Wiener an der Front - FALTER.maily #950

Florian Klenk
Versendet am 15.11.2022

Vergangene Woche besuchte ich Fabian Reicher, der junge Sozialarbeiter arbeitet für die Beratungsstelle Extremismus in Wien. Vor kurzen legte er mit der Journalistin Anja Melzer ein exzellentes Buch über die "Wütenden" vor; Dschihadisten, denen Reicher beim Ausstieg aus der Szene hilft.

Reicher erzählte mir, dass viele der Jugendlichen, die in Wien wegen Terrorismus verurteilt worden waren, Tschetschenen sind. Sie wurden nach Russland abgeschoben.

Man muss jetzt kurz innehalten und definieren, was in Österreich unter den Terrorparagrafen fällt. Nicht nur das Morden und Köpfen und Bombenlegen, sondern auch jeder "psychologische Tatbeitrag". Die Judikatur ist streng. Wenn Jugendliche in Chatgruppen Enthauptungsvideos teilen oder Propaganda an die Freundinnen schicken, dann kann monatelange Haft drohen, bei einschlägigen Vorstrafen – etwa Raub oder Raufereien im Park – auch mehr. Dazu kommen die Aberkennung von Asyl und die Ausweisung aus der Heimat Wien. Und zwar nach Tschetschenien.

Nein, man muss kein Mitleid haben, aber man sollte wissen, was nach den Abschiebungen geschieht. Reicher und sein tschetschenisch-stämmiger Mitarbeiter erzählten mir, dass Putins Statthalter, der Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow die jungen Männer an die ukrainische Front schicke. Die abgeschobenen Jugendlichen aus Wien sind Putins Kanonenfutter.

Reicher zeigte mir am Handy Videos aus einem Lager in Dagestan. Hunderte junge Burschen, manche noch ohne Bartwuchs, mussten dort einrücken. Sie bekamen eine Uniform und 30 Schuss Munition. Dann ging es an die Front, etwa nach Mariupol.

Der tschetschenische Mitarbeiter Reichers chattete mit einigen dieser Jugendlichen. Sie schrieben ihm, dass sie zum Töten gezwungen werden, aber es nicht übers Herz bringen. Irgendwann, bei Betreten der Ukraine, riss der Chat-Kontakt zu einem in Wien sozialisierten Soldaten ab, erzählt Reicher. Wer noch nicht an der Front steht, versteckt sich aus Todesangst vor Kadyrows Leuten, flüchtet über Georgien, die Türkei und Bosnien in den Westen – in der Hoffnung auf Schutz.

Was Reicher sagen will: Einige der jungen Männer, die da gerade an der ukrainischen Front sterben, sind in Wien aufgewachsen. Sie haben ihre Jugend in Wiener Parks, im Millenium-Tower und in Wiener Schulen verbracht. Sie sind auf die schiefe Bahn geraten, wurden radikalisiert, haben den Aufenthalt hier verspielt und wurden – oft samt ihren Familien – außer Landes gebracht. Zu einem verrückten Gewaltherrscher, der sie – schlecht ausgerüstet – an die Front schickt und dort sterben lässt.

Sollen uns diese jungen Burschen, die zwischen die großen Linien der Weltpolitik geraten sind egal sein? Ich gebe zu, diese ganze Geschichte überfordert mich in jeder Hinsicht. Es gibt hier kein Gut und kein Böse. Sondern nur Verlierer.

Ihr Florian Klenk

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