Katars Kunst - FALTER.maily #955

Lina Paulitsch
Versendet am 21.11.2022

Wie Sie vielleicht schon gelesen haben, wird der Falter nicht über die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar berichten. Acht Gründe hat mein Kollege Lukas Matzinger gefunden, um die WM dieses Jahr auszusparen. 

Denn Katar, das ist das reichste Land der Welt, wo Frauen ausgepeitscht, Homosexuelle eingesperrt und Gastarbeiter ausgebeutet werden. Die WM, so die internationale Kritik, habe sich der autoritäre Öl- und Gasstaat trotz widriger Bedingungen gekauft. Und sie diene vor allem dazu, Katars Image am internationalen Parkett aufzupolieren. 

Doch nicht nur Fußball, auch die Kunst ist zentral für die Soft-Power-Strategie des Emirats. Seit einigen Jahren investieren der regierende Emir und dessen Familie intensiv in Museen, Skulpturen und Kunstinstitute. Das Wahrzeichen der Hauptstadt Doha ist etwa das „Museum of Islamic Art“, erbaut 2008 von Stararchitekt Ieoh Ming Pei. Im selben Jahr eröffnete das Auktionshaus Sothebys ein eigenes Büro.

Seitdem richtet der Kunstmarkt alle Augen auf Katar. Als wichtigste Kunstsammlerin der Welt gilt Scheicha al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa al-Thani, die Schwester des Emirs. Im Jahr 2012 kaufte sie Paul Cézannes Bild „Der Kartenspieler“ für 250 Millionen Dollar, 2015 ein Bild von Paul Gaugin für 300 Millionen Dollar. Ihre Museumsbehörde soll jährlich rund eine Milliarde Dollar für Kunst ausgeben.

Auch bei Architekturprojekten kennt der Emir keine Grenzen. Stararchitekt Jean Nouvel verewigte sich mit dem 2019 eröffneten National Museum of Qatar, Kosten: 440 Millionen Dollar. In Planung befindet sich ein weiteres Haus für eine Sammlung arabischer Kunst von den Architekten Herzog & De Meuron. Und: Der Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena soll bis 2030 ein weiteres Museum, das Doha Art Mill Museum, in die Wüste setzen. 

Bei diesen schwindelerregenden Zahlen ist man irgendwann geneigt zu fragen: Wer soll sich das alles anschauen? Katar hat rund 400.000 Einwohner. Hinzu kommen zwar zwei Millionen Wanderarbeiter, aber die leben unter menschenunwürdigen Bedingungen und genießen nicht die gleichen Rechter wie Katarer. Künstlerische Werke, so der westliche Eindruck, dienen dort vor allem dem Prestige.

Wie durch ein Vergrößerungsglas zeigt der Kunstmarkt in Katar seine hyperkapitalistische Identität. Es braucht ganz einfach sehr viel Geld, dann können auch autoritäre Führer die bedeutendsten Künstler locken. Wenn ganz Europa um katarisches Flüssiggas buhlt, hat ein bisschen Avantgarde auch noch nie geschadet.

Während der WM können Touristen übrigens 17 Ausstellungen besuchen – vom französischen Modemacher Christian Dior bis zum Skulpturen-Superstar Jeff Koons. Nur Bier trinken ist verboten. Aber egal. Wir fahren eh nicht hin. 

Einen schönen Abend wünscht

Lina Paulitsch

WM-Ersatzprogramm: Die ARTE-Doku "Katar – Gas und Spiele" gibt einen guten Einblick in den Golfstaat, der wahrscheinlich vielen von uns eher unbekannt ist. Erzählt wird die Geschichte dreier Generationen von Herrschern des Wüstenstaats.

Themenwechsel: Der Biber sorgt in Österreich für Unruhen. Wer im Sommer spätnächtens an der Alten Donau sitzt, sieht ihn seine Kreise ziehen. Und womöglich fehlt am nächsten Tag der ein oder andere Apfelbaum im Garten. Mein Kollege Benedikt Narodoslawsky hat diese Recherche dem Biberboom gewidmet.

... ist die Kolumne "Nüchtern betrachtet" meines Kollegen Klaus Nüchtern. Diesmal gehts um dicke schlechte Literatur. Spoiler: Den Bachmann-Frisch-Briefwechsel können Sie sich vermutlich sparen.

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