Blutiger November - FALTER.maily #954

Daniela Krenn
Versendet am 20.11.2022

Shoura Hashemi hat mir neulich am Telefon erzählt, dass sie einen faden Lebenslauf hat. Und sie hat das echt ernst gemeint. Ich bin da ja anderer Meinung. Hashemi hat zuerst Jura studiert, dann die Diplomatische Akademie besucht, arbeitet jetzt im Außenministerium und - für mich gerade am spannendsten - sie twittert gerade im Minutentakt Videos der iranischen Proteste. Etwas, das gerade extrem hilfreich ist, um das iranische Terrorregime unter Druck zu setzen. Also alles andere als fad.

Dass Hashemi so bescheiden ist, hat vielleicht mit ihren Eltern zu tun. Beide sind im Iran geboren, haben sich dort an der Uni in Teheran kennengelernt und verliebt, waren gegen die Monarchie im damaligen Iran im Widerstand. 1979 kam die Revolution. Mit dieser aber nicht der versprochene Wandel (Hashemis Eltern hofften, wie viele Studierende damals, auf einen linken, dritten Weg), sondern ein kaltblütiges Regime. Die Eltern standen erneut im Widerstand, diesmal gegen Ajatollah Chomeini und die islamische Diktatur. Sie lebten jahrelang im “Untergrund”, erzählt Hashemi, was bedeutete: alle paar Tage oder Wochen den Wohnsitz wechseln und das später auch mit Baby (Shoura wurde 1982 im Iran geboren). Das zweite Kind war schließlich der Auslöser, das Land Richtung Österreich zu verlassen. Die ersten sechs Monate lebten sie in der Geflüchtetenunterkunft in Traiskirchen, dann im 22. Bezirk. Über die Zeit damals sprachen die Eltern nicht mit ihren Töchtern, sie flüsterten miteinander, wenn es um iranische Politik ging, hielten sich auch im Austausch mit anderen Iraner:innen in Österreich bescheiden zurück. 

Aber die Zurückhaltung lag vor allem an der Angst vor dem Regime. Auch hier in Österreich sitzt sie tief. “Ich merke bis heute, dass meine aufpassen, wenn sie mit anderen Iranern reden,” sagt Hashemi. - Warum? - “Die iranische Community, die sich regimekritisch verhält, hat Angst vor der Botschaft, weil man vermutet, dass sie eine Art Spionagenetzwerk betreibt. Sie haben Angst, dass über sie Akten angelegt werden und sie dann, wenn sie einmal in den Iran zurückreisen, verhaftet werden.” Fünfzehn Jahre sind Hashemis Eltern nicht mehr im Iran gewesen. “Ich glaube, dass sie mit uns nicht über das Regime geredet haben, war auch irgendwie zu unserem Schutz.” 

Nur hielt das nicht lange. Als Hashemi älter wurde, stellte sie Fragen. Viele Fragen. Und sie bekam Antworten: dass ihre Eltern in Haft waren, dass sie dort gefoltert wurden. Dass auch ihre Freunde und Familienmitglieder eingesperrt und gefoltert wurden. Dass ihre Freunde hingerichtet wurden. Dass diese Generation ihrer Eltern, die heute im Iran lebt, nicht so aktiv wie die jüngeren auf die Straßen geht, versteht Hashemi. Sie haben Angst, Traumata von vergangenen Tagen. Sie sind die Großeltern der 15- bis 25-Jährigen, die jetzt vom gleichen Regime ebenfalls auf iranischen Straßen hingerichtet, eingesperrt und gefoltert werden. Über 300 Menschen sind seit Beginn der Proteste im Iran vor neun Wochen getötet worden. Fünf hat das Regime zum Tode verurteilt. 15.000 sind eingesperrt.

Wenn Hashemi mit ihrer Familie im Iran schreibt, dann tut sie das über Instagram. Über das soziale Netzwerk schickt ihre Tante Fotos vom Geburtstagsfest, von den Geschenken und der Torte. Über die Proteste schreiben sie nie. “Ich will niemanden in Gefahr bringen, Instagram wird im Iran gefiltert, über gewisse Worte können Menschen ausgeforscht werden. Da muss man aufpassen”, sagt Hashemi. Es ist eine Scheinwelt, die sie hier aufrechterhalten. Ihre Informationen darüber, was gerade im Iran passiert, bekommt Hashemi von anderen Kontakten über verschlüsselte Nachrichtendienste. Eine Quelle schickt sie mir. Es ist ein Link zu einem Telegramkanal, FreedoMessenger heißt er, und er hat über 70.000 Abonnent:innen. 

Ich trete der Gruppe bei, sehe Videos von Menschen, die sich in einer U-Bahnstation drängen und nach Freiheit schreien. Videos von Menschen, die das gleiche auf dicht gedrängten Straßen rufen. Bilder von brennenden Reifen auf der Straße, von blutenden Menschen. Alle diese Szenen geben nur Ausschnitte von der Lage im Iran wieder. Alle paar Sekunden ein neues Video, ein neues Bild. Mit der Übersetzungsfunktion von Telegram lassen sich die Szenen erklären. Aber nicht alle. In diesem Telegramkanal schreiben Journalist:innen und Bürger:innen, es ist nicht immer einfach, die Videos eindeutig zu verifizieren. Aber an andere Berichte aus dem Land ist derzeit kaum zu kommen, weil im Iran lebende Journalist:innen durch ihre Geschichten gefährdet werden können. Eine freie Presse gibt es nicht. 

Um die Proteste von außen zu unterstützen, ist Hashemi auf Twitter aktiv geworden. Seit neun Wochen postet sie unaufhörlich Videos, erklärt, was dabei zu sehen ist, wo welche Proteste gerade stattfinden und wer beteiligt ist. “Das zu teilen ist wichtig, genauso wie auf Demos zu gehen, das setzt das Regime unter Druck,” sagt sie. Und auch: “Ich bin überzeugt, dass ohne die mediale Aufmerksamkeit viele Dinge im Iran anders gelaufen wären, dass die Protestierenden vom Regime brutaler niedergeschlagen wären.” Sie ist nicht die einzige, die außerhalb des Irans die Geschehnisse aus dem Iran teilt, aber sie gehört zu den wenigen, die in Österreich ihre Stimme erheben. In Deutschland zählen zu den Lautesten gerade Natalie Amiri, Gilda Sahebi, Düzen Tekkal, Enissa Aamani, um nur einige zu nennen. Die beiden deutschen Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf überließen erst kürzlich ihre Instagramaccounts mit jeweils über einer Million Follower:innen iranischen Aktivist:innen. Die deutsche Fernsehsendung des ZDF Die Anstalt nannte sich eine Folge lang IRANstalt, lud Enissa Aaami ein und zeigte 45 Minuten lange, wie viel Deutschland eigentlich mit der iranischen Revolution zu tun hat. 

In Österreich ist es medial und politisch ruhiger, was den Iran angeht. Am Freitag trafen die österreichische Journalistin Solmaz Khorsand, die Frauenrechtlerinnen Jaleh Lackner-Gohari und Shiva Badihi und die Künstlerin Rojin Sharafi den Bundespräsidenten Alexander van der Bellen und Doris Schmidauer, um mit ihnen über die Lage im Iran zu sprechen und die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft. Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer schlägt in der Außenwirkung einen ganz anderen Weg ein und trifft sich mit dem iranischen Botschafter (und Vertreter des iranischen Regimes) Abbas Bagherpur und schüttelt ihm lächelnd die Hand. Schade. Dabei sind derzeit die Proteste wieder auf einem absoluten Höhepunkt, wegen der Erinnerung an den “blutigen November” vor drei Jahren. 2019 gingen die Menschen erst wegen der hohen Benzinpreise auf die Straße, dann richtete sich der Widerstand gegen das Regime. Dieses schlug die Proteste damals brutal nieder, erschoss 1500 Menschen innerhalb von drei Tagen. Seit Freitag Abend ist die Gewalt gegen Demonstrierende besonders brutal. Augenzeugen berichten, dass Polizei- und Sicherheitskräfte mit Panzern in die Stadt einmarschiert sind und wahllos auf Demonstrierende geschossen haben. Deswegen ist Shoura Hashemis Weg auch alles andere als fad. 

Einen schönen Sonntag, 

Daniela Krenn

Im letzten Falter hat meine Kollegin Nina Brnada beinahe unmögliches geschafft: Sie hat Stimmen aus dem Iran gesammelt. Gar nicht so leicht, denn aufgrund der Bedrohung durch Gefängnis und Folter trauen sich nicht viele zu reden. Auch wir haben die Personen zu ihrem Schutz anonymisiert. Sechs Personen schreiben Protokolle über die Proteste, ihren Alltag und ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Heute ist der erste Spieltag der Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Eigentlich habe ich ja überlegt, ob ich Ihnen darüber etwas im Maily schreiben soll. Aber eigentlich schauen wir die WM nicht, warum also Zeilen verschwenden? Die Gründe, warum wir die WM boykottieren, hat mein Kollege Lukas Matzinger in acht Punkten aufgeschrieben

Barbara Tóth, Nina Horaczek und Florian Klenk haben 100 Fragen von Leser:innen gesammelt und beanwortet. Und zwar zu allem, was Sie immer schon über Journalismus wissen wollten. Raus gekommen ist ein umfangreiches Nachschlagwerk über österreichischen Journalismus. Woher wissen Journalist:innen immer alles? Wer bestimmt, was in der Zeitung landet? Wie üblich sind Freundschaften zwischen Politiker:innen und Medienmacher:innen? Die Antworten lesen sie hier.

PETER SCHREINER

Blick – Richtung – Mensch

Retrospektive im METRO Kinokulturhaus bis 30.11.2022

Seit 1982 drehte Peter Schreiner mehr als ein Dutzend abendfüllende Filme, die sich den herkömmlichen Genrezuschreibungen verweigern: Sie umspielen das Leben von Freunden und Verwandten, sind Erkundungsreisen durch die Welt und die Möglichkeiten des Kinos, sensible Versuche, sich den Menschen zu nähern.


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