Lust und Tragik - FALTER.maily #913

Gerhard Stöger
Versendet am 30.09.2022

Heute ist das fünfte Album von Wanda erschienen, schlicht mit dem Bandnamen betitelt. Eigentlich wollte ich Ihnen dazu die launige Geschichte erzählt, wie die späteren Wiener Rockstars Anfang 2014 in mein Leben getreten sind, wie holprig unsere Beziehung anfangs war, wie ihre Amore-Energie dann aber auch mich mitreißen sollte und welche Rolle meine damals zehnjährige Tochter dabei gespielt hat.

Nur setzt das Leben manchmal verstörend grausame Pointen. Christian Hummer ist vor wenigen Tagen im Alter von nur 32 Jahren gestorben, der langjährige Keyboarder von Wanda, der den verschwitzten Rock’n’Roll daheim am Klavier durchaus gern gegen klassische Musik getauscht hat. Auf den aktuellen Bandfotos fehlte er bereits, auch bei den Konzerten der vergangenen Monate stand eine Vertretung hinter den Tasten. Vor einigen Jahren war Hummer schon einmal vorübergehend von der Bildfläche verschwunden gewesen – "Gehörsturz", lautete die offizielle Erklärung, die furchtbare Wahrheit sollte damals Privatsache bleiben.

Christian, gebürtiger Wiener, kehrte wieder zurück in jene Band, in der er konsequent unterfordert war als Multiinstrumentalist und exzellenter Musiker – bei einer anderen Abzweigung im Leben wäre dieser angenehme, ruhige und herzliche Typ vermutlich ein hochkarätiger Jazzer geworden. Nur, wie erklärte ein schlauer Mensch den Unterschied zwischen diesen Genres einmal so treffend: Rockmusiker spielen drei Töne vor 10.000 Menschen, Jazzer spielen 10.000 Töne vor drei Menschen. Für Wanda durften es auch einmal 100.000 sein, als Headliner beim Wiener Donauinselfest etwa. Rechts außen auf der Bühne als Ruhepol stets Christian Hummer, der unauffällige musikalische Anker, dem der Spaß und die Freude an seiner Tätigkeit meist nur durch kleine Gesten anzumerken war.

Dann aber verschwand er im Frühjahr 2022 wieder aus dem Wanda-Gefüge. Jene bodenlose Frechheit war zurück, die stets als "lange, schwere Krankheit" umschrieben wird und gegen die bei allen Wundern der Medizin immer noch kein Allheilmittel existiert.

Denke ich an Christian Hummer, denke ich neben seiner stillen Präsenz auf der Bühne auch an mein erstes Interview mit Wanda. Es fand am 7. Oktober 2014 im Café Leopoldistüberl statt, einer damals noch nebelschwadendicht verrauchten Tranklerhütte im zweiten Bezirk. Das Debütalbum "Amore" sollte in Bälde erscheinen, Marco Wanda arbeitete im Gespräch darüber noch an seiner Souveränität. Immer wieder verwendete er, merklich nervös, die Worte "voll" und "irgendwie"; "voll" um Aussagen zu verstärken, "irgendwie" zur Relativierung.

Christian Hummer saß mit ihm am Tisch. Er sagte ungleich weniger als der Sänger, wirkte dabei aber deutlich gelassener. Sein Background war ein anderer als jener des Sprachkunst-Studenten, Bildungsbürger-Einzekindes und Hallodris. Bevor die Wette Wanda für alle Beteiligten überraschend schnell und massiv aufgehen sollte, arbeitete der Pianist Hummer als Korrepetitor bei einem Sozialprojekt, das zusätzlichen Gratis-Musikunterricht in Kindergärten und Schulen brachte.

Hier ein kleiner Auszug des damaligen Gesprächs, das mit einer Vorstellungsrunde begann:

"Mein Name ist Christian Hummer, ich bin der der Keyboarder von Wanda. Ich bin 24 Jahre alt. Ich bin sehr froh, dass ich diese Stelle als Keyboarder gefunden habe und mich diese Band als Keyboarder gefunden hat. Und ich bin sehr froh, in dieser Band zu spielen."

"Warum?"

"Naja, was gibt es für einen Musiker besseres, als in seiner super Band zu spielen?"

"Was ist super an Wanda?"

"Ich weiß nicht, ob das Aufnahmegerät so viel Platz bietet, dass ich das alles sagen kann. Rein bandtechnisch: Es ist eine Energie zwischen uns fünf Leuten und eigentlich zwischen dem gesamten Team, aber am intensivsten spürt man es in der Band. Eine Energie, die ich so in einem musikalischen Ensemble noch nicht erlebt habe. Das geht über das gemeinsame Musikmachen hinaus. Wie wir miteinander reden, worüber wir reden, wie wir gemeinsam andere Dinge machen als reden: trinken, rauchen, weinen, schreien. Das ist wie eine Beziehung, aber mehr. Manchmal sagt man, dass gute Freunde im Leben gegenüber einer Beziehung vorgehen. Eine Band ist wie eine Beziehung mit Freunden."

Worum es Wanda denn gehe? Darum kreiste das Gespräch mehrfach, die Antwort darauf fiel dem Sänger und dem Keyboarder vor acht Jahren noch schwer. "Wenn es um irgendwas geht bei Wanda, dann um Lust", meinte der Keyboarder schließlich. "Lust zu haben und anderen ermöglichen, Lust zu haben."

Genau das ist Christian Hummer gelungen, wenn auch nur für tragisch kurze Zeit.

Ein gesundes Wochenende voll Amore wünscht Ihnen,

Gerhard Stöger

Ihr Debütalbum präsentierten Wanda noch im kleinen Gürtelclub Chelsea, ein halbes Jahr später spielten sie im April 2015 dann schon im ausverkauften Gasometer – und verwandelten diesen unwirtlichen Simmeringer Betonbunker in ein Tollhaus. In Mitschnitten wie diesem ist die damalige Euphorie konserviert.

Auch Pharoah Sanders ist kürzlich verstorben, seines Zeichens rauschebärtiger Meister des spirituellen US-amerikanischen Free Jazz. Er wurde 81 Jahre alt und war bis zuletzt aktiv. Sein berühmtes Stück "The Creator Has A Master Plan" verkündete 1969 im Kern jene Botschaft, die Wanda Jahrzehnte später mit ihrem Schlagwort "Amore" ungleich weltlicher aufgreifen sollten.

Meine Einschätzung des neuen Wanda-Albums finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Morgen ist Tag des Kaffees.

Krönen Sie Ihr schwarzes Gold mit einer süßen weißen Krone.

Die neue J8 von Jura greift den Kaffeetrend zu Sweet Latte auf. Der Vollautomat aromatisiert luftig-leichten Milchschaum mit Sirup in der gewünschten Geschmacksrichtung, Süße und Intensität. Das „Coffee Eye“ – der intelligente Tassensensor – zeigt an, welche Kaffeevariationen je nach Tassenplatzierung zur Auswahl stehen.

Die J8 ist in Midnight Silver, Piano Black und Piano White im autorisierten Fachhandel erhältlich.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!