Der Deserteur im Gemeindebau - FALTER.maily #906

Nina Horaczek
Versendet am 22.09.2022

Können Sie sich noch an Richard Wadani erinnern? Am 11. Oktober würde der Deserteur der Wehrmacht und Widerstandskämpfer hundert Jahre alt. An diesem Tag erhält Wadani, der im April 2020 verstorben ist, posthum eine ganz besondere Anerkennung: Der Gemeindebau in der Kaiser-Ebersdorfer-Straße 12-18 in Simmering wird zum Richard-Wadani-Hof.

Das wird nicht alle Nachbarn freuen. Denn in diesem Gemeindebau hat auch die Simmeringer FPÖ ihr Parteilokal. Die Freiheitlichen und Wadani, die waren niemals Freunde. Als "Kameradenmörder" beschimpfte der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Menschen wie Wadani, die FPÖ sprach sich sowohl gegen das Deserteursdenkmal als auch gegen die pauschale Rehabilitierung von Deserteuren der Wehrmacht aus.

Richard Wadani, der schon als Jugendlicher mit dem Kommunismus sympathisierte, war als Jugendlicher von den Nationalsozialisten zum Kriegsdienst eingezogen worden. Er desertierte aus der Wehrmacht und kämpfte an der Seite der Briten für die Befreiung Österreichs von der Nazi-Diktatur.

Als er im November 1945 mit 23 Jahren mit seiner britischen Uniform nach Österreich zurückkehrte und sich beim Arbeitsamt meldete, schnauzte ihn der Beamte gleich an. Wie er dazu komme, in einer fremden Armee zu dienen, empörte sich der Mann. "Die Hitler-Armee war die fremde Armee!", schrie Wadani zurück. Mit diesem Geschichtsverständnis blieb Wadani in Österreich jahrzehntelang in der Minderheit.

Wer als Wehrmachtsdeserteur im Konzentrationslager, im Wehrmachtsgefängnis oder im Strafbataillon saß, konnte sich diese Jahre nach 1945 nicht auf die Pension anrechnen lassen. Wer Wärter im Konzentrationslager war, hingegen schon. Die Anerkennung von Deserteuren und deren Rehabilitierung im Oktober 2009 per Gesetzesbeschluss mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen war nicht zuletzt Wadanis Verdienst.

Noch etwas hat der Widerstandskämpfer erreicht: Im Mai 2005 stand Wadani, damals schon 82 Jahre alt, bei mir im FALTER-Büro. Es könne doch nicht sein, dass ein hochdekorierter Nationalsozialist wie der NS-Fliegermajor Walter Nowotny immer noch in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof liege, sagte er mir damals. "Es ist geschmacklos und eine Schande, dass jemand wie ein Walter Nowotny in einer Reihe mit der Widerstandskämpferin Rosa Jochmann in einem Ehrengrab begraben ist", kritisiert Wadani. Der Artikel, der daraufhin im FALTER erschien, hatte den Titel "Wiens Ehren-Nazi" –, und zeigte überraschend schnell Wirkung. Kurz darauf stimmte die Wiener SPÖ im Rathaus einem Antrag der Grünen auf Aberkennung des Ehrenstatus für den Major zu. Nur Rechtsextreme und FPÖ-Politiker legen noch regelmäßig ihre Kränze auf das Grab des Nazi-Fliegers.

Nun wird Wadani in seinem Heimatbezirk Simmering, in dem er jahrzehntelang mit seiner Frau Linde lebte, geehrt. Auf Initiative des grünen Gemeinderatsabgeordneten Nikolaus Kunrath bekommt Wadani nicht nur seinen Namen auf den Gemeindebau, sondern am 10. Oktober auch eine Gedenkveranstaltung im Wappensaal des Rathauses.

Ein Gemeindebau in Simmering, das passt zu Wadani, der sich immer als Vertreter der armen Menschen gesehen hat, der Kommunist war und nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus Protest aus der KPÖ ausgetreten war. Wadani trat sein Leben lang öffentlich gegen Rassismus und Faschismus auf, besuchte als Zeitzeuge Schulen und setzte auch das Deserteursdenkmal auf dem Heldenplatz durch.

Die Vorstellung, dass alle, die in seinem Heimatbezirk die FPÖ besuchen, bald an dem Namen des berühmtesten Deserteurs der Nation vorbeigehen müssen, hätte Wadani ziemlich sicher gut gefallen.

Nina Horaczek

Wollen Sie mehr über das Leben und Wirken von Richard Wadani wissen? Dann empfehle ich Ihnen die 2015 erschienene politische Biografie "Da habe ich gesprochen als Deserteur" sowie diese Interviewreihe mit Richard Wadani, aufgenommen vom österreichischen Mauthausen-Komitee.

...ist die heute erschienene Episode des FALTER-Radios: Raimund Löw diskutiert mit seinen Gästen die Teilmobilmachung der russischen Armee und was die neue Eskalationsstufe für die Zukunft der Ukraine und die Sicherheit Europas bedeutet. Zu hören sind die Nationalratsabgeordnete Stephanie Krisper (Neos), Generalleutnant Christian Ségur-Cabanac, Moskau-Korrespondentin Carola Schneider (ORF) und Eva Konzet (Ressortleiterin Politik, FALTER).

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