Die Viennale, k/ein Festival der Heiterkeit? - FALTER.maily #930

Michael Omasta
Versendet am 20.10.2022

Es ist noch keine 60 Jahre her, da trug die Viennale den schönen Titelzusatz: "Festival der Heiterkeit". Wie es dazu kam? Wer weiß! Auf dem Programm standen unter anderem Filme so berüchtigter Schenkelklopfer wie Ingmar Bergman oder Akira Kurosawa; allenfalls der Besuch des alten Groucho Marx (1965) mag dem seinerzeitigen Motto entsprochen haben. 

Und heute? Als ich gestern das unerwartete Vergnügen hatte, in die Ö1-Sendung "Punkt eins" zur Geschichte der Viennale eingeladen zu sein (hier können Sie die Sendung nachhören), da meinte ein Hörer sinngemäß, er schätze Wiens internationales Filmfestival seit vielen Jahren, bedauere es jedoch, dass man dort nicht mehr lachen dürfe.

Eine interessante Beobachtung. Man muss ihr nicht unbedingt zustimmen, um sich Gedanken darüber zu machen, was damit gemeint sein könnte. Denn natürlich gibt es nach wie vor lustige Filme im Viennale-Programm – man denke an die Skurrilitäten eines Quentin Dupieux oder die Genre-Paraphrasen eines Michel Hazanavicius –, doch streng genommen gehört das "lustig" so geschrieben, unter Anführungszeichen nämlich, denn genau so wollen diese Filme ja verstanden werden: Sagen wir, das Hipster-Lachen hat dem Schenkelklopfen irgendwann den Rang abgelaufen. 

Nicht, dass das schlecht wäre, wohlgemerkt. Außerdem hat es bei der Viennale auch später immer wieder Momente genuiner Comedy gegeben. Dabei denke ich nicht nur an Retrospektiven, wie die 2013 von Jerry Lewis (genial) oder an den Auftritt im selben Jahr von Will Ferrell im Gartenbaukino (der mindestens so unterhaltsam war wie seine anschließend gezeigte Komödie "Anchorman – The Legend of Ron Burgundy"), sondern auch an die diesjährige kleine Hommage an Elaine May, Queen of Comedy der 1970er.

Ein anderes Highlight – und damit ist diese Anekdote einmal aufgeschrieben – geht auf das Jahr 1989 zurück, die erste Viennale, die ich beruflich wahrgenommen habe. Es war, wie sich später erwies, das letzte Festival unter der Direktion von Helmuth Dimko, eines so geschätzten wie verdienten Kritikers und bekannt als Mitbegründer der legendären TV-Kinosendung "Apropos Film". Die größeren Filme in diesem Jahr wurden im Volkstheater aufgeführt, so auch "The Naked Gun" von Jim Abrahams und den Zucker-Brüdern, im Klamauk damals State of the Art. 

Und auf die Bühne trat, man traute seinen Augen kaum, der Star des Films, Leslie Nielsen. Den Witz, der seinen Auftritt begleitete, hatte er vermutlich schon 137mal gebracht: "Hi, I’m Leslie Nielsen – I’m not the man from Nielsen" (die Company, die in den USA die TV-Zuschauerzahlen misst). Was die gestresste Simultandolmetscherin-on-Stage elegant mit "Hallo, ich bin der Mann vom Nielsen-Test" übersetzte… Ich glaube, Mr. Nielsen war ehrlich überrascht, wie gut sein kleiner Scherz beim Wiener Publikum ankam. 

Die aktuelle Viennale – es ist die 60. Ausgabe – findet bis 1. November im Gartenbaukino, dem Metro Kinokulturhaus, der Urania, dem Stadtkino im Künstlerhaus und dem Österreichischen Filmmuseum statt. Eröffnet wird in diesen Minuten (20.10., 19 Uhr) mit der italienisch-österreichischen Produktion "Vera" von Tizza Covi und Rainer Frimmel.

Ach ja, und sollte Ihnen der Sinn nach Heiterem stehen, dann hat die Viennale natürlich auch heuer ein paar sehr sehenswerte, ganz unterschiedliche "Komödien" im Programm – "Gigi la legge" von Alessandro Comodin (schwarz), "Coupez!" von Hazanavicius (deftig), "Incroyable mais vrai" von Dupieux (absurd), der Kurzfilm "Potemkinistii" von Radu Jude (gewitzt) oder "Saving Some Random Insignificant Stories" von Anna Vasof (tragikomisch).

Michael Omasta

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"Sie rührte sich nicht vom Fleck, verstellte ihm den Weg und musterte ihn von oben bis unten. Mit dem Blick eines Mannes, der eine Frau musterte, nicht umgekehrt. Sie hatte schmale geschwungene Augen, lange goldbraune Wimpern und rotgolden flammendes, schulterlanges Haar. Ihr Teint schimmerte bernsteinfarben. Sie hatte sehr viel Lippenstift aufgelegt. Ihr Mund war glutrot, aufreizend, geschminkt, um gesehen zu werden. Ihre Garderobe war schlicht. Sie trug ein gut sitzendes, streng wirkendes Kostüm, das jedoch ihre Brüste betonte, die geschwungenen Hüften. Sie war nicht eigentlich schön, ihr Gesicht war zu schmal, um schön zu sein, aber sie war umwerfend. Wie ein Trottel stand er vor ihr und starrte sie an."

So beschreibt Dorothy B. Hughes (1904–1993), überragende Autorin der Hard-Boiled-Schule, die erste Begegnung von Laurel Gray und Dix Steele, einem der abgründigsten Charaktere der US-amerikanischen Kriminalliteratur. Ihr Roman "In a Lonely Place" von 1947 ist die schonungslose Studie eines psychopathischen Weltkriegsveteranen in Hollywood. Kein Wunder, dass er nach Erscheinen sofort verfilmt wurde, die Hauptrollen spielten Humphrey Bogart und Gloria Grahame. "Ein einsamer Ort" wurde kürzlich, von Gregor Runge neu übersetzt, im Zürcher Verlag Atrium aufgelegt. 

Russland zerstört die zivile Infrastruktur der Ukraine. Sind Sanktionen und Waffenlieferungen die richtige Antwort? Darüber diskutieren Irina Scherbakowa (Mitbegründerin der russischen NGP 'Memorial'), der Vizepräsident des EU-Parlaments, Othmar Karas (ÖVP), Nationalratsabgeordneter Christoph Matznetter (SPÖ), Misha Glenny vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen und FALTER-Journalistin Barbara Tóth im FALTER-Talk mit Raimund Löw.

Die Gesprächsrunde können Sie auch im Fernsehen mitverfolgen und zwar gleich heute um 19&23h auf W24. Ab morgen früh finden Sie die Sendung auch hier auf unserem Youtube-Channel.

In der neuen Folge des FALTER-Buchpodcasts ist der Schriftsteller Dominik Barta mit seinem Roman "Tür an Tür" bei Petra Hartlieb zu Gast. Barta spricht unter anderem über die feine Beziehungsbande, die im Großstadtdschungel geknüpft werden, und seine Faszination für die Möglichkeit urbaner Koexistenz.

Bevor Dominik Barta zum Abschluss der Sendung einen Auszug aus seinem Buch vorliest, stellt Ihnen FALTER-Literaturkritiker Klaus Nüchtern noch zwei Bücher aus der aktuellen Buchbeilage vor.

Biografie einer TV-Legende

FALTER-Redakteurin Stefanie Panzenböck veröffentlicht mit Die Spira die erste Biografie über Elizabeth Toni Spira.

Die legendäre TV-Journalistin hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der Bevölkerung lieb war. Die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie dokumentiert über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher:innen und gewährt dunkle Einblicke in die Wiener Seele.

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