Mein Leben mit André - FALTER.maily #944

Klaus Nüchtern
Versendet am 08.11.2022

Ich bin André Heller nie begegnet, gehöre zu den wenigen Journalisten, die weder nach Marokko eingeflogen wurden, um den Garten zu bewundern, den er „mitentworfen“ hat (wie so vieles), noch je auf eine Tasse Tee in seine Wiener Wohnung eingeladen waren, in der – wie man hört und gelegentlich im Fernsehen sehen kann – viel wertvolle Kunst von Hellers berühmten Freunden und nicht ganz so berühmten, aber begabten Völkern hängt und steht.

Einmal habe ich es halbherzig doch versucht und aus Anlass von Hellers 60. Geburtstag um ein Interview mit dem Meister angesucht, das dann aber nicht stattfand, weil es bereits exklusiv dessen damals für Profil tätigen Bio- und Hagiografen zugesagt worden war. „Passt doch“, dachte ich mir, was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden und vice versa.

Dennoch verfolge ich Hellers Schaffen seit über vierzig Jahren, und werde von diesem verfolgt. Es geht ja gar nicht anders, man kommt ihm nicht aus. Eine Zeit lang war ich sogar Fan, denn zu der hauptsächlich klassik-orientierten Plattensammlung meiner Eltern gehörte auch Hellers LP „Basta“ (1978), auf der sich wiederum die Nummer „Emigrantenlied“ fand und dessen Refrain – „Misstraue der Idylle / Sie ist ein Mörderstück / Schlägst du dich auf ihre Seite / Schlägt sie dich zurück!“ – hatte ich immer und immer wieder vor mich hergelallt, als ich nach der Maturafeier komatös besoffen nach Hause wankte. Als meine Mutti das Ausmaß des ganzen Malheurs an meinem einst weißen Leinenanzug unschwer ablesen konnte, war sie entsetzt: So hatte sie mich nicht erzogen! Sie ließ mich meinen Rausch aber dennoch ausschlafen.

Wie Hellers Mutter ihren Franzl oder Francis Charles Georges Jean André, wie er geburtsurkundlich heißt, erzogen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich aber hatte sie, wie so viele Mütter, „nur das Beste“ gewollt, was gerade bei Künstler:innen entsetzlich schief gehen kann, wie man von Elfriede Jelinek weiß. Offenbar haben Elisabeth und Stephan Heller ihren Sohn aber wie einen Erwachsenen behandelt und nicht wie das Kind, das er war; weswegen sich André/Franz über Jahrzehnte abmühte, diesen pädagogischen Lapsus an sich selbst exorzieren, was ihm irgendwann gelungen sein dürfte – zumindest legt das der Titel der (leider auch verfilmten) Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, nahe.

Es wird also niemand überraschen, dass der ewig junge, der ewige Bub André Heller auch im fortgeschrittenen „Mannesalter“ immer wieder zu „kindischen Streichen“ aufgelegt war. Ebensowenig wird man sich aber darüber wundern, dass diese in der Erwachsenenwelt niemand mehr drollig oder lustig findet. Wenn André Heller Nägel in einen Besenstiel hämmert, daraus einen Rahmen für ein (echtes) Bild des berühmten Malers Jean-Michel Basquiat (1960–1988) bastelt und dann um (kolportierte) 800.000 Dollar vercheckt, darf man wohl davon ausgehen, dass damit vorsätzlich „der Anschein von Urheberschaft“ erweckt werden sollte. In der Alltagssprache der Erwachsenenwelt würde man vielleicht von „mutmaßlichem Betrug“ sprechen, bei Heller ist es „ein kindischer Streich“, „eine Angeberei“, „eine dumme Mischung aus Dichtung und Wahrheit“.

Auf die Frage nach Intention, Wesen und Zweck dieses „Streiches“ erzählte Heller im Falter-Interview Matthias Dusini eine Schnurre von anno dunnemals, als er sich mit Leuten wie Helmut Qualtinger und HC Artmann irgendwas ausgedacht hat, was die Beteiligten „private Märchen“ nannten. Was der Schüler Heller seinerzeit im Hawelka geplauscht und getrieben hat, ist für die Sache mit dem vermeintlichen Basquiat-Rahmen so aufschlussreich und relevant wie der Hinweis eines Safeknackers, dass ihm ein Schulkollege einmal ein Packl Tschick gefladert habe – gar nicht.

Ich bin kein Jurist, kann und mag mich zu der Frage, ob Hellers „Streich“ von etwaiger strafrechtlicher Relevanz sei, nicht äußern (anscheinend nicht). Was mich indes – ja doch! – aufregt, ist die ewiggleiche anti-egalitäre Botschaft, die uns André Heller mit seiner Anekdote wieder einmal andrehen möchte: „Von Kindesbeinen wandelte ich unter Genies und Größen wie Artmann und Qualtinger, für mich gelten andere Maßstäbe als jene, die man an stoffwechselnde und Steuer zahlende Durchschnittstrotteln anlegen mag und muss."

Am Anfang meines Lebens mit André Heller steht eine Fernsehsendung, in der Schriftsteller, Künstler, Prominente dem Publikum Hinweise gaben, aufgrund derer dieses die gesuchte Person erraten sollte. Einmal war Georg Büchner gefragt. Ein andermal stellte André Heller eine Person vor, von der er meinte, dass sie zugleich „mein bester Freund und größter Feind“ sei. Der Gesuchte war, Sie haben es erraten: André Heller.

Heller, der Poet und Chansonier, der Tausendsassa, Gschichtldrucker, Schmähbruder und Schwindelprinz hat sich stets nur für sich selbst interessiert, seine schier grenzenlose Selbstverliebtheit aber durch die ungedeckte Behauptung zu camouflieren gesucht, diese fiele ihm unendlich schwer. Zugleich geriert er sich als jemand, der über den prosaischen Niederungen des Alltags schwebt. Er ist nicht von dieser Welt – es sei denn, es geht um’s Geld. Da schaut er dann schon rechtzeitig drauf, dass er wenig genug davon ausgibt, damit die Gewinnspannen später satt genug ausfallen.

Wenn es sein muss, erweist sich der weltfremde Luftmensch als veritabler Strippenzieher, der die Pferdchen ins Rennen schickt, damit er seine Schäfchen ins Trockene bringt (Sie verzeihen den Metaphersalat, aber es geht um André Heller!). Als im Jahr 2016 Hellers Roman „Das Buch vom Süden“, erschien, trug sich bereits Monate vor dessen Erscheinen ein bekannter Journalist, Publizist und Historiker an, das Buch für den Falter zu besprechen. Der Mann, wir wollen ihn Peter Huemer nennen, hatte meines Erinnerns davor noch nie etwas für uns geschrieben (ich mag mich irren), jedenfalls keine Belletristik rezensiert. Den Braten riechend gab ich abschlägig Bescheid und beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Wie viele, wenn auch nicht alle Kritiker:innen des deutschsprachigen Feuilletons habe ich Hellers unsäglich kitschigen und selbstgefälligen Roman verrissen. Einer hingegen hielt besonders beherzt dagegen: Der Literaturkritiker Ulrich Weinzierl. Weinzierl war es, der Hellers Buch protegiert und an jenen Verlag vermittelt hatte, in dem auch seine eigenen Bücher erschienen waren. Das disqualifizierte ihn allen Regeln dessen zufolge, was man früher einmal „Anstand“ nannte und was heute unter dem Begriff „Compliance“ läuft, als Heller-Rezensenten. Weinzierl freilich genierte das wenig. Er schüttete sein Herz nicht nur in der Zeit aus, sondern machte sich darüber hinaus anheischig, eine Art „Gegengutachten“ zu meiner Besprechung im Falter zu veröffentlichen. Weinzierls Begehren wurde stattgegeben (fragen Sie mich nicht, warum). Dieses ungewöhnliche Pro & Con finden Sie hier und hier, eine ausführliche und fundiert recherchierte Kommentierung dieser „Literaturbetriebsposse“ haben seinerzeit sowohl Sandra Kegel in der FAZ als auch Daniela Strigl im Volltext beigesteuert. Ich selbst aber möchte die mir bis zu meiner Pensionierung verbleibenden Jahre ab sofort ohne André Heller zubringen. Baba, und foi ned!

Klaus Nüchtern

Das letzte Fest mit Himmelblau

Wenn aus Nähe plötzlich unendliche Ferne wird, sollen Sie sich auf die Trauer konzentrieren können. Bestattung Himmelblau übernimmt alles Organisatorische, das ein Todesfall mit sich bringt. Durch jahrelange Erfahrung und perfekte Vorbereitung gehört der Tag des Abschieds ganz Verstorbenen und Hinterbliebenen. Wir bleiben im Hintergrund, um gerade dadurch ganz für Sie da zu sein. Für uns geht es nicht um den Tod, sondern um den Menschen. Weil jeder Abschied einmalig ist.

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10 x in Wien in Ihrer Nähe

„Mein Essen mit André", Louis Malles Film von 1981, ist ein Klassiker des Kammerspielkinos. Er handelt ausschließlich von einem Abend, an dem sich Wally (Wallace Shawn) und André (André Gregory) in einem Restaurant zum Essen treffen und über Gott und die Welt plaudern. Mit André Heller hat der Film meines Wissens nichts zu tun, aber man darf sicher sein, dass er von den Mitwirkenden und Beteiligten allenfalls zwei Handschläge weit entfernt ist.

Sie haben auch dieses Amazon Primetime-Abo und wollen es jetzt endlich einmal nutzen?! Tun Sie es bitte nicht, indem Sie sich durch die Mini-Serie „The Devil’s Hour" quälen (auch nicht dann, wenn Sie, so wie ich, ein Verehrer des großartigen, hörbar aus Glasgow stammenden Schauspielers Pete Capaldi sind). Selbst Mystery-Thriller müssen über einen Plot verfügen, der irgendeiner und sei’s noch so wirren und weirden Logik folgt. „The Devil’s Hour" aber ist einfach nur komplett gaga.

Seit Wochen weist Michael Omasta darauf hin, dass es sich bei Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung „Verlorene Illusionen" um einen Film des Jahres handelt. Recht hat er! Und im Vergleich mit dem Ausmaß an Boshaftigkeit und Opportunismus, den die Protagonisten dieses bitterbösen Gesellschafts- und Epochenporträts an den Tag legen, ist André Heller tatsächlich ein Waserl. Darüber hinaus empfehle ich – sollten Sie das nicht ohnedies längst getan haben –, Omastas Kino-Newsletter zu abonnieren.

Alfred Hitchcocks „Spellbound" (1945) mit Ingrid Bergman und Gregory Peck zählt zu den ersten Auseinandersetzungen Hollywoods mit der Psychoanalyse und ist u.a. für seine von Salvador Dalí gestaltete Traumsequenz und die oscar-prämierte Musik von Miklós Rózsa berühmt. Der Film wird am kommenden Samstag, den 12.11. im Rahmen der diesjäh Sigmund Freud Vorlesung im Metro-Kino gezeigt, danach wird der Analytiker, Psychiater und Publizist Rainer Gross einen Vortrag zu „Spellbound" und darüber halten, wie der Film die Rezeption der Psychoanalyse in den USA beeinflusst hat.

Mit dem aus dem oberschlesischen Groß Döbern (heute: Dobrzeń Wielki) gebürtigen Gerd Dudek ist vor wenigen Tagen ein „unsung heroe" des Tenorsaxofons im Alter von 84 Jahren verstorben. Dudek absolvierte seine Lehre in der deutschen Bigband-Formation der Nachkriegszeit, dem Orchester von Kurt Edelhagen und wurde in den 1970ern zu einem wichtigen Protagonisten der deutschen Jazzavantgarde und des Modern Mainstream. Wer sich einen Eindruck von Dudeks hammermäßigen Sound und dessen erschütternder emotionaler Tiefe verschaffen möchte, möge sich das Solo anhören, das er auf der Single von Alexander Schlippenbachs Globe Unity Orchestra (FMP, 1975) über Gordon Jenkins, (durch Benny Goodmann bekannt gemachte) „Goodbye" spielt. Goodbye, Gerd Dudek.

Vor zwei Stunden erschien der aktuelle FALTER. Darin befasst sich Matthias Dusini abermals mit André Heller. Dem Falter liegen Informationen vor, dass sein Themenpark "Luna Luna" noch im November in den USA verkauft werden soll. Seinen Text lesen Sie hier.

Am Cover findet sich eine Geschichte über die urlaubenden Chefredakteure Matthias Schrom und Rainer Nowak. Barbara Tóth und Josef Redl stellen dazu die Frage: Woran krankt der Politik-Journalismus?

Schon klar, allzu viel gibt es dieser Tage nicht zu lachen. Wer nach einer kurzen Auszeit von Klimakrise, Krieg und Corona sucht, wird in unserer Kultur- und Programmbeilage fündig: Unter dem Motto „Neun auf einen Streich“ empfehlen wir Ihnen die acht leiwandsten Programme im Wiener Kabarettherbst und zum Drüberstreuen noch einen Konzertbesuch bei Christoph & Lollo: Das humoristische Musikduo geht noch einmal mit seinen alten „Schispringerlieder“ auf Tournee und verrät im Gespräch, wie es dazu kommt. Dazu wie immer alle Veranstaltungstermine der Woche, ergänzt Empfehlungen der Redaktion sowie Rezensionen aktueller Kinofilme, Kunstausstellungen, Kabarett- und Theateraufführungen.


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