Der Himmel über Zagreb - FALTER.maily #951

Nina Brnada
Versendet am 16.11.2022

Es war der 10. März, Donnerstag Nacht, meine Freunde und Journalistenkollegen Ladislav Tomičić und Ivor Fuka waren am Zagreber Jarun See unterwegs, als sie am Nachthimmel einen Fallschirm entdeckten. Oder war das weiße Ding vielleicht doch ein "einsames Wölkchen", das da hoch am Himmel schwebte? Knapp darauf hörten sie das Fauchen eines Triebwerks, dann das Krachen eines Aufpralls. Es klang so, als würde das Geräusch sich nicht von der Erde ausbreiten, sondern "von oben" kommen.

Fünf Minuten zuvor waren sie an der Einschlagstelle vorbeispaziert und standen nun etwa 200 Meter davon entfernt. Was das bloß war? Die russische Invasion auf die Ukraine hatte 15 Tage zuvor begonnen; Ladislav scherzte, das sei wohl eine sowjetische Iskander-Rakete. Ivor fand, sein Freund sei paranoid. 

Die beiden setzten sich auf eine Parkbank und zündeten sich Zigaretten an. Dann näherte sich ihnen das Heulen der Polizeisirenen. 

Sie hatten noch keine Ahnung, wie viel Glück sie gehabt hatten. Sie wussten noch nicht, dass quasi neben ihnen Teile eines massiven Militärfluggeräts heruntergedonnert waren: Teile einer Fernaufklärungsdrohne vom sowjetischen Typ Tupolew M-141 – ein 15 Meter langes Trumm, mehr als fünf Tonnen schwer, das beim Aufschlag explodierte und meterbreite Krater in den Boden des Parks rund um den Jarun-See schlug.

Das Ding war über die beiden NATO-Staaten Rumänien und Ungarn bis zur kroatischen Hauptstadt gelangt. Warum es so weit flog, ist bis heute ein Rätsel. Es wurde darüber spekuliert, dass eine Namensähnlichkeit der Grund dafür sein könnte und das Teil eigentlich nicht für den Zagreber Jarun bestimmt war, sondern für das ukrainische 3000-Seelen-Dorf Yarun, rund 240 Kilometer westlich von Kiew. 

Wer diese Drohne überhaupt auf die Reise geschickt hatte, wurde nie geklärt. Es hätte sowohl russische als auch ukrainische Merkmale aufgewiesen, sagte die kroatische Staatsanwaltschaft. 

Die Sache ging glimpflich aus, es wurde niemand verletzt und die Täter blieben unbekannt. Das Beste in dieser Situation. Hätte es sich als russischer Flugkörper entpuppt, hätte das immense Konsequenzen für die NATO bedeutet, deren Mitglied Kroatien seit 2009 ist. Als Feindseligkeit gedeutet, hätte der Artikel 5 der NATO schlagend werden können, der besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein NATO-Mitglied einen Angriff gegen alle NATO-Mitglieder bedeutet. Genau diese Situation wurde bisher von den Russen immer tunlichst vermieden, denn sie würde wohl eine unkalkulierbare Antwort für Moskau nach sich ziehen. 

Gestern Abend explodierte im polnischen Dorf Przewodów eine Rakete. Artikel 5 scheint aber auch hier vom Tisch zu sein; der Westen – von Warschau bis Washington – geht inzwischen davon aus, dass es eine ukrainische Luftabwehrrakete war.

Przewodów jedenfalls hatte weniger Glück als Zagreb. Zwei Menschen verloren dort ihr Leben. Die beiden Polen sind die ersten Todesopfer außerhalb der Kampfzone von Wladimir Putins Ukrainekrieg. Mögen sie die Letzten sein.

Ihre Nina Brnada

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Die Fußball-WM in Katar steht vor der Türe. Der FALTER wird sich am größten Sündenfall des Weltfußballs nicht beteiligen; weder durch die beliebte Wuchtelwette, noch durch Berichterstattung. Acht Gründe für diese Entscheidung hat Lukas Matzinger hier für Sie aufgeschrieben.

Um Sie nicht ausschließlich mit schweren Themen in den Abend zu entlassen, sei Ihnen die FALTER.natur-Geschichte dieser Woche ans Herz gelegt: Benedikt Narodoslawsky porträtiert darin ein ziemlich cooles Tier, den Biber. Warum er nicht nur cool und süß ist, sondern auch für Probleme sorgt, lesen Sie hier.

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