Verschenkte Welt - FALTER.maily #902

Armin Thurnher
Versendet am 18.09.2022

Die Woche in Ideen, so heißt ein Angebot der Washington Post. „The Week in Ideas“. Als Weltblatt tut man sich leichter, globale Ereignisse zusammenzufassen und auf ihren Ideengehalt zu untersuchen. Außerdem sind Ereignisse in den USA nie nur lokale Ereignisse. Ganz so weit ist es mit dem Anspruch des Angebots aber eh nicht her. „The Week in Ideas“ ist ein Newsletter, der einen mit den nach Meinung des Blattes interessantesten Kolumnen versorgt, die diese Woche erschienen sind, natürlich in der Washington Post.

Würde ich so etwas herausgeben, dächte ich daran, alle deutschsprachigen Kommentare darauf untersuchen, ob sie würdig wären, in einem solchen Newsletter zu erscheinen. Es kommt ja immer etwas zusammen!

Müsste ich für die vergangene Woche so einen Newsletter zusammenstellen, würde ich drei Ideen untersuchen. Erstens die Idee des Verzichts. Zweitens die Idee der Würde (Queen). Drittens die Idee des neuen Heroismus (Selenskyj). So viel Platz haben wir hier nicht, also beschränke ich mich auf den Verzicht.

Verzicht wird von uns allen gefordert, wie in Kriegszeiten üblich, erst mit Hochgefühl, dann mit Katzenjammer. Verzicht ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine zutiefst politische Angelegenheit. Klassenkampf bedeutet, dass am Ende jemand auf etwas verzichten muss, wenn es ihm nicht einfach weggenommen werden soll.  

Der 83 Jahre alte Milliardär Yvon Chouinard, Eigentümer der Modemarke Patagonia, gab vergangene Woche bekannt, er verschenke seine Firma (Wert drei Milliarden Dollar) an eine Stiftung. Die Familie bleibt im Stiftungsrat, verzichtet aber auf Gewinnausschüttungen. Diese, nach Investitionen in der erwarteten Höhe von jährlich 100 Millionen Dollar, sollen Projekten zur Rettung des Klimas zugutekommen. Chouinard sagte, er selbst sei reich genug, um durchzukommen.

Naturgemäß hatte die Verlautbarung paradoxe Effekte. Der Verkauf von Patagonia-Produkten stieg sofort an. Dass es sich aber nicht nur um einen Markentrick handelt, dass es Chouinard mit seinem Anliegen sehr ernst ist, zeigt auch die Tatsache, dass er und Familie für die Transaktion auch noch 17,5 Millionen Dollar Schenkungssteuer zahlten. In Anbetracht des Gewinns hält sich das Mitleid dafür in Grenzen, aber der Unterschied zum gängigen Philanthrokapitalismus der Bill Gates und anderer Milliardäre besteht darin, dass diese jährlich einen Bruchteil ihres Gewinns spenden und ihr Eigentum behalten.

Patagonia war stets konsumkritisch (und steigerte damit den Umsatz der eigenen Waren), die Firma war zum Beispiel als eine der ersten beim Facebook-Werbeboykott dabei. „Das Geschäftsmodell von Facebook gründet auf Desinformation und hasserfüllten Aussagen“, erklärte der Europachef von Patagonia. Das Label habe eine moralische Pflicht, die Praktiken des sozialen Netzwerks nicht mehr durch Werbeausgaben zu unterstützen, berichtete damals die Zeitung Die Welt.

Mich interessieren das Motiv und die Wirkungen der Aktion von Chouinard. Er selbst sagte: „Hoffentlich wird dies eine neue Form von Kapitalismus beeinflussen, die am Ende nicht zu ein paar reichen und einem Haufen armer Menschen führt“.

Für alle, die an Selbstbegrenzung und neuer Orientierung des Kapitalismus interessiert sind, für alle, die die Erzählung vom kühlen, quasi eigenschaftslosen und stets rational entscheidenden Homo Oeconomicus für ein Märchen halten, für alle, die die Weisheit des Marktes und der Börse nicht über alle Menschlichkeit stellen, ist das Beispiel Patagonia trotz all seiner Paradoxien eine Hoffnung.

Die Rettung der Welt durch Verzicht, durch ein Geschenk, durch Großmut? Früher hätte manche Religion darüber gejubelt.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Armin Thurnher

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