Alarm, Alarm! - FALTER.maily #921

Katharina Kropshofer
Versendet am 10.10.2022

Ihm sei es zu schnell gegangen, twitterte der deutsche Komiker Aurel März: Noch hieß es, den Klimawandel gebe es gar nicht und nun sei die Message bereits, es sei zu spät, um noch etwas zu tun. 

In der Berichterstattung über Krisen sind wir mit einem Dilemma konfrontiert: Schreien wir Alarm, um die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen? Oder bewirken wir so nur, dass Leute den Kopf in den Sand stecken, den medialen Sturm ausblenden?

Neulich hatten wir auch in der Redaktion eine lange Diskussion über den Katastrophismus, also die Frage, ob wir - bewusst oder unbewusst - gezielt auf Horrorvisionen setzen, um Menschen aufzurütteln.  

Das wirft nämlich der (natürlich nicht unumstrittene) Pop-Philosoph Richard David Precht gerade den Medien vor: Die Tendenz nach einseitiger Berichterstattung, die Gier nach Klicks und Zuspitzung. Sie alle kennen Clickbaiting: Ein reißerischer Titel wie "Der schlimmste Winter steht uns bevor" kurz vor einer Paywall verspricht Klicks. Journalist:innen seien Opfer des Katastrophismus, angetrieben von den ständigen Horrornachrichten unserer Blasen.

Eins ist klar: Krisen gibt es genug. Die Gasspeicher sind nicht ausreichend gefüllt, Brot und Benzin und eigentlich alles wird inflationsbedingt immer teurer, extreme Dürren können wir in Europa aufgrund der Erderwärmung nun alle 20, statt 60 bis 80 Jahre erwarten. 

Aber schreien wir dann jedes Mal Alarm, wenn wir davon erfahren? Wie umgehen mit den Katastrophen, die rund um uns passieren, wie richtig einordnen, wenn wir gleichzeitig Quote machen wollen und viel zu leicht im Twitter-Rabbit-Hole landen? 

Einerseits sind es die feinen Nuancen: In ihrem Podcast "Feel the News" erwähnen Jule und Sascha Lobo eine Studie der Johannes Gutenberg Uni in Mainz. Sie zeigten, dass die Berichterstattung über Geflüchtete seit 2015 immer negativer wurde: Auf Fotos wurden zunehmend Männer gezeigt, oft in bedrohlicher Allüre, dabei kamen genauso Frauen und Kinder. Jeder zehnte Artikel sprach auch das Thema Terrorismus an.

Auch sprachlich gibt es diese Abstufungen: In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, von der "Klimakrise" zu sprechen, etwa wenn auf politischen Konferenzen neue Anstrengungen zu ihrer Eindämmung beschlossen oder eben ignoriert werden. Will man nüchtern wissenschaftliche Fakten darlegen, ist der Begriff Erderhitzung akkurater.

Was wir auch wissen: Die Welt ist in vielerlei Hinsicht um einiges besser als noch vor 100 Jahren, wie Max Rosling und sein verstorbener Vater Hans in ihrem berühmt gewordenen Buch "Factfulness" schreiben: 60 Prozent der Mädchen im globalen Süden beenden heute zumindest die Volksschule, 80 Prozent der Einjährigen weltweit sind zumindest gegen ein paar Infektionskrankheiten geimpft. 

Aber gerade die Berichterstattung über die Klimakrise macht die Frage nach dem Katastrophismus etwas knifflig: Wie umgehen mit einer Entwicklung, die weltweit etwa für immer wahrscheinlichere und stärkere Extremwetterevents sorgt und wir gleichzeitig politisch noch nicht auf dem Kurs sind, den wir bräuchten, um das (großteils) hintanzuhalten? 

Weltuntergangserzählungen bringen Leute eher dazu, abzuschalten, die Sache von sich wegzuschieben. Der US-amerikanische Autor Jonathan Franzen kassierte 2019 einen Shitstorm, als er in einem Essay propagierte, man solle nun aufhören, sich was vorzumachen: Die Schlacht, die Klimakrise einzudämmen, sei eh schon geschlagen. Zahlreiche Klimawissenschaftler:innen ordneten das ein.

"Tatsächlich rüttelt die Warnung von katastrophalen Entwicklungen Menschen zunächst auf. Aber wenn sie dann keinen gangbaren Weg sehen, das Schlimmste zu verhindern, fühlen sie sich überfordert", schreibt der Wissenschaftsjournalist Christopher Schrader im Handbuch "Über Klima sprechen". Denn dann folgt: Fatalismus, Rückzug, Problemleugnung, oder die Behauptung, es sei zu spät. Siehe Jonathan Franzen. 

Stattdessen geht es darum, das Selbstwirksamkeitsgefühl zu steigern, Lösungen anzubieten, die am besten noch zu den Werten und Normen der Zielgruppe passen, aber in Perspektive gesetzt werden. Es ist vermutlich besser, einem Wiener mit Gasheizung zu erklären, wie viel Gas ein Grad weniger Heizen einspart, wo er lokal eine gute Beratungsstelle findet, anstatt ihm zu sagen: Die Klimakrise gerät außer Kontrolle, wenn wir nicht alle sofort auf Erdwärme umsteigen, und Putin gewinnt dann wegen dir auch noch den Krieg. 

Die Stiftung FuturZwei hat in einem Zukunftsarchiv Hunderte Geschichten des Gelingens gesammelt; Kollege Rico Grimm, der Krautreporter, hat eine ähnliche Sammlung namens "Wie schön diese Welt werden kann" angelegt.

Und einer meiner Lieblingsaccounts auf Twitter beziehungsweise TikTok: Alaina Wood, die Weltuntergangsinhalten zur Klimakrise wissenschaftlich einordnet. Denn schon jetzt gebe es zu viele Jugendliche, die aufgrund ihrer Eco Anxiety eine Therapie suchen. 

Sie sehen: Diskussion ist wichtig. Lassen Sie uns diese weiterführen.

Katharina Kropshofer

Nun ist es klar: Alexander van der Bellen ist der alte, neue Bundespräsident Österreichs. Eine erste Einordnung des Wahlsiegs lieferte Barbara Tóth bereits gestern Abend. Armin Thurnher hat heute noch weiteranalysiert.

Apropos Klimakrise: In der vergangenen Ausgabe hat mein Kollegen Benedikt Narodoslawsky den Geburtstag einer der größten österreichischen Umweltbewegungen beleuchtet: Global2000 wurde 40. Falls Sie den Text noch nicht gelesen haben, lege ich ihn Ihnen ans Herz.  Und meine Kollegin Daniela Krenn hat sich an den Unis des Landes umgehört, um zu verstehen, wie Student:innen mit den vielen Krisen umgehen.

Schon im Text habe ich den Podcast von Sasha und seiner Frau Jule Lobo empfohlen. Hier nochmal der Link. Falls Sie gerne über Lösungen in Sachen Klimakrise hören wollen, kann ich außerdem "How to save a Planet" empfehlen.

Warum landen Spitalspatienten lebendig am Seziertisch? Woran starb Beethoven wirklich? Der neue Podcast "Klenk+Reiter" versucht, diese und viele andere Fragen zu beantworten.

Österreichs bekanntester Rechtsmediziner, Christian Reiter, spricht mit Florian Klenk über die spektakulärsten Fälle der österreichischen Kriminalgeschichte der vergangenen 40 Jahre, aber auch über historische Fälle.

Jeden Freitag neu auf falter.at/gerichtsmedizin und überall dort, wo Sie Podcasts hören.

Foto: Christopher Mavrič


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