Wenn der Ultra zweimal klingelt - FALTER.maily #937

Lukas Matzinger
Versendet am 30.10.2022

Ein Donnerstag in Favoriten, schöner Herbst. 1000 fußballinteressierte Polen nehmen den Reumannplatz in Beschlag, schreien Chorale und schießen Böller. Für ihren ungestörten Gang Richtung Sportplatz sind Straßensperren, hunderte Polizisten samt Hubschrauber und Wasserwerfern abgestellt.

Für das Conference-League-Spiel gegen die Austria Wien hat der Block von Lech Posen ein Transparent des berittenen polnischen Königs Johann III. Sobieski gemalt. Es war einer der Ihren, wollen sie den Favoritnern sagen, der die Wiener 1683 von den Türken befreit hatte. Darunter stand "Verteidiger des Glaubens". Das Spiel endete 1:1 und mit drei Festnahmen wegen aggressiven Verhaltens, Widerstands gegen die Staatsgewalt und eines tätlichen Angriffs auf einen Beamten.

Warum das bei der Polizei unter "positiver Einsatzverlauf" läuft, erklärt derselbe Abend in Graz: Zum Europa-League-Spiel gegen Sturm waren 2000 Fans von Feyenoord Rotterdam gereist. Zum Warmwerden haben die Niederländer den Hauptplatz entzündet, und zum Abschied zerstört, was sie vom Auswärtssektor in die Finger bekamen: Pissoirs und Waschbecken zerschlagen, Heizkörper und Türen ausgerissen. Das Spiel endete 1:0.

Fußball ist das geliebteste und geldigste Spiel der Welt, er begründet Kultur, Identität und ist für viele Lebenssinn. Die Fanmassen geben dieser Sportart fast übernatürliche Bedeutung, eine aufopfernde Subkultur pilgert in Bussen, denkt sich Heiligenbilder, Kirchenlieder und Rituale aus.

Ihretwegen ist die Gesellschaft übereingekommen, dass es völlig okay ist, wenn jede Woche Tausende durch Straßen ziehen, das übrige öffentliche Leben bremsen und massenweise Staatsgewalt binden. Leider neigt jene Bekenntnisgemeinde auch dazu, ihre paar kriegerisch-anarchischen Sünder zu tolerieren, mitunter zu heroisieren. Meldungen von Brandschatzungen und Randalen, Verhafteten und Verletzten bei Fußballspielen hauen wirklich gar keinem mehr die Lesebrille runter.

Es gibt nur eine Erklärung für die allgemeine Akzeptanz solcher kollateraler Fußballschäden: Dass der Trieb um dieses Spiel in der friedliebenden Moderne ein regulierender Kanal sein kann. Dass der Abfluss von Wut und Gewalt in die abgeschiedene Fußballwelt also ersatzweisen Schaden von der echten Welt abwendet. Vielleicht garantiert eine Enthemmung bei der Nebensache erst den geordneten Fortlauf der Hauptsachen im Leben.

Lukas Matzinger

Den Grund für den Frust der Feyenoord-Fans sehen Sie hier. Sturm Graz hat gegen den niederländischen Favoriten ganz spät das 1:0 geschossen, und in jener Sekunde zum ersten Mal wieder an die goldenen Europacupzeit vor 20 Jahren erinnert. Das Stadion hob fast ab.

Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich wegen der Wirkung auf mein limbisches System davon aus, dass die US-Weltmusik-Indierock-Band Beirut dieses Lied für mich gemacht hat. Ähnliche Stile hatte übrigens der verstorbene und etwas vergessene Liedermacher Emitt Rhodes schon vor 50 Jahren.

Im FALTER Radio finden Sie derzeit gleich zwei neue Sendungen: Hier referiert die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak über Krisenkommunikation und Sprache in Zeiten des Krieges, hier sprechen eine Handvoll kluger Menschen darüber, warum Macht, die absolut ist, zerstörerisch wirkt.

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