Ceci n'est pas un Basquiat - FALTER.maily #939

Matthias Dusini
Versendet am 02.11.2022

Vielleicht war es ja wieder nur ein Märchen von André Heller und der Kurier-Kulturjournalist Thomas Trenkler ist darauf reingefallen. So wie die Legende, wonach ein von Heller gezimmerter und auf der Kunstmesse Tefaf angepriesener Besenstiel-Rahmen vom Weltkünstler Jean-Michel Basquiat sei. Eine erfundene Geschichte, die ihm nun große Probleme bereitet, weil Heller unter Fälschungsverdacht steht.

Vielleicht meint es Heller aber auch ernst. Der Impresario ließ über den Journalisten Trenkler verlauten, er behalte sich eine Klage gegen den FALTER vor. Die Geschichte, die wir heute publiziert haben, sei nämlich falsch. Ähnlich tönt auch Thomas Höhne, Hellers Anwalt.

Das ist bemerkenswert, denn vergangenen Sonntag, als ich meine Titelgeschichte fertiggestellt hatte, baten Hellers Anwälte darum, die Story vorab gegenlesen zu dürfen. Normalerweise lehnen wir solche Ansinnen ab. 

Wir stimmten aber zu, wir spielen mit offenen Karten. Aber unter der Bedingung gegenseitigen Stillschweigens. Falls Hellers Anwälte in dem Text Fehler entdecken, könnten wir diese noch bereinigen. Wir wollten andererseits nicht, dass Heller unsere Recherchen vor Erscheinen des FALTER öffentlich kommentiert. 

Ich fuhr also an einem nebeligen Sonntagabend zum Schloss Wilheminenberg. Dort warteten im Café bereits Anwalt Thomas Höhne und dessen Kollegin Sabine Rudas-Tschinkel, die mir als die mit dem Fall Heller betraute Kollegin vorgestellt wurde.

Die Anwälte lasen meine Recherche, während im Hintergrund die letzten Tagesgäste ihren Tee schlürften. Die freundlichen Juristen hatten nur zwei Einwände. Wir sollten das Wort Betrug aus dem Text nehmen, denn das sei der Sache nicht angemessen. Und von "krimineller Energie" könne keine Rede sein. Da strafrechtliche Bewertungen der Justiz obliegen, spekulierten wir auch nicht darüber, ob Heller einen Betrug begangen habe. 

Nach dem Treffen schrieb ich noch ein Mail an die Kanzlei: „Sehr geehrter Herr Höhne, vielen Dank für das konstruktive Gespräch. Ich fasse zusammen: Herr Heller hat heute das Interview autorisiert. Gegen die Recherche selbst haben Sie keine Einwände." Und Thomas Höhne antwortete: "Ich danke auch für das angenehme Gespräch und überhaupt für die Möglichkeit, den Beitrag einsehen zu können. Wie gesagt – das Wort 'Betrug', auch wenn das Wort 'möglicher' davorsteht, halte ich vom Sachverhalt nicht für gedeckt." Die Anwälte nickten also die Geschichte ab. Kurz vor Redaktionsschluss am Montag Mittag feilten wir noch an einigen Zitaten. 

Nun aber macht Heller eine Kehrtwendung und droht mit Klage. 

Aber vielleicht ist das ja Teil eines Spektakels zwischen Dichtung und Wahrheit, Fälschung und Original. Der FALTER sieht einer Klage jedenfalls gelassen entgegen.

Matthias Dusini

Falls Ihnen die Causa bisher entgangen ist: Hier können Sie nachlesen, wie ein Heller-Rahmen als Werk von Jean-Michel Basquiat auf einer der wichtigsten Kunstmessen der Welt landete, wie er den Rahmen um €800.000 an den Mann brachte und ihn schließlich wieder zurückkaufte. Hier können Sie das Interview nachlesen, in dem André Heller seine Sicht der Dinge darlegt.

Was Sie sonst diese Woche im FALTER lesen: Das Finanzministerium hat die Technik des Postenschachers perfektioniert. Und damit auch nach dem Abgang von Thomas Schmid offenbar nicht aufgehört, wie Eva Konzett hier recherchiert hat.

Die Wiener Zeitung gesellt sich bald zur Riege der Wochenzeitungen – unfreiwillig, wohlgemerkt. Die Regierung steckt Millionen in die Zukunft der Wiener Zeitung und besiegelt ausgerechnet damit ihr Ende als gedruckte Tageszeitung. Warum die Millionen nicht in den Journalismus, sondern in eine "Content Agentur" fließen und was das überhaupt sein soll, hat Josef Redl für den aktuellen FALTER aufgeschrieben.

Ab 6. November diskutieren Politikerinnen und Politiker auf der 27. Klimakonferenz über Lösungen für die Klimakrise, diesmal ohne Greta Thunberg, die die Konferenz ohne die Möglichkeit öffentlicher Mobilisierung (die COP findet in Ägypten statt) für wenig mehr als "Greenwashing" hält. Lösungen werden dennoch weltweit dringend benötigt, wie ein Besuch von Katharina Kropshofer im Senegal zeigt, wo Meeresspiegelanstieg, Umweltverschmutzung und leergefischte Gewässer das Leben schon heute schwer machen.

Unsere Kultur- und Programmbeilage hat einen Interview-Doppelpack geschnürt: In der Titelgeschichte reflektiert der österreichische Rockstar und Allroundkünstler Austrofred höchst unterhaltsam über die Themen unserer Zeit, und die deutsche Schauspielerin und Produzentin Saralisa Volm sorgt anlässlich ihres Regiedebüts "Schweigend steht der Wald" für Gruselmomente. Die Bildstrecke "Leuchtkasten" bereist mit dem Fotokünstler Gregor Sailer "ungesehene Orte", und die vielen Tipps und Kritiken im hinteren Heftteil helfen wie gewohnt, durch eine üppige Veranstaltungswoche zu navigieren.

In der neuen Episode von "Scheuba fragt nach..." berichtet der Kabarettist über die ÖVP-interne Neu-Definition des Begriffs "Kurz-Zeit-Gedächtnis" und Wolfgang Fellners Pechsträhne im Umgang mit "Verwanzten". Mit dem profil-Investigativ-Journalisten Stefan Melichar spricht er über den bevorstehenden Auftritt Thomas Schmids vor dem Untersuchungsausschuss. Hier können Sie die ganze Sendung anhören!

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