Die dicken Dinger dieses Herbstes - FALTER.maily #897

Klaus Nüchtern
Versendet am 12.09.2022

Urlaub zu machen bedeutet für mich als Literaturkritiker, dass ich endlich einmal Bücher lesen kann, die ich nicht lesen muss. Gewiss gibt es auch besonders ambitionierte und emsige Kolleg:innen, die just in dieser Zeit schon mal das halbe Herbstprogramm querlesen, aber ich nutze die Gelegenheit, mich kurzfristig von einer Déformation professionnelle zu erholen, nämlich der Auffassung, dass Lektüren prinzipiell „verwertbar" sein, in eine Rezension münden oder sonst irgendein einsehbares Ergebnis zeitigen müssten.

Auch wenn der Output des Buchmarkts stark rückläufig ist – versorgten deutsche Verlage 2013 die Leserschaft noch mit 93.600 Neuerscheinungen, so waren es 2021 nur noch 71.640 –, erscheinen alljährlich immer noch sehr, sehr viele Bücher. Und selbst wenn nur ein Bruchteil davon als „besprechenswert" angesehen werden kann, so ist es dann wieder nur ein Bruchteil dieses Bruchteils, der tatsächlich rezensiert wird. Die aufmerksamkeitsökonomischen Kriterien, die darüber entscheiden, was tatsächlich wahrgenommen wird, haben immer auch etwas Willkürliches beziehungsweise folgen vielfach dem Matthäus-Prinzip: „Wer da hat, dem wird gegeben".

Für einen Literaturredakteur bleiben dann ein paar Dutzend Titel, die er persönlich tatsächlich besprechen kann/soll/muss. Beileibe nicht alle davon sind wirklich interessant oder gar aufregend. Auf welche das zutrifft und auf welche nicht, stellt sich übrigens meistens sehr schnell heraus, sagen wir, nach dreißig, vierzig Seiten. Wäre ich bloß „Privatleser", würde ich das Buch nach maximal der doppelten Seitenanzahl für immer aus der Hand legen. Ich weiß natürlich auch von Leser:innen, die Bücher, einem inneren Zwang folgend, prinzipiell zu Ende lesen. Das sind Menschen, die unser Mitgefühl verdient haben und die überlegen sollten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Chancen auf Genesung stehen ziemlich gut.

Eine besondere Herausforderung stellen naturgemäß sehr umfangreiche Titel dar. Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die können dicke Bücher. Die meisten von ihnen haben im 19. Jahrhundert gelebt. Charles Dickens zum Beispiel – der heißt ja schon so! –, George Eliot, Dostojewski oder Tolstoi. Ich glaube, es war Eckhard Henscheid, Autor der auch nicht ganz schlanken „Trilogie des laufenden Schwachsinns" („Die Vollidioten" / „Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – –" / „Die Mätresse des Bischofs"), der eine Methode entwickelt hat, nach der sich der zulässige Umfang des aktuellen Werks eines Schriftstellers aus seinen vorangegangenen Leistungen hochrechnen lässt. Leider ist mir die Formel nicht mehr erinnerlich, aber den Zugang finde ich bestechend! Donna Tartt oder Jonathan Franzen würden dann gewiss zu einer Reduktion um zumindest 50 Prozent verdonnert werden, Peter Handke fühlt sich auf der Distanz zwischen 90 und 140 Seiten ohnedies pudelwohl, und Christoph Ransmayr sollte in Sachen Roman-Ausstoß vielleicht wieder zu seinen Anfängen zurückfinden: Nur ned hudl'n!

Auch der Bücherherbst, der bekanntlich bereits im August beginnt, wird uns wieder ein paar dicke Dinger in die Regale wuchten. Gastland bei der Frankfurter Buchmesse ist heuer Spanien, und die Spanier lassen sich nicht lumpen: Fernando Aramburu bringt es mit seinem ein Jahr und 365 Kapitel umfassenden Roman „Die Mauersegler" auf 832, der erst gestern im Alter von siebzig Jahren überraschend verstorbene Javier Marías mit seinem Agentenroman „Tomás Nevinson" immerhin noch auf 736 Seiten. Das wahrscheinlich gewichtigste Romandebüt des Jahres aber kommt von der bislang vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getretenen schwarzen US-Amerikanerin Honorée Fanonne Jeffers: Die deutsche Übersetzung von „Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois", das Oprah Winfrey in Begeisterung versetzt und der Autorin Vergleiche mit Nobelpreisträgerin Toni Morrison eingetragen hat, verfehlt die Vierstelligkeit mit 992 Seiten nur knapp.

Unter den heimischen Autorinnen und Autoren aber dürfte, nachdem es Michael Köhlmeier diese Saison einmal etwas entspannter angehen lässt, Robert Menasse die Nase vorne haben. „Die Erweiterung" ist so etwas wie die Fortsetzung von Menasses mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt" und wird Anfang Oktober erscheinen. Ein Leseexemplar liegt bereits vor, und so viel kann ich in jedem Falle verraten, ohne mich einer Sperrfristverletzung schuldig zu machen: Ich befinde mich bereits auf Seite 127 und bin noch immer neugierig darauf, was die ausstehenden 526 Seiten noch bringen werden.

Klaus Nüchtern

Auch Kollegin Kirstin Breitenfellner hat soeben ein nicht ganz undickes Ding vorgelegt: Ihr Roman „Maria malt" befasst sich mit der Biografie von Maria Lassnig, die gerade einen kleinen posthumen Ruhm-Boom erlebt. Etwas schlanker sind die Kinderbücher ausgefallen, die Breitenfellner wie stets zu Beginn des Monats im FALTER empfiehlt.

Wer mit Proust schon durch ist oder es noch gerne etwas lebenspraller haben möchte, dem/der sei „Die zahnlose Zeit" (1983-1996) des niederländischen Kraft- und Saftgenies A.F.Th. van der Heijden empfohlen. Der rund 3500 Seiten umfassende Roman-Zyklus dreht sich um Sex, Drugs & Impotenz sowie um den all dies erlebenden und -leidenden Protagonisten Albert Egberts (* 30. 4. 1950), der ein „Leben in die Breite" anstrebt und dessen Geburtstag fatalerweise mit dem Koniginnendag zusammenfällt. Als am 30. April 1980 der Thronwechsel ansteht, kommt es in Amsterdam zwischen Demonstranten und der Polizei zur „Schlacht um die Blaubrücke". Ich habe diesen, schlappe 164 Seiten umfassenden Prolog zur „Zahnlosen Zeit" im Urlaub wieder gelesen und kann ihn als Einstieg in dieses wort- und bildgewaltige Epos wärmstens empfehlen. Eine Würdigung von Werk und Autor, der den Literaturnobelpreis längst verdient hätte, finden Sie hier und hier.

Das schönste schlanke Buch des Jahres (bislang) ist für mich „Kleine Dinge wie diese" der irischen Schriftstellerin Claire Keegan. Dass die Jury des Man Booker Prize das offenbar auch so sieht und „Small Things Like These" auf die Shortlist gesetzt hat, ist natürlich eine schöne Bestätigung.

Der englische Veterinär, Anwalt, Präperator, Ethiker und Publizist Charles A. Foster hat mit „Der Geschmack von Laub und Erde" (orig.: „Being a Beast"), in dem er u.a. versucht, wie ein Dachs, Fuchs oder Otter zu leben, eines der spektakulärsten Bücher des Nature Writing vorgelegt. Am 20. September wird er in der Hauptbücherei sein jüngstes Werk „Jagen, sammeln, sesshaft werden" vorstellen, und es ist mir eine Freude, die Lesung moderieren zu dürfen.

… heißen Cumulonimbus beziehungsweise, in der nächst niedrigen Gewichtsklasse, Cumulus congestus. Weil es in letzter Zeit zum Glück wieder das ein oder andere zünftige Gewitter mit mehr oder weniger satten Niederschlägen gegeben hat, waren die spektakulären Formationen zuletzt wieder öfter zu sehen. Als Mitglied (Nr. 13.220) der Cloud Appreciation Society ist es meine Pflicht, den Wolkenloser-Himmel-Fetischisierungsfaschismus zu bekämpfen und die Schönheit der zölestischen Wesen aus Wasser und Eis zu besingen. In diesem Sinne darf auch nicht verschwiegen werden, dass am kommenden Freitag der welterste Cloud Appreciation Day begangen wird.

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