Mit einem grünen Auge davongekommen - FALTER.maily #920

Barbara Tóth
Versendet am 09.10.2022

Der Wahlkampf war quälend, der Wahlabend war es nicht. Wenige Sekunden nach 17 Uhr, als die Wahllokale schlossen, war auch schon die erste Hochrechnung da, mit einer Schwankungsbreite, die keine Zweifel mehr zuließ: Alexander Van der Bellen hat seine Wiederwahl mit einer absoluten Mehrheit von mehr als 55 Prozent geschafft. Es ist ein Ergebnis, das anständig, aber nicht berauschend ist, so wie der Kandidat selber.

Nachdem diese Wahl die erste in ganz Österreich nach der Pandemie war, gilt sie Beobachter:innen auch als Stimmungstest für Politikverdrossenheit und Autoritarismustendenzen. Dabei fällt leider auf, dass die vier Kandidaten rechts der Mitte – um ihre Positionierung sehr höflich zu beschreiben – insgesamt mehr als 35 Prozent auf sich vereinen konnten. Das ist also das Potenzial, das die FPÖ wieder heben könnte, weiß nun ihr Parteichef Herbert Kickl, dessen Kandidat Walter Rosenkranz mit knapp 19 Prozent deutlich darunter blieb.

Vielleicht fragt sich Kickl auch, ob es wirklich eine gute Idee war, Krone-Kolumnist Tassilo Wallentin nicht für die FPÖ ins Hofburg-Rennen zu schicken. Der überholte am Wahlabend mit Leichtigkeit ein anderes FPÖ-Geschöpf, den Polit-Blogger Gerald Grosz. Offenbar ziehen in Österreich juvenile Männer mit kantigem Gesicht und guten Manieren, die so tun, als wären sie gegen das Establishment, auch wenn sie der gesellschaftlichen Elite angehören, immer noch ganz gut. Flauschiger, weichgespülter Rechtspopulismus so wie in Italien oder Schweden, da liegt die Zukunft für die FPÖ.

Das Wort "Rechtspopulismus", darauf hat der langjährige Politik-Beobachter Heribert Prantl in einem sehr lesenswerten Kommentar an diesem Wahlwochenende hingewiesen, klingt leider viel zu harmlos. Dahinter verbirgt sich nämlich "rassistischer Nationalismus, Xenophobie und Verfassungsverachtung". Was dagegen tun? Auch darauf hat Prantl eine interessante Antwort: Wir – also all jene, die nichts mit Rechtspopulismus am Hut haben – müssen ebenfalls mehr Populismus wagen, aber "demokratischen Populismus".

Wie das geht? Indem man Menschen die Ängste nimmt, auch mit ganz konkreten Hilfen, so wie beim deutschen "Doppel-Wumms", dem Mega-Hilfspaket gegen die Teuerungskrise. Und dazu immer wieder erklärt, warum eine rechtsstaatliche Demokratie auch jenen hilft, die sich ausgeschlossen und unnütz fühlen in unserer Gesellschaft. Dazu brauche es "Worte und Taten, die wärmen". Das klingt ein wenig pathetisch, aber es beschreibt ziemlich genau das, was ich mir von Alexander Van der Bellen in seiner zweiten Amtsperiode erwarte, jetzt, wo er mit einem grünen Auge wiedergewählt wurde.

Barbara Tóth

Jenen, die heute nicht zur Wahl gingen oder gehen durften, hat Nina Horaczek die aktuelle Titelgeschichte des FALTER gewidmet. Der Artikel "Wir müssen draußen bleiben" behandelt die Frage, ob sich in unserem Land ein Demokratiedefizit aufbaut, wenn Menschen mit wenig Einkommen viel seltener wählen als die Reichen. Hier lesen Sie mehr. 

Dass beim Präsidentschaftswahlkampf keine einzige Frau zur Wahl stand, war eines der größten Mankos dieser Wahl. Eine ehemalige Kandidatin, Irmgard Griss, ist in der jüngsten Episoden des FALTER-Podcasts "Scheuba fragt nach…" beim Kabarettisten Florian Scheuba zu Gast und spricht dort über ihre Erfahrungen im Präsidentschaftswahlkampf, über Angriffe auf die Unabhängigkeit der Justiz und zugehaltene Nasen bei Kickl-artigen Minister-Angelobungen.

Der aktuelle FALTER-Podcast widmet sich der Frage, ob Europa vor einer Zeitenwende steht. Europas Gesellschaften waren lange Zeit an Frieden gewöhnt; wie gehen sie nun mit den aktuellen Umbrüchen um?

Darüber diskutieren die Philosophin Lisz Hirn, der Militärhistoriker Markus Reisner, Presse-Chef Rainer Nowak und die Regisseurin und Autorin Anna Maria Krassnigg. Die Diskussion fand als Salon Europa unter dem Titel "Denk Macht Neu" beim Theaterfestival "Europa in Szene" in Wiener Neustadt statt.

U30 Karten zu € 12 in der Volksoper Wien

Das Motto heißt jetzt: Alt werden kannst du später!

Für ausgewählte Termine, sowie alle Vorstellungen des Wiener Staatsballetts in der Volksoper gibt es für alle unter 30 Karten zu € 12, und das bereits ab Vorverkaufsbeginn!

Im U30 Monat Oktober gilt das Angebot für alle Vorstellungen (ausgenommen Premiere). Mehr Informationen und Tickets gibt es hier.


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