Miley - FALTER.maily #949

Gerhard Stöger
Versendet am 14.11.2022

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die hängen bleiben. Ich weiß etwa noch genau, wie ich meiner damals siebenjährigen Tochter 2009 eines Abends im Wohnzimmer eine gerade neu erschienene CD der US-amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus gegeben habe. Fernseher gab es bei uns keinen, also wusste meine Tochter nichts von Hannah Montana, jener TV-Figur, die Cyrus im Disney-Imperium so erfolgreich verkörperte. Aber ich dachte mir: Hey, Kinder mögen Miley, vielleicht findet die CD, die ich unaufgefordert zugeschickt bekommen hatte, so ja Verwendung.

"Ist das eine Musik, die dir gefällt und die du für die Arbeit hörst?", fragte meine Tochter neugierig. Ich aber lachte mit der Arroganz des Musiknerds und antwortete "Nein, echt nicht, aber vielleicht gefällt sie ja dir?"

Gerhard, du Depp, dachte ich mir schon kurze Zeit später. Denn was sollte sie von diesem vergifteten Geschenk denn halten? Gefällt ihr die Musik, fühlt sie sich womöglich unbehaglich damit. Und warum überhaupt etwas hören, das Papa brüsk ablehnt, wo doch die ganze Wohnung vollgestopft ist mit Musik, die er offenbar schon gut findet? Will er etwa sagen, dass für sie gut sei, worüber er nur lachen kann?

Das Pop-Trauma blieb glücklicherweise aus, mich hat die Geschichte in der Folge eindeutig mehr beschäftigt als meine Tochter. Die Miley-CD stand lange ungehört in ihrem Zimmer, irgendwann hat sie sie beim Aufräumen ausgemistet – und ich stellte sie mir kleinlaut in die Sammlung, inzwischen längst zum Fan konvertiert.

Rund um das großartige Album "Bangerz" hielt ich 2013 allerlei flammende Rede auf die künstlerische Kraft der US-Popsängerin und die emanzipatorische Bedeutung ihres in der Öffentlichkeit vollzogenen Bruchs mit dem aseptischen Teenager-Mädchen-Image. Meine zu diesem Zeitpunkt elfjährige Tochter allerdings erklärte mir, dass Miley Cyrus nur ein armes, ausgebeutetes Opfer eines bösen Medienkonzerns sei und als Identifikationsfigur für Mädchen eigentlich vor allem eines: problematisch. Sie hätten sich da in der Schule ausführlicher damit beschäftigt.

Ich erklärte ihr, dass nicht jeder Kinderstar immer ein geknechtetes Opfer und das öffentlich vollzogene Erwachsenwerden ungemein spannend sei; dass nackte Haut nicht zwangsläufig Ausbeutung und ein Bedienen des männlichen Blicks bedeute – und dass Feminismus respektive feministische Kritik durchaus unterschiedliche Gesichter haben kann. Eben auch solche, die ihrer zweifelsohne coolen, aber in einer anderen Ära sozialisierten Lehrerin eventuell nicht mehr ganz geläufig waren.

Das Wienkonzert zur "Bangerz"-Tour hat meine Tochter trotzdem nicht interessiert, während ich in der Stadthalle begeistert weit vorne stand, wo mich eine Wasserfontäne aus Mileys Mund nur knapp verfehlte. "Beinahe hätte sie mich Miley Cyrus einmal angespuckt", erzähle ich seitdem gern, und meine Verzückung ist nicht ausschließlich gespielt.

Das Konzert war große Pop-Unterhaltungskunst, angefangen mit dem Betreten der Bühne – die Künstlerin spuckte sich kurzerhand selbst aus. Es folgte kein in dieser Dimension sonst übliches Abspulen öder Professionalität, sondern ein kunterbunter, vitaler Ausdruck der Lebensfreude; frech, görenhaft und von einer herrlichen "Scheiß da nix!"-Attitude.

In Wien war Miley seitdem nicht mehr, und wirklich überzeugendes Album hat sie seit "Bangerz" auch keines mehr veröffentlicht. Macht nichts, die Sonne geht trotzdem noch regelmäßig auf, wenn sie sich zu Wort meldet, wo und in welcher Form auch immer. Nächste Woche, am 23. November, feiert Miley Cyrus ihren 30. Geburtstag. Mehr als die Hälfte ihres Lebens wird sie dann bereits als Superstar in der Öffentlichkeit verbracht haben. Wie schön, wenn dabei so viel Platz für Individualität bleibt.

Meiner heute 20-jährigen Tochter ist sie nach wie vor egal. Ich hingegen freue mich darauf, was Miley in den nächsten 30 Jahren anstellen möge.

Schönen Abend,

Gerhard Stöger

Mein liebster Miley-Cyrus-Moment ist nicht das mehrfach codierte Video zu "Wrecking Ball" samt nacktem Schwingen auf der Abrissbirne – eine Szene, über die sich Welt 2013 ausführlich den Kopf zerbrach. Vielmehr ist das ein Live-Duett mit der US-Weirdo-Psychedelik-Indierock-Band The Flaming Lips. Miley, zu diesem Zeitpunkt einer der größten Mainstreampopstars der USA, verstecke sich bei der Coverversion des Beatles-Klassikers "A Day In The Life" unter dem wallenden Umgang des Flaming-Lips-Sängers, um nach zwei Minuten für ihren Part hervorgekrabbelt zu kommen, als entrückte Popprinzessin im lustigen Glitzeroutfit.

Das legendäre Album "Keine Macht für niemand" der linken deutschen Rockband Ton Steine Scherben ist soeben 50 Jahre alt geworden. Eine wunderbar facettenreiche Graphic Novel, erschienen im Mainzer Ventil Verlag, übersetzt den einstigen Soundtrack zu Häuserkampf, Großdemo und Traum von einer gerechteren Welt in hübsche kurze Comicstrips. Mehr dazu im aktuellen FALTER.

Der deutsche Musiker, Popjournalist und Autor Kristof Schreuf ist überraschend in Berlin verstorben, er wurde nur 59 Jahre alt. Mit seiner Band Kolossale Jugend bereitete er um 1990 den Boden für den Erfolg von Schlaumeier-Popbands wie Blumfeld und Tocotronic, mit seiner kurzlebigen zweiten Band Brüllen setzte er das Werk später fort, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch sein 2010 erschienenes einziges Soloalbum "Bourgeois With Guitar" mit akustischen Coverversionen von Rock- und Popklassikern blieb ein Geheimtipp. Der Sänger und Gitarrist war ein Freund der Maximalforderung, "Zerschlagt nicht Gitarren, sondern Gitarristen" stand auf den Bandshirts von Brüllen. Hören Sie im Gedenken an Kristof Schreuf "Bessere Zeiten" und "Alles Feind" von Kolossale Jugend, "Laufe Blau" und "Es ist so still" von Brüllen, seine Aneignungen des Iggy-Pop-Klassikers "Search And Destroy" und von AC/DCs "Let There Be Rock" – sowie, eine letzte Coverversion, den Songmonolith "Heaven" in der Version von Kolossale Jugend.

100 JAHRE OSKAR WERNER

Ausstellung bis 29.1.2023

»Mit dem Theater bin ich verheiratet, der Film ist meine Geliebte«, beschreibt Werner einmal sein Verhältnis zum Kino.

Eine Liebe, die in seinem Publikum bis heute weiterbrennt. Feiern Sie gemeinsam mit dem Filmarchiv Austria den 100. Geburtstag des Jahrhundertküstlers Oskar Werner im METRO Kinokulturhaus.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!