trockenheit weit übertraf („Novomatic zahlt alle!“). Trump imponierte an der republikanischen Propaganda vor allem, dass sie es schaffte, den wirklichen Kriegshelden Kerry als Feigling zu diffamieren und den Wehrdienstverweigerer Bush als eine Art Kriegsheld hinzustellen.

Trumps Präsidentschaft leitete zehn Jahre danach eine Ära der Lüge ein, die nicht nur das öffentliche Sprechen, sondern auch das öffentliche Nicht-Sprechen zu zerstören begann und damit allem, was eine Gemeinschaft tut, behandelt und beschließt, den rationalen Boden entzieht.

Das öffentliche Nicht-Sprechen steht derzeit in der Kritik. Dem Wiener Bürgermeister wird vorgeworfen, er habe nicht oder zu spät zur Öffentlichkeit gesprochen, und außerdem, als er es tat, ungeschickt. Dabei interessiert mich, ich gestehe es, weniger der Bürgermeister als das Sprechen. Denn der Nichtsprecher saß dabei in einer Doppelmühle: als Demokrat musste er Öffentlichkeit schaffen, als Eigentümervertreter eines Wirtschaftsbetriebes, der Wien-Energie, musste er schweigen, um diesen Betrieb zu schützen.

Niemand jault auf, wenn Wirtschaftskammerchef Harald Mahrer auf die Frage, welche österreichischen Großbetriebe derzeit besonders gefährdet seien, antwortet: „Ich werde Ihnen jetzt keine Namen nennen, weil wir niemand (sic) verunsichern wollen.“ (Ö1 Mittagsjournal, 3.9.)

Damit soll Ludwig nicht exkulpiert werden, aber das öffentliche Sprechen und Schweigen und der Akkusativ sind halt ein Hund. Das Unternehmen Wien-Energie selbst hätte Art und Risiko seiner Geschäfte viel früher kommunizieren sollen, und vielleicht auch die zusammengebissenen Zähne, mit denen es an Börsengeschäften teilnahm (wenn sie denn zusammengebissen waren). Die Geschäfte der Wien-Energie waren nach übereinstimmender bis jetzt verfügbarer öffentlicher Expertise von rechts bis links keine Spekulationsgeschäfte, aber eben Börsengeschäfte.

An jeder Börse wird gewettet, was den Energiepreis nach oben treibt. Wer davon profitiert, bleibt umhüllt von einem Schweigen, durch das höchstens Informationen dringen wie, na, die Energiekonzerne halt, von Gazprom bis Shell.

Das genussvollste Schweigen wird aus dem Kreml hörbar, wo solche Verwerfungen schmunzelnd als Treffer in die Karten der psychologischen Kriegsführung eingetragen werden.

Peinlich ist das Schweigen des roten Wien weniger der patscherten Kommunikation wegen, sondern weil es darüber schwieg, in einen von der politischen Konkurrenz privatisierten Energiemarkt, also an die Börse gezwungen worden zu sein. Und weil es gar nicht so ungern an diesen Börsespielen teilnahm, statt lautstark ein anderes Spiel mit anderen Regeln zu fordern.

Man fühlt sich an Dick Cheneys Trick erinnert, den Helden zum Versager und den Versager zum Helden zu machen. Statt des versagenden Marktes stellt man uns die Wien-Energie und den Wiener Bürgermeister als Versager hin. „Die Märkte“ kommen damit durch (ob es die jetzt unisono „Weg-mit-dem-Roten-Wien“ blökende politische Konkurrenz in Österreich schafft, wird man sehen). Die Frage, ob Energieversorgung weiterhin nach dem Prinzip privater Bereicherung abgewickelt werden soll und kann, geht unter lustvollem „Haut-den-Ludwig“-Geschrei schweigend unter.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

Corona ist nicht die einzige Seuche, die uns plagt. Aber es ist noch immer da, triezt uns in der im Osten Österreichs beginnenden Schulsaison und beschert uns neue Impfstoffe, was kritische Worte über das bisherige Verhalten der Verantwortlichen erfordert. Diese richtet wie immer Epidemiologe Robert Zangerle an uns und diese. Wer die Kolumne abonniert, ist dabei.

Es ist nicht leicht, im Streit um das, was „kulturelle Aneignung“ genannt wird (man würde es gern nicht ständig mit „Enteignung“ verwechselt sehen), ruhig zu bleiben. Matthias Dusinis Essay über Karl May und die Ansprüche indigener Völker überzeugt durch Besonnenheit und gute Argumente.

Wo Wien wächst

11 Botanische Spaziergänge erkunden Wiens Stadtvegetation und ihre ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Ein mehrere hundert Jahre alter Baum im Zentrum spielt dabei ebenso eine Rolle wie das essbare Grün auf Wiens Märkten oder das hartnäckige Pflänzchen zwischen den Pflastersteinen.

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Unter dem Titel „Gegen den Krieg anschreiben“ diskutierten Katja Petrowskaja, Dmitrij Kapitelman, Vladimir Vertlib und Marina Davydova miteinander beim Symposium der Salzburger Festspiele unter der Leitung von Michael Kerbler. Im Falter Radio hören Sie Teil 2 dieser Debatte.

Annalena Baerbock, die deutsche Außenministerin, sagte in Prag, sie werde die Ukraine unterstützen, „egal, was meine deutschen Wähler denken“ (im Original: „... no matter what my german voters think“). Die Springer-Zeitung Welt machte daraus ein „egal, was deutsche Wähler denken“. „Das falsche Zitat stand bei der Welt gleich in der Überschrift, und es verbreitete sich rasend schnell“, schrieb dazu Übermedien, die medienkritische deutsche Website. Und merkte an, dass die Welt Opfer einer russischen Desinformationskampagne wurde. Übermedien ist immer einen Blick wert.


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