Mitleid mit Mattle - FALTER.maily #908

Josef Redl
Versendet am 25.09.2022

Ich war neulich ein paar Tage in Tirol, um über den Wahlkampf zu berichten. Die Anspannung im Team der ÖVP war da natürlich spürbar. Spitzenkandidat Anton Mattle wollte mir nicht einmal ein Interview geben. Wie ich versucht habe, mir ein Bild von Anton Mattle zu machen, können Sie hier nachlesen. Wegen der schönen Landschaft bin ich ihm zwar nicht ins Zillertal hinterhergefahren, aber was solls, ich bin nicht nachtragend. 

Anton Mattle wird der nächste Landeshauptmann von Tirol. Und das, obwohl seine Partei eine historische Niederlage eingefahren hat. Laut Hochrechnungen hat die Volkspartei gerade einmal 34,5 Prozent der Stimmen eingefahren. Im Land Tirol, wo ohne die ÖVP und ihre Teilorganisationen gar nichts geht, ist das ein katastrophales Ergebnis (2018 waren es 44,3 Prozent).

Die Niederlage hat Ursachen, die innerhalb der ÖVP zu suchen sind. Die zahlreichen Korruptionsskandale, die unter Sebastian Kurz produziert wurden. Dass Landeshauptmann Günther Platter erst im Juni angesichts schlechter Umfragewerte erklärt hatte, sich nicht mehr zur Wahl zu stellen. Die Arbeit der ÖVP-geführten Regierung in Wien hat wahrscheinlich auch keine Stimmen gebracht. Rechnet man da noch Corona-Frust, Inflation und Energiekrise dazu, dann erscheinen 34,5 Prozent eigentlich schon wie ein kleiner Sieg.

Auch der Koalitionspartner in Land und Bund, die Grünen, hat verloren (-1,8 Prozent). Höchstwahrscheinlich wird Anton Mattle jetzt eine Koalition mit der SPÖ eingehen. Und das sind keine guten Nachrichten für Tirol. Die SPÖ unter Georg Dornauer ist ganz sicher der billigste Koalitionspartner. Grüne, Neos und Liste Fritz hätten der Volkspartei mehr gedankliche und politische Beweglichkeit abverlangt.

Es waren jedenfalls nicht politische Konzepte, die heute die Mehrheit bekommen haben. Es war aber auch nicht der Wunsch nach Veränderung. Was es war? Ich weiß es nicht, aber bei manchen Gesprächspartnern hatte ich bei meinem Ausflug nach Tirol den Eindruck, sie würden die ÖVP aus Mitleid wählen.

Josef Redl

Über den Niedergang – und die Selbstzerstörung – des heimischen Bürgertums von Bacher bis Weißmann, schreibt auch FALTER-Herausgeber Armin Thurnher in seiner heutigen Seuchenkolumne. 

Der afghanische Widerstandskämpfer Ahmad Massoud spricht im FALTER Radio mit Raimund Löw über die Ziele der Nationalen Widerstandsfront gegen das Regime der Taliban in Afghanistan und was der Westen tun könnte.

Der Autor und Kommentator der Financial Times, Gideon Rachman, spricht über die Welt der Autokraten: Von Putin über Trump bis Xi Jinping. Wie gefährden diese sogenannten "starken Männer" unsere Demokratie? Eine Debatte mit London-Korrespondentin Tessa Szyszkowitz im Bruno Kreisky Forum, jetzt nachzuhören im FALTER Podcast. Rachmans Buch "Welt der Autokraten" können Sie hier bestellen

Bestimmt kennen Sie den bunten Reigen an Kolumnen, der den krönenden Abschluss des allwöchentlichen FALTER bildet? Wenn nicht, schmökern Sie hinein: Hier erklärt Ihnen Andrea Maria Dusl, was es mit der Wiener Maßeinheit "Eckhaus" auf sich hat. Hier spricht Hermes Phettberg über sich und seinen "Haberer" Jesus. Und Doris Knecht begibt sich ungewollt auf gefährliches Terrain, lernt dadurch aber die FALTER-Leser:innenschaft besser kennen. 

Biografie einer TV-Legende

FALTER-Redakteurin Stefanie Panzenböck veröffentlicht mit Die Spira die erste Biografie über Elizabeth Toni Spira.

Die legendäre TV-Journalistin hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der Bevölkerung lieb war. Die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie dokumentiert über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher:innen und gewährt dunkle Einblicke in die Wiener Seele.

Erhältlich auf faltershop.at


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!