Drache und Zauberer - FALTER.maily #953

Matthias Dusini
Versendet am 18.11.2022

Die Kunstwelt zeigt sich meist von ihrer Schokoladenseite. TV-Teams berichten über Fundraising-Dinner, Zeitungen über Auktionsrekorde. Storys über erfolgreiche Künstler:innen und lohnende Investitionen vermitteln das Bild eines Reiches, in dem die Sonne nie untergeht. Fragt man genauer nach, heißt es meist: "Wir haben eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben."

Aus dieser Sphäre stammt auch ein aktueller Bericht der New York Times, der André Hellers künstlerisch gestalteten Freizeitpark „Luna Luna“ zum Thema hat. Wie der Falter letzte Woche berichtete, soll das 1987 in Hamburg gezeigte Gesamtkunstwerk renoviert und auf Tour geschickt werden. Auch die Investitionssumme von 100 Millionen Dollar und der Name eines prominenten Financiers sickerten vorab durch. Der kanadische Rapper Aubrey „Drake“ Graham, ein Superstar der Popwelt, übernimmt „Luna Luna 2022“.

Die Neuigkeit des Artikels besteht darin, dass sich das Unternehmen DreamCrew, dessen Mitinhaber Drake ist, federführend beteiligt. Dreamcrew produziert Sportdokus und Fernsehserien, etwa das HBO-Jugenddrama „Euphoria“. Der Relaunch soll eine Mischung aus historischen und neu produzierten Werken anbieten, eine Show zwischen Avantgarde und Unterhaltung. Zwei gediegene Kuratorinnen begleiten den Neustart: Kathy Noble, vormals Tate Modern, und die aus dem Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles bekannte Helen Molesworth. Das Problem an der New York Times-Geschichte ist: Sie hätte in der Form nie erscheinen dürfen.

Sie erzählt „Luna Luna“ nämlich als Märchen, das von einem Zauberer und seinem verlorenen Schatz handelt. Jahrzehntelang hätten die von Heller poduzierten Werke in einem Container geschlummert, ehe sie vom edlen Ritter Drake wachgeküsst wurden. Spätestens als der Falter vor drei Wochen über André Hellers Fälschung eines Werks von Jean-Michel Basquiat berichtete, hätte die New Yorker Redaktion sagen müssen: Die Geschichte ist zwar seit Anfang des Jahres mit einer PR-Agentur vereinbart, aber nun ist aus der glamourösen Saga eine peinliche Affäre geworden.

Zwar berichtet der Journalist Joe Coscarelli am Ende des Artikels doch von dem Rahmen-Skandal, und dass sich Heller aus seiner Beraterfunktion zurückgezogen habe. Allzu lässig übergeht der Autor jedoch die für US-amerikanische Leser:innen interessante Wendung: Ein weißer Europäer bereicherte sich posthum am künstlerischen Erbe eines schwarzen Künstlers, einer Leitfigur der Black Culture. Was Heller machte, ist cultural appropriation in verschärfter Form: Er karikierte mit dem gefakten Rahmen den „Voodoo“-Primitivismus Basquiats und machte den Übergriff auch noch zu Geld, zu 800.000 Euro. Warum hat die Times den politisch hellwachen Rap-Helden Drake nicht zum Kulturverständnis Hellers befragt? Oder zu dessen "Afrika Afrika"-Projektionen.

Auch wenn es für den Falter erfreulich ist, vom Flaggschiff des US-Journalismus zitiert zu werden, hinterlässt „How Drake’s $100 Million Bet Saved the Long-Lost“ einen schalen Beigeschmack. Die Redaktion warf die Prinzipien des kritischen Journalismus über Bord, um die Wünsche einer PR-Agentur zu erfüllen. 

Vielleicht fragen Sie sich, wie wir vorab von dem Megaprojekt erfuhren? Im Zuge der Recherchen über die Zusammenarbeit zwischen Heller und Basquiat sprach der Autor mit Zeitzeugen. Einer von ihnen erzählte ihm: „Ach ja, 'Luna Luna', das hat doch der Heller diesem Drake verkauft.“ Als die New Yorker PR-Managerin dann anrief, um uns die Geschichte “exklusiv für Europa” anzubieten, konnten wir höflich ablehnen: “Thank you, wissen wir already.” 

Matthias Dusini

Schokolade gefällig? Die geht nämlich immer, zu jeder Tages- oder Jahreszeit. Noch besser schmeckt sie, wenn man weiß, wo sie herkommt. Bei den fairen Bio-Schokoladen von EZA Fairer Handel kommt der Kakao unter anderem aus Peru, wird dann vom Schweizer Chocolatier zu feinster Schokolade verarbeitet, die dann im Supermarktregal oder Weltladen landet. Den Ursprung unserer Produkte können Sie direkt auf unserer Website nachverfolgen.

Teil 3 der Heller-Berichterstattung wirft einen Blick hinter die Kulissen. Es geht um den Kurator Dieter Buchhart, den André Heller angelogen hat, und mit dem er danach eine Firma gründete. "André Hellers patente Partner" beleuchtet auch die Rolle des Wiener Art Managers Amir Shariat, dem Heller den gefälschten Rahmen verkaufte.

Schlummert ein Mörder in jedem von uns? Gibt es die "Bestie Mensch" oder sind es die äußeren Umstände, die den Menschen zum Unmenschen machen? Um diese und andere Fragen geht es in der aktuellen Folge von "Klenk+Reiter", unserem Podcast aus der Gerichtsmedizin. Vier Stationshilfen ermordeten in den 1980er-Jahren mindestens 42 Menschen auf einer Station des Wiener Krankenhauses Lainz, auf der alte und sterbenskranke Menschen untergebracht waren. Die aktuelle Folge hören Sie hier!

Die Nebeltage in Wien werden weniger. Früher legte sich hier im Spätherbst zum Beispiel oft der Nebel auf die Stadt und weigerte sich, wieder aufzustehen. Altgediente Kollegen vom FALTER erzählen gar von Jahren, in denen sie zwischen Anfang November und Ende März nie die Sonne zu Gesicht bekommen haben. Zuletzt haben die Nebeltage in Wien deutlich abgenommen, und zwar messbar. Warum und ob wir in Wien in 20 Jahren einen sonnigen Winter erleben, erklärt Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG) in der heutigen Ausgabe unseres Früh-Newsletters FALTER.morgen. Spoiler: Es hängt zwar auch mit dem Klimawandel zusammen, ist aber gleichzeitig ein gutes Zeichen. Lesen Sie hier rein!


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