Verspäteter Nobelpreis - FALTER.maily #917

Peter Michael Lingens
Versendet am 05.10.2022

Anton Zeilinger hat den Nobelpreis für Physik mit gewaltiger Verspätung erhalten. Inländischen Kollegen ist das seit Jahrzehnten ein Rätsel, ausländische Kollegen, die ihn aufsuchen, um sich mit ihm zu beraten, fragten sich noch erstaunter, warum er ihn noch immer nicht erhalten hat.

Schließlich gilt er seit Ewigkeiten als Papst der Quantenphysik und die ist derzeit aktueller denn je: Alle – vermutlich demnächst erfolgreichen – Bemühungen um einen Quantencomputer, der aktuelle Computer an Schnelligkeit weit in den Schatten stellt, gehen auf seine Arbeiten zurück. Ebenso die immer wichtigere maximale Verschlüsselung von Informationen. Zeilingers Handicap: Vermutlich gab es im Nobelpreis-Komitee die längste Zeit niemanden, der seine Arbeiten verstand. 

Ein anderer Physiker, der in der österreichisch-ungarischen Monarchie geborene Leó Szilárd, der die in der atomaren Kettenreaktion gebundene Energie erkannte und sie zusammen mit Enrico Fermi erstmals auslöste, erhielt ihn aus diesem Grunde niemals. Unter Kollegen wurde Szilárd, der übrigens trotz (oder gerade wegen) der Nutzung der Kettenreaktion zur Atombombe der Friedensbewegung angehörte, scherzhaft "unser Marsianer" genannt, weil ihnen seine Intelligenz überirdisch schien. Er selbst war ähnlich bescheiden wie Zeilinger und versuchte in seinem Buch "The Voice of the Dolphins" für Vernunft (die er fiktiv den Delphinen zuschrieb) zu plädieren. Die USA, in die er emigrieren musste, begegnete ihm dennoch mit Misstrauen. 

An wichtigen Stellen richtig eingestuft zu werden, scheint für theoretische Physiker überhaupt schwer: Bundespräsident Van der Bellen gratulierte Zeilinger anlässlich des Nobelpreises nicht zu seinen quantenphysikalischen Erkenntnissen, sondern zu seinen Leistungen als "Wissenschaftsmanager". Offenbar ließ ihm der Wahlkampf zu wenig Zeit, sich genauer mit Österreichs wichtigstem Wissenschaftler zu befassen. 

Peter Michael Lingens

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