Kennen sie den Couloir des Parlaments? - FALTER.maily #952

Barbara Tóth
Versendet am 17.11.2022

Wenn Anfang 2023 das Parlament am Ring nach seiner fünfjährigen Renovierung wiedereröffnet wird, dann wird eine Generation an Politikern und Journalisten erstmals einen ganz besonderen Raum kennenlernen: den Couloir. So heißt der breite Korridor hinter dem historischen Plenarsaal. Dort gibt es Bänke und Nischen zum Sitzen, von dort kann man sich in eines der fensterlosen Besprechungszimmer zurückziehen. 

Der Couloir ist ein Zwischenraum, im konkreten architektonischen, wie im übertragenen Sinn. Hier treffen sich Politik und Medien traditionell zum informellen Austausch. Hier wird hinterfragt, recherchiert und debattiert. Im Idealfall kann der Couloir das sein, was man einen "Safe Space" nennt: ein Ort, an dem alle Anwesenden frei sprechen dürfen, ohne Verrat, Häme und Sanktionen zu befürchten. 

In Zeiten der "Vertrauenskrise" in der Politik und in den Medien sind solche Couloirs wichtiger denn je. Weil man dort aufeinander zugehen und persönlich miteinander reden kann. Weil sie Verständigung abseits von Verlautbarungspressekonferenzen und Twitter-Threads und Chats ermöglichen. Weil dort alle innenpolitischen Journalistinnen und Journalisten Zugang zu allen gewählten Volksvertretern haben. Nicht nur jene, die den türkisen Spindoktoren gerade genehm sind. 

Verhaberung!, Mauschelei!, Medienmafia!, denken jetzt vielleicht einige. Aber Politiker und Journalisten brauchen diesen vertrauten und vertraulichen Couloir-Austausch, für den übrigens klare Kommunikationsregeln gelten. Off the record, on the record: Diese Klassifizierung von Informa­tionen schützt beide Seiten. Das ist etwas völlig anderes als das, was die Chats eines ORF- und eines Presse-Chefredakteurs gezeigt haben. Sie haben gemeinsame Sache gemacht, im Eigeninteresse Jobs und Inhalte abgedealt.  

Die türkisen Alternativen haben Österreich nicht weitergebracht: Strikte Message-Control aus dem Kanzleramt, "Doorsteps" mit Häppchen-Statement für Journalisten und „Foto-Möglichkeiten“ für die Kameramenschen, Maulkörbe für Abgeordnete und Hintergrundgespräche für genehme Chefjournalisten prägten die Regierungszeit Sebastian Kurz’ seit 2017.

Ebenso lange war der Couloir kaltgestellt. Im Ausweichlokal des Parlaments gab es keinen Ersatz. Die Pandemie tat ihr Übriges. Ob die Dinge anders verlaufen wären, wenn persönliche, nicht-hierarchische Räume wie der Couloir weiterexistiert hätten? 

Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) und die großen Parlamentsklubs, also SPÖ, ÖVP und FPÖ, überlegten, den Zutritt für Journalisten zu den Couloirs in Zukunft zu verbieten, die Parlamentsreporterschaft wehrte sich. Gut, dass die Couloirs jetzt doch offen bleiben.

Ihre Barbara Tóth

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