Die wundersame Welt des Spitzensports - FALTER.maily #907

Lukas Matzinger
Versendet am 23.09.2022

Wie dunkel die Zeiten, wie teuer das Leben, wie beängstigend die Welt auch sein mögen – der große Zirkus Publikumssport bietet Milliarden warme Zuflucht. Er spendet Glanz und Spannung, Triumphe und Trauer, bezahlbar in Leidenschaft und Frust. Diese Woche hat er drei besonders schöne Geschichten ausgespuckt.

Federers Vermächtnis

Heute Abend endet Tennis, wie wir es kannten. Roger Federer spielt ab circa 22 Uhr zum allerletzten Mal – beim Laver Cup in London im Doppel mit seinem Freund und Feind Rafael Nadal. Der Schweizer Federer war eine kantenlose Lichtgestalt: suspekt perfekt, wem die Vorhand einer Haubitze und die Beinarbeit einer Nähmaschine weder Eleganz noch Schweißbildung kostet.

Mühelos wurde Federer achtmal Wimbledonsieger (Rekord) und fünfmal Weltsportler des Jahres (Rekord). Für die Meinungsforscher von RepTrak war er 2011 quasi der zweitbeste Mensch der Welt hinter Nelson Mandela und für die GQ-Leser der stylischte Mann der 2010er Jahre. Erwartungsgemäß half Federer Flutopfern in Australien, Kindern in Tansania und den paar Armen in der Schweiz.

Ab morgen ist er mit 41 Jahren der erste Pensionist der Big Three (Federer, Nadal, Đoković), die die Disziplin 20 Jahre lang modelliert haben. Ihr Abgesang hat längst begonnen: die Ersten der Weltrangliste heißen heute Carlos Alcaraz (19 Jahre) Casper Ruud (23).

Messis Tränen

Apropos Weinen. Vor einem Jahr und einem Monat beweinte der Fußballer Lionel Messi seinen Abschied vom Lebensverein FC Barcelona. Der ihn mit 13 Jahren geholt, ihm eine Hormontherapie gegen die Wachstumsstörung gezahlt, und ihn über 21 Jahre zum besten Fußballer der Geschichte gemacht hat. Er zog zum Katarklub Paris St. Germain, sein "Demut und Respekt" gegenüber Barça sollte aber erinnert werden.

Nun hat die spanische Zeitung El Mundo Messis Vision von Demut und Respekt konkretisiert. Im Mai 2020 soll Messis Vater und Berater per Email die elf Bedingungen für eine Vertragsverlängerung an den damaligen Barcelona-Präsidenten Josep Maria Bartomeu geschickten haben.

Darunter zehn Millionen Euro Unterschriftsprämie, die Nachzahlung der pandemiebedingenten Gehaltseinbußen (inklusive Zinsen) und automatische Gehaltssprünge bei Steuererhöhungen in Spanien. Der FC Barcelona hat die Echtheit der E-Mails nicht bestritten, überlegt aber eine Klage wegen des Leaks.

Niemanns Land

Aber die Sportgeschichte der Woche, so oft kommt das ja nicht vor, schrieb das recht immobile Schachspiel. Sie beginnt am 4. September, als der Weltmeister Magnus Carlsen in St. Louis nach 53 Partien wieder einmal eine verlor. Und zwar gegen den erst 19-jährigen Kalifornier Hans Niemann.

Carlsen tat, was er noch nie zuvor getan hatte: Er beendete das Turnier überraschend und ließ auf Twitter delphisch wissen, dass ihm eine Stellungnahme zu dem Vorfall Probleme bringen würde. Seither glauben Millionen an einen Betrug Niemanns, ein kanadischer Großmeister mutmaßte etwa, dass Niemanns Mentor ihm über vibrierende Analkugeln Züge bedeutet habe.

Als Carlsen und Niemann am Montag dieser Woche bei einem Onlineturnier wieder aufeinandertrafen, brach der Weltmeister gleich nach dem ersten Zug ab. Die Schachwelt liegt entzwei: Hat der große Carlsen Schummelhinweise in der Hinterhand? Oder ist er nur ein gekränktes Genie?

Bleiben Sie dran, in der wundersamen Welt des Spitzensports.

Lukas Matzinger

Zwei Lieder haben mir diese Woche das Heu vom Hänger gehaut, Serviervorschlag für beide ist die maximal erträgliche Lautstärke. Vom jetzt mit Holzbläsern arbeitenden Trauerliedschreiber Perfume Genius. Und von der das Montreux Jazz Festival wegblasenden Organistin Anna von Hauswolff.

In ein paar Stunden steigt die zehnte Sex-Positive-Party vom Wiener Technokollektiv "Hausgemacht". Die Sausen sind die angesagtesten der Stadt, 1.500 werden heute im Vösendorfer Exil textilarm tanzen. Was Sie dort erwartet, lesen Sie in meiner aktuellen FALTER-Reportage.

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